Von Jirka Grahl
28.06.2012

Herr Ronaldo sucht das Glück

Portugal verpasst nach einem 2:4 im Elfmeterschießen gegen Spanien das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft 2012

Wozu hat man seine Rituale, wenn sie einem nicht am Ende zum nötigen Glück verhelfen? Auch an diesem Mittwochabend in der Donbass-Arena zu Donezk absolvierte Cristiano Ronaldo sein typisches Vor-Match-Programm. Den Rasen zuerst mit dem rechten Fuß betreten, vor dem Anpfiff noch einmal in die Luft springen, im Bus zum Stadion ganz hinten sitzen, im Flugzeug nach Donezk ganz vorn. Rituale können helfen, doch wie oft erweisen sie sich als nutzlos. Am Ende dieses Tages schüttelte Cristiano Ronaldo nur den Kopf. Im Elfmeterschießen hatte seine Mannschaft das Halbfinale gegen Spanien mit 2:4 verloren.

„Es wird sehr schwer für uns, weil Spanien eine großartige Mannschaft hat. Aber gerade weil es gegen Spanien geht, haben wir auch keinen Druck", mit dieser Einstellung wollte Kapitän Ronaldo sein Team ins Finale führen. „Es wird eine Schlacht." Noch immer ist Ronaldo der Ungekrönte, noch immer fehlt ihm der große Titel. Unvergessen ist, wie er schon als 19-Jähriger nach dem verlorenen EM-Finale 2004 in Lissabon bitterlich weinte. Bei der EURO in seinem Heimatland war einst sein Stern aufgegangen.

Angeführt vom Kapitän zeigte sich Portugal zu Beginn als die deutlich bessere Mannschaft im »clasico iberico«. Statt Andres Iniesta und Kollegen beim Tiki-Taka zuzusehen, entschlossen sich die Portugiesen zu frühem Pressing. Cristiano Ronaldo und seine Angreiferkollegen Hugo Almeida und Nani gingen kompromisslos in die Zweikämpfe, dahinter machten Raul Meireles, Joao Moutinho und Miguel Veloso die Räume dicht. Spaniens legendäre Innenverteidiger Sergio Ramos und Gerard Piqué kamen kaum zur Annahme des Balles, geschweige denn zur Weiterleitung. Nix da mit fröhlichem spanischem Kombinieren.

»Wir müssen versuchen, Ronaldo zu deaktivieren«, hatte Spaniens Trainer Vicente del Bosque gewarnt und dann am Abend mit seiner Aufstellung überrascht: Anstatt mit Fernando Torres oder Cesc Fabregas in der Spitze anzufangen, hatte er Alvaro Negredo (FC Sevilla) in die erste Angriffslinie geschickt. Für das Offensivspiel des Welt-und Europameisters blieb das allerdings komplett ohne Wirkung. Nach vorne gelang nur wenig, ab und an rollte der Ball gar ohne Absicht ins Seitenaus: Fehlpässe bei La Roja! Auf so manchem spanischen Gesicht war an diesem denkwürdigen Donezker Abend Ratlosigkeit zu erkennen.

Immerhin, in Sachen Torchancen herrschte in Halbzeit eins noch ein Patt. Ronaldo-Bewacher Alvaro Arbeloa von Real Madrid vergab in der 9. Minute aus 15 Metern, Ronaldo vertat nach einer halben Stunde von der Strafraumgrenze seine Chance. Viel schwerer als diese Ausgeglichenheit nach Toren wog indes die Überlegenheit der Portugiesen auf dem Platz, die immer wieder jeden Versuch des Ballkreiselns der Spanier unterbinden konnten.

Nach dem Wechsel reagierte Spaniens Trainer del Bosque, dem mittlerweile ein paar Sorgenfalten im Gesicht standen. Er brachte Cesc Fàbregas für den wirkungslosen Alvaro Negredo. Die Portugiesen liefen jetzt etwas weniger, Spanien kombinierte nun flüssiger. Aber es war immer noch Portugal, das durch Cristiano Ronaldo die besseren Gelegenheiten hatte, die Partie zu entscheiden. Erst bei zwei Freistößen (73., 83.) und vor allem bei einem Konter in der 90. Minute, den der teuerste Spieler der Welt aus halblinker Position freistehend über das Tor zog.

So musste die zweite Verlängerung entscheiden: Und da schien sich das laufintensive Pressing der Portugiesen zu rächen. Plötzlich zirkulierte der Ball bei den Spaniern wieder von Fuß zu Fuß, die Sicherheit kehrte zurück, die Titelverteidiger begannen endlich, ihr gewohntes Kombinationsspiel zu zelebrieren. Und prompt wurde es gefährlich vor dem Kasten von Portugals Keeper Rui Patricio, der einen Schuss von Iniesta noch mit den Fingerspitzen am Tor vorbeileiten konnte (102.). Kurz darauf verfehlte Sergio Ramos mit einem Freistoß nur knapp das Ziel (105.+1).

Der 24-jährige Torwart von Benfica Lissabon klärte auch in der 111. Minute, als Jesus Navas im Strafraum aufgetaucht war. Portugal fehlte plötzlich die letzte Luft, um den immer stärker aufspielenden Spaniern noch viel entgegenzusetzen. Man verlegte sich aufs Verteidigen und musste am Ende zufrieden sein, als der gute türkische Schiedsrichter Cüneyt Çakır nach 120 Minuten schließlich abpfiff: Elfmeterschießen.

Gleich den ersten Schuss parierte Rui Patricio: gegen Xabi Alonso. Portugal jubelte. Doch Iker Cassilas zog gleich nach. Er parierte den Elfmeter von Joao Moutinho. 0:0. Dann Iniesta – sicher: zum 1:0. Portugals Pepe gegen seinen Teamkollegen aus Madrid: 1:1. Ganz sicher auch Gerard Pique, er trifft 2:1. Nani zieht souveän nach links: 2:2. Sergio Ramos als vierter Schütze, 3:2 à la Panenka. Und Bruno Alves patzt, Lattenunterkante! Cesc Fàbregas macht dann alles klar: 4:2, Spanien steht zum dritten Mal in Folge in einem großen Finale nach der EM 2008 und der WM 2010.

Auch im Jahr 2012 wird es nichts mit einem großen Titel für den globalen Fußballstar Cristiano Ronaldo. Auch sein Heimatland Portugal muss weiter auf den ersten Turniersieg warten, man bleibt eine titellose große Fußballnation, bis auf Weiteres.

Portugal – Spanien 2:4 i.E. (0:0, 0:0)

Portugal: Patricio - Pereira, Alves, Pepe, Coentrão – Meireles (113. Varela), Veloso (105. Custodio), Moutinho - Nani, Almeida (81. Oliveira), Ronaldo.
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Ramos, Alba - Busquets, Alonso - Silva (60. Navas), Xavi (87. Pedro), Iniesta - Negredo (54. Fàbregas).
Elfmeterschießen: Patricio hält gegen Alonso, Casillas hält gegen Moutinho, 0:1 Iniesta, 1:1 Pepe, 1:2 Piqué, 2:2 Nani, 2:3 Ramos, Alves an die Latte, 2:4 Fàbregas. Schiedsrichter: Çakır (Türkei). Zuschauer: 49 400