Von Frank Hellmann, Donezk
27.06.2012

Unbekannte unter Stars

In Donezk treffen heute Spanien und Portugal im Halbfinale aufeinander

Joao Moutinho und Raul Meireles haben nicht die Kreativität der spanischen Asse, doch bilden sie das wohl ertragreichste Mittelfeldgespann dieser Europameisterschaft

Gemeinhin gilt die Mittellinie beim Aufwärmprogramm für den Gegner als Grenzmarkierung. Jeder wärmt sich artig in einer Spielhälfte auf, das fremde Terrain wird nicht betreten. Zwischen Spanien und Portugal wird es in Donezk jedoch regen Grenzverkehr geben, denn ein paar Hände sollten vordem Halbfinale schon geschüttelt werden. Allein sieben Protagonisten von Real Madrid begegnen sich beim Klassentreffen.

Joao Moutinho wird nicht mitmachen, der unscheinbare 25-Jährige hat bislang nur in der Heimat gekickt, ausgebildet wurde er von Sporting Lissabon, nun spielt er für den FC Porto. Auch Raul Meireles dürfte sich an der Begrüßungszeremonie kaum beteiligen, sondern finster dreinblicken; der furchteinflößend tätowierte 29-Jährige wirkt stets so fokussiert, als müsse er bereits vorher jedem weh tun, der ihm zu nahe kommt.

João Filipe Iria Santos Moutinho und Raul José Trindade Meireles sind nicht die Stars der Selecção, aber sie treten als wichtige Verbündete von Trainer Paulo Bento in den Kampf gegen die namhaften Nachbarn an. Auch ihr Nationaltrainer war früher so ein fleißiger Arbeiter im zentralen Mittelfeld. In ihrer Heimat nennen sie solche Spieler »Klavierträger«. Sie schleppen das Klavier ins Haus, den Beifall bekommen später dann Pianisten wie Cristiano Ronaldo oder Nani. Moutinho und Meireles sind Bentos legitime Nachfolger, wobei Moutinho in Auftreten und Aussagen (»Alle von uns wollen den gemeinsamen Erfolg«) gar als Bruder im Geiste durchgeht.

Mit Meireles und dem zentral dazwischen postierten Miguel Veloso versteht sich Moutinho bei diesem Turnier beinahe blind. Allesamt sind sie selbstlose Balleroberer, sichere Raumversteller und gleichzeitig selbstbewusste Strategen. Mit ihrer Spielintelligenz behaupten sie sich, auch wenn sie nie die Zahl der Ballkontakte ihrer spanischen Mittelfeldkollegen erreichen. Portugals Spiel gehorcht anderen Prinzipien. Moutinho und Meireles müssen schnell umschalten, weil sie dann doch nicht die gestalterischen Fähigkeiten von Iniesta oder Xavi besitzen. Haben sie das Spielgerät nach vorne gebracht, lassen sie Ronaldo und Nani machen.

Portugal besitzt das vielleicht unscheinbarste und doch ertragreichste Mittelfeldgespann der EM. Spaniens Kombinationskünstler werden es nicht so leicht haben wie fast auf den Tag genau vor zwei Jahren im WM-Achtelfinale von Kapstadt. Damals konnten sie auch deshalb ihr 1:0-Lieblingsergebnis durchbringen, weil dem Widerpart ein stabilisierendes Element fehlte. Moutinho stand nicht mal im Aufgebot - Bentos Vorgänger Carlos Queiroz befand, so einen Spieler brauche man nicht.

Spaniens Randfiguren Alvaro Arbeloa und Jordi Alba sollen Portugals Dribbler Ronaldo und Nani stoppen

Die Prozedur ist minuziös geplant und zigmal geübt. Wenn die Nationalhymnen verklungen, die Hände geschüttelt und die Trainingsjacken ausgezogen sind, hat sich jedes der beteiligten Teams für ein Mannschaftsfoto zu positionieren. Nur Sekunden dauert das, die Spieler in der unteren Reihe gehen nicht mal richtig in die Hocke und für den Schnappschuss bleibt den Fotografen kaum Zeit. Auch in Donezk werden kurz vor Anpfiff des Halbfinals Spanien gegen Portugal wieder die Blitzlichter flackern, und so manch einer wird sich fragen: Wer ist eigentlich dieser dunkelhaarige Beau mit der Nummer 17? Und wer die Nummer 18 mit dem Bubigesicht?

Gestatten: Alvaro Arbeloa, 29 Jahre, Real Madrid, rechter Außenverteidiger, 39 Länderspiele, Nummer 17. Und: Jordi Alba, 23, FC Valencia, linker Außenverteidiger, neun Länderspiele, Nummer 18. Eher Unbekannte inmitten von Stars. Ihr Auftrag heute könnte aufregender nicht sein: Arbeloa soll auf seiner Seite Cristiano Ronaldo aufhalten, Alba auf der gegenüberliegenden Flanke Nani. Übersteigerte Furcht hegt keiner der beiden. »Es wird nicht einfach. Aber das ist es nie«, sagt Arbeloa, ein zurückhaltender Zeitgenosse, der den Vorteil hat, dass ihm die Finten Ronaldos aus Madrid vertraut sind. Und Alba? »Ich werde mein Bestes geben«, verspricht ein aufgeweckter junger Mann.

Ihr Auftritt gegen die unberechenbaren Dribbler und Trickser Portugals gilt als Reifeprüfung für eine erst von einem einzigen EM-Gegentor heimgesuchte Abwehr, die gegenüber der WM 2010 nicht wiederzuerkennen ist. Trainer Vicente del Bosque hat hier am meisten verändert - notgedrungen. Für den verletzten Carles Puyol verteidigt Sergio Ramos innen. Also musste ein neuer Rechtsverteidiger her. Del Bosque bevorzugte die Sicherheitslösung. Arbeloa ist keiner für den großen Zauber. »Der Trainer will, dass ich absichere. Ich konzentriere mich darauf, defensiv perfekte Arbeit abzuliefern«, erklärt Arbeloa.

Weil Joan Capdevilla keine Rolle mehr spielt, hat es auch einen neuen Linken gebraucht, doch auch Spanien ist nicht vor dem Mangel an Verteidigern auf dieser Seite gefeit. Als »unmöglich« geißelte del Bosque zwischenzeitlich die Fahndung nach einem Klassemann, ehe ihm das beim FC Valencia vom offensiven Flügelspieler zum defensiven Flitzer umfunktionierte Talent auffiel. Alba interpretiert seine Rolle auch anders als Arbeloa. Stürmischer, aufdringlicher, lauffreudiger. So leitete er im Viertelfinale gegen Frankreich per Flügellauf und Maßflanke das Führungstor von Xabi Alonso ein.

Der FC Barcelona soll längst ein Auge auf Alba geworfen haben. Der Wechsel wird wohl noch in diesen Wochen über die Bühne gehen. Dann würde auch er bald als Star auf dem Mannschaftsfoto erkannt werden. Frank Hellmann

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