Von Jirka Grahl
25.06.2012

Torsuche bei Wikipedia

Kein großes Malheur: Frankreich scheidet gegen Welt- und Europameister Spanien im Viertelfinale aus

Erstmals seit den letzten drei großen Turnieren hatte die französische Mannschaft mal wieder die Vorrunde überstanden. Doch gegen Titelfavorit Spanien fehlten der Auswahl von Trainer Laurent Blanc am Samstagabend die spielentscheidenden Mittel. Xabi Alonso traf zwei Mal beim 2:0 der Spanier, denen weiterhin der Glanz von 2008 und 2010 fehlt.

Was für ein Jubiläum für Xabi Alonso: Ausgerechnet im hundertsten Länderspiel glückten dem Basken in Diensten von Real Madrid jene beiden Treffer, die am Samstagabend den Halbfinaleinzug für Titelverteidiger Spanien bedeuteten. Erst traf er mit einem Kopfball in der 19 Minute, nachdem ihn Jordi Alba mit einer passgenauen Flanke mustergültig bedient hatte, und schließlich verwandelte er in der Nachspielzeit auch noch einen Foulelfmeter in gewohnt sicherer Manier (90.+1).

Der 30-Jährige, der bei den Spaniern den Abräumer und Ballweiterleiter gibt, war selbst überrascht: »Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal mit dem Kopf getroffen habe«, rätselte er nach dem Match und riet den Journalisten bei Wikipedia nachzuschlagen. Sechs Jahre liegt der letzte Kopfballtreffer von Xabi Alonso zurück. In der Primera Division 2011/2012 hatte er in 35 Spielen nur einmal treffen können.

Natürlich lobte auch Trainer Vicente del Bosque den Torschützen und erfreute sich an einem Viertelfinale, dass seine Mannschaft am Ende »nicht zu Unrecht« gewonnen habe: »Wir haben den Ball die meiste Zeit kontrolliert.«

Allerdings wurde an diesem Abend in der Donbass-Arena zu Donezk erneut offensichtlich, dass der spanische Kombinationsfluss ins Stocken gebracht werden kann: Immer wieder schafften es die Franzosen, die Kreise von Andres Iniesta, David Silva, Xavi und Cesc Fabregas einzuengen.

Allerdings gelang Franck Ribery und seinen Kollegen gegen die perfekt verteidigenden Europameister kaum etwas nach vorne. Vier Schüsse gen gegnerisches Gehäuse, nur einer zielgerecht aufs Tor - ein toller Freistoß in Minute 32 von Yohan Cabaye, den Iker Casillas aus dem Winkel fischte: Am Ende durfte sich keiner aus der Equipe von Trainer Laurent Blanc beschweren, dass es nichts wurde mit dem erträumten Halbfinaleinzug.

Frankreichs Trainer wollte denn auch keine große Reue erkennen lassen nach der ersten französischen Niederlage in einem Pflichtspiel gegen die Iberer: »Die Spanier sind eine großartige Mannschaft. Wir sollten uns nicht dafür schämen, zu sagen, dass sie eine bessere Mannschaft als wir sind.«

Kein großes Malheur also? Die Grande Nation, vor wenigen Jahren noch absolute Weltspitze, hat auch mit dem Jahrgang 2012 nicht den Skandal von der WM 2010 vergessen machen können, als die Spieler dem damaligen Trainer Raymond Domenech die Gefolgschaft verweigerten. Bei der Vorrundenniederlage gegen Schweden, die eine Serie von 23 ungeschlagenen Spielen beendete, waren Alou Diarra und Samir Nasri in der Halbzeitpause handgreiflich geworden, gestern beschimpfte Nasri die Reporter noch einmal auf unflätige Weise. Trotz überragender Spieler wie Karim Benzema, Franck Ribery oder Yohan Cabaye war für den zweifachen Europameister im Viertelfinale Schluss.

Vom Überstehen der Vorrunde hatte Frankreichs Verbandspräsident Noel Le Graet die Vertragsverlängerung von Laurent Blanc abhängig gemacht. Blanc hatte schon vor der EM sein Engagement bis 2014 verlängern wollen. Ob er nun derjenige ist, der Frankreich in die WM-Qualifikation führt, blieb bis gestern unklar: Der Trainer kündigte Gespräche in den nächsten Tagen an.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken