Von Harald Loch
21.06.2012
Sachbuch

Der Widerhall des Urknalls

Die Vermessung des Universums

Der Mensch steht also doch so ziemlich in der Mitte von allem. Jedenfalls, wenn man die Größenverhältnisse betrachtet. Auf der Skala zwischen den kleinsten denkbaren Entfernungen, die sich kein Mensch auch nur vorstellen kann, bis zu den ebenso unvorstellbar großen Entfernungen am Rand des Universums, den es so nicht gibt, steht der Mensch mit seinen 1,60 bis zwei Metern Größe fast in der Mitte. Dieses schöne Bild ist nur eine Nebenbemerkung in dem atemberaubend klugen Buch der amerikanischen Expertin für Teilchenphysik, Stringtheorie und Kosmologie Lisa Randall. Die Karriere dieser genialen Forscherin führte über Princeton und das MIT an die Harvard University, wo sie - wie auf all ihren beruflichen Stationen - als erste Frau den Lehrstuhl für theoretische Physik innehat.

Dem staunenden, dankbaren und immer neu überraschten Leser dieses Buches wird schnell deutlich, weshalb die Autorin meint: »Die größten und aufregendsten Experimente der Elementarteilchenphysik und Kosmologie sind in vollem Gange. Was Naturwissenschaftler innerhalb der nächsten zehn Jahre herausfinden, könnte Hinweise liefern, die letztendlich unser Verständnis des grundlegenden Aufbaus der Materie oder gar des Raums selbst verändern werden.« Lisa Randall verschont uns mit Formeln, ihr Text ringt um Verständlichkeit von an der Grenze des Verstehbaren gehenden Dingen. Sie breitet das Abenteuer Wissenschaft mit einer Leidenschaft aus, die mitreißt.

Man erfährt, was in der riesigen Ringleitung des Large Hadron Collider (CERN) um Genf passiert und vernimmt, dank neuer, leistungsfähigerer Satelliten, ein Hintergrundrauschen aus dem Weltall, das in die Zeit des Urknalls zurückhorchen lässt. Natürlich kann sich keiner die vier-, fünf- oder mehrdimensionale Räume vorstellen, von denen hier die Rede ist, aber dass es Theorien gibt, die auf solchen Modellen beruhen und daraus Welterklärungen entstehen, erläutert Lisa Randall plausibel. Solche Passagen machen ihr Buch zu einem intellektuellen Hochgenuss.

Schon zu Zeiten Galileis waren Mathematik und Physik eine enge Verbindung eingegangen. Die neuesten Theorien werden in mathematischen Köpfen entwickelt. Herausforderung der Physiker der kleinsten wie der größten Dimensionen ist es, jene experimentell zu bestätigen oder zu widerlegen.

Lisa Randall prophezeit: »Wir sehen Entdeckungen entgegen, die ein völlig anderes Universum des 21. Jahrhunderts für den zugrunde liegenden Aufbau des Weltalls und unser Bild seiner grundlegenden Architektur aufgrund der auf uns wartenden Einsichten verändern könnten.« Scheitern ist immer inbegriffen, gehört zum intellektuellen Risiko jeder Forschung. Wunderbar sind die Ausführungen der Autorin zur Ästhetik von Theorien und der Eleganz von Formeln. Hier reißt sie die Hürden zur Philosophie ein und man begreift, welche Nachbarschaften sich im Bereich der Grundlagenforschung (wieder) gebildet haben.

Eine berühmte Frage an Autoren belletristischer Texte lautet stets: Mit welchem Instrument schreiben Sie? Lisa Randall - deren Familienname einmal von einem computergestützten Übersetzungsprogramm mit Rand des Universums treffend falsch übersetzt wurde - schreibt mit der Hand und findet zu ihrer Kreativität auf langen Spaziergängen. So ist auch dieses Buch in Form eines Gesprächs zwischen Spaziergängern verfasst. Lisa Randall verabschiedet sich mit dem Verweis, dass sie nun nach Potsdam fahre, wo sie im Einsteinforum einen Vortrag halten werde.

Lisa Randall: Die Vermessung des Universums. Wie die Physik von morgen den letzten Geheimnissen auf der Spur ist. A. d. Am. v. Jürgen Schröder. S. Fischer, Frankfurt/Main. 491 S., geb., 24,99 €.

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