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27.06.2012

Erdogan überhört

Kommentar von Roland Etzel

Erdogan zeigt sich gern in der Rolle des orientalischen Kriegsfürsten; auch gestern wieder, als sich der türkische Ministerpräsident an Syrien abarbeitete. Ganz im Gegensatz zu den besonnenen Äußerungen seines Staatschefs Gül nach dem Abschuss eines türkischen Kampfjets durch Syrien steigerte sich Erdogan in eine Droh- und Schimpforgie, die auch als Kriegserklärung an das Nachbarland hätte gelten können. Denn was soll es anderes heißen, wenn er sagt, er »unterstützt das syrische Volk mit allen nötigen Mitteln, bis es von der Unterdrückung und den Massakern dieses blutdürstigen Diktators und seiner Clique befreit ist«?

Erdogans Philippika darf als Ausdruck mehrfacher Verärgerung gelten. Zum einen missfällt ihm offenbar die für ihn wohl zu maßvolle Reaktion des NATO-Rats auf seiner gestrigen Sondersitzung in Brüssel. Dort zeigte man augenscheinlich wenig Neigung, sich unversehens in ein Kriegsabenteuer gegen Damaskus ziehen zu lassen - einmal abgesehen davon, dass Erdogan das, was er angeblich als Reaktion auf den syrischen Abschuss androht, seit Monaten längst tut und die NATO es mit Wohlgefallen beschweigt. Zum anderen hat Assads Spiel mit dem Feuer - vermutlich ohne es in diesem Moment gewollt zu haben - Erdogans Supermachtgehabe und seinen Wunschträumen von der Türkei als erstem Ordnungsfaktor in der Region einen Dämpfer versetzt.

Die NATO hat Erdogan überhört. Es gibt keinen Krieg gegen Syrien, jedenfalls nicht jetzt, und damit auch keinen mit deutscher Beteiligung - auch wenn das manche Medien hierzulande wortreich bedauern.

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