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Von Harald Loch
21.06.2012
Literatur

Abgründe

Émilie de Turckheim: Im schönen Monat Mai

Der Roman beginnt fast idyllisch auf dem Lande, inmitten wildreicher Wälder, in einem Gutshaus, das Zimmer an Jäger vermietet. »Mein Vorname ist Aimé«, sagt der 26-Jährige, der dort Hausdiener ist. »Das heißt Lieber, hat aber nichts zu sagen. Ihr werdet schon sehen, ich kann keine Geschichten erzählen.« Nach dem Tod des Inhabers hat er eine Reihe von Stammkunden mit dem testamentarischen Versprechen einer Erbschaft eingeladen. Die finden sich am Ende allerdings auf dem Grund des Gutsteichs wieder.

Die junge Französin Émilie de Turckheim ist eine Meisterin des schwarzen Humors, mit dem sie der menschlichen Niedertracht ein literarisches Denkmal setzt. Aimé ist in einem asozialen Milieu geboren, in das seine Mutter Lucette geschleudert wurde, die ihn über alles liebte, weil ihr jede andere Liebe verwehrt war. Nachdem Lucette sich in einem Stall erhängte, sorgt Aimé für Gerechtigkeit.

Als Leser folgt man ihm in seinem wie beiläufig erzählten mörderischen Treiben nicht ohne Sympathie. Alles wird auf schwarze Weise gut. Das ist mit abgründigem Humor erzählt. Brigitte Große gelingt eine treffende Übersetzung auch der schwierigen Passagen aus absichtlich fehlerhaftem Französisch in gemäßigt unregelmäßiges Deutsch. Es entsteht ein kurzweiliges Buch, dessen Alltagsweisheit weit über das makabre Wochenende auf dem Jagdgut hinausweist und dessen dunkle Seiten nachklingen - so, als müsste man die Bedeutung von »menschlich« und »unmenschlich« künftig umkehren.

Émilie de Turckheim: Im schönen Monat Mai. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Verlag Klaus Wagenbach. 105 S., brosch., 9,90 €.

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