30.06.2012

... und es hätte Fisch gegeben

Gregor Gysi im Gespräch mit Harry Rowohlt

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● Wie war Ihre Kindheit?

Die war so, dass ich keine Lust hatte, eigene Kinder zu kriegen. Das mochte ich niemandem zumuten. Meine Eltern konnten sich nicht leiden, sie hatten jeden Tag drei Ehekräche. Die Kräche waren immer während der Mahlzeiten, und da Weihnachten nur gefressen wird, haben sie sich dann nur gekracht. Das fand ich allerdings ganz gut. Ich dachte, jetzt werde ich erst mal nicht erzogen. Aber sobald sie sich beruhigten, war ich wieder dran. Während des Krachs konnte ich heimlich Bücher lesen.

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● Haben Sie früh angefangen zu lesen?

Mit fünf. Meine zweite Verlobte, Katharina im Kindergarten, war anderthalb Jahre älter als ich. Als sie eingeschult wurde, konnte sie plötzlich lesen und schreiben, so dass ich kein Umgang mehr für sie war. Da habe ich meine Mutter solange angemault, bis sie mich auch eingeschult hat. Ich habe also aus Liebe lesen und schreiben gelernt.

● Ihr Vater Ernst Rowohlt war ein bedeutender Verleger. Er publizierte hervorragende Autoren...

Hjalmar Schacht zum Beispiel ...

● Na ja, auch andere.

Aber für Schachts Bücher hat er von Bertolt Brecht eine Ohrfeige kassiert. Auf die war er viel stolzer als auf die meisten seiner verlegerischen Leistungen.

● Wie kam er zu seinem Beruf?

Das war vor meiner Zeit.

● Aber Sie haben es doch sicher mal von ihm erfahren.

Ja?

● Na gut, wenn Sie nicht darüber reden wollen ...

Ich würde sehr gerne darüber reden, ich weiß es nur nicht. In Bremen, am Osterdeich, wohnten die Rowohlts, Garten und Hecke an Garten und Hecke mit den Kippenbergs. Anton Kippenberg war der Gründer des Insel-Verlags. Und da Bremer sparen, hatten sie gemeinsam die Frankfurter Zeitung abonniert. Wenn die eine Familie sie ausgelesen hatte, ging das jüngste Kind damit zu den Nachbarn. Das war bei den Rowohlts mein Vater. So lernte er beim Abliefern der Zeitung einen Verlegerhaushalt von innen kennen und dachte wahrscheinlich: So was will ich auch mal werden.

● Neben anderen Büchern brachte Ihr Vater die rororo-Reihe heraus. Das waren nach 1945 absichtsvoll preiswerte Bücher, die auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich leisten konnten. Sie mögen Ihren Vater nicht sehr, aber das müssen Sie doch anerkennen.

Ja, unbedingt. Wenn man davon absieht, dass die Taschenbücher aus den USA importiert waren, und wenn man ferner davon absieht, dass es die Idee meines Halbruders Heinrich Maria Ledig-Rowohlt war, dann muss man das natürlich sehr sehr anerkennen.

● Haben Sie noch Miteigentum an den Rowohlt-Verlagen?

Nein. Ich habe 49 Prozent der Anteile geerbt und den Nießbrauch hat meine Mutter geerbt, also die Kohle. Die hat sie dann prima verjubelt. Ich habe von ihr ein kaputtes Auto, zwei Ruinen und ein Bankschließfach voller Motten geerbt. Aber ich komme auch ganz gut so mit dem Arsch an die Wand, vielen Dank. Meine Anteile habe ich an Holtzbrinck verkauft.

● Wie haben Sie so perfekt Englisch gelernt, dass Sie Übersetzer werden konnten?

Mein Kollege Hans Wollschläger, der den »Ulysses« übersetzt hat, sagte immer: Zum Übersetzen muss man vor allem die Zielsprache beherrschen. Das war in seinem Fall Deutsch, und ist es in meinem Fall natürlich auch.

● Gut, aber die Quellsprache müssen Sie auch verstehen.

Ich hatte drei sehr gute Englisch-Lehrer an der Schule. Und danach war ich anderthalb Jahre in New York, habe beim Verlag Grove Press als Assistant Designer, also Hilfslayouter gearbeitet. Und wenn man einem Afroamerikaner Satzanweisungen telefonisch durchgibt, lernt man einfach besser Englisch, als wenn man Anglistik studiert. Aber ich habe auch Amerikanistik studiert in München, zweieinhalb Stunden lang.

● Wieso nur zweieinhalb Stunden?

In meinem Seminar waren eine Übersetzer-Kollegin und ein amerikanischer Dozent. Immer wenn ein schwieriges Wort kam, musste ich denen das erklären. Da habe ich mir gedacht, wenn das Studieren ist, habe ich keinen Bock darauf. Ich habe so kurz studiert, ich war noch nicht mal in der Mensa, dabei war es Freitag und es hätte Fisch gegeben. Aber immer, wenn ich in München bin, denke ich gerührt: Ach, meine alte Alma Mater!

● Sie müssen die Unterschiede zwischen britischem und amerikanischem Englisch sehr genau kennen.

Ich übersetze hauptsächlich aus dem US-amerikanischen Englisch. Zum Beispiel bedeutet »pissed off« in den USA sauer oder ungehalten, britisch dagegen betrunken. Das ist ein riesiger Unterschied. Oder »fag«: das heißt auf Britisch Zigarettenstummel und auf Amerikanisch Schwuchtel. Da kann man gar nicht vorsichtig genug sein.

● Eine Sprache zu beherrschen, bedeutet ja noch nicht, dass man Übersetzer werden will. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich habe auf dem Weg zur Arbeit in New York, in einer Buchhandlung in der Bleecker Street, das Buch »The Last Man Alive« von Alexander Sutherland Neill gesehen. Der war Bestseller-Autor des Rowohlt Verlags. Als Rowohlt den Szczesny Verlag übernahm, hat er die ganzen Bücher von A.S. Neill mit dem Schlagwort »anti-autoritäre Erziehung« versehen. Danach verkauften die sich nochmal wie Briefmarken bei der Post. Da habe ich mein Brüderchen gefragt, ob ihm entgangen sein sollte, dass sein Bestseller-Autor Neill nicht nur Bücher über Gören, sondern auch eines für Gören geschrieben hat. Er antwortete mir, das sei ihm keinesfalls entgangen, aber es sei unübersetzbar, weil darin ein 40er Jahre Gangster-Slang vorkomme. Da habe ich mir gedacht, wenn das unübersetzbar ist, dann versuche ich das mal.

● Hat Ihr Bruder geglaubt, dass Ihnen das gelingt?

Nein. Er hat eine Anfangsauflage von 40 000 gedruckt und gesagt: »Du wirst dich furchtbar wundern, wenn du die dann alle in deiner Wohnung unterbringen musst.«

● Das ist ja eine nette Drohung.

Es wurde das erste Kinderbuch, das es je auf die Bestseller-Liste des »Spiegel« geschafft hat: »Die grüne Wolke«. Es gibt heute noch eine Generation von Deutschen, die waren Kinder, als das Buch erschien, und die sagen immer noch: Verfatz Dich! Das ist natürlich der Traum eines jeden Übersetzers, wenn man dann »Verfatz dich« zu ihm sagt.

● Als Kinder in Berlin haben wir immer »Verfatz dich« gesagt.

Sie sind ja mindestens drei Jahre jünger als ich, da kann das schon mal passieren.

● Wieso sehen Sie aus wie Karl Marx? Das ist doch ein bisschen Absicht.

Ich glaube nicht. Ich wollte mit vier Jahren einen Bart haben. Sobald das klappte, habe ich mir einen stehen lassen. Ich musste ihn nur ein einziges Mal abnehmen, im Krankenhaus. In Hamburg war mal ein Vollbart-Träger bei einer Operation verstorben, weil der lebensrettende Sauerstoff sich in seinem Bart verfing. Seitdem müssen in Hamburg alle Bartträger vor der Operation den Bart abnehmen. Das hat bei mir zweieinhalb Stunden gedauert, weil ich mich noch nie rasiert hatte.

● Aber wie Karl Marx auszusehen, hat Ihnen doch Spaß gemacht?

Ja, aber als ich mir einen Bart wünschte, wusste ich noch nichts von Karl Marx.

● Zurück zum Übersetzer Harry Rowohlt. Werden Übersetzer schlecht bezahlt?

In den alten Bundesländern, ja. Da haben sie auch überhaupt keinen sozialen Status, man kennt nicht einmal den Unterschied zwischen belletristischen Übersetzern und Dolmetschern. Dolmetscher bewundere ich übrigens sehr, besonders weil sie abwarten müssen, bis sie den ganzen Satz gehört haben. Im Deutschen kommen bei komplizierteren Sätzen die Verben immer am Schluss, und die entscheiden alles. Man muss sich den ganzen Satz antun, bevor man weiß, worum es überhaupt geht: Hat er sie geküsst, hat er ihr fünf Euro geliehen, hat er sie umgebracht - man wird es nie erfahren, wenn man nicht alles hört.

● Wenn Sie einen lebenden Autor übersetzen, sprechen Sie dann mit ihm über sein Buch?

Wenn ich Fragen habe und der Autor lebt, frage ich ihn natürlich nach allem, was ich beim Nachschlagen und beim Herumfragen nicht finde. Zum Beispiel Kurt Vonnegut, als er noch lebte: In einem seiner Bücher tauchten drei Fragen auf, die er nicht beantwortet hat. Erstens: Warum wurde George Washington in einem Hügel beigesetzt? Zweitens: Warum tragen Feuerwehrleute rote Hosenträger? Und drittens: Was ist das Weiße in der Vogelscheiße? Da habe ich bei ihm nachgefragt und bekam brieflich eine völlig fassungslose Antwort: Mein Gott, an was für einen ignoranten Übersetzer bin ich denn geraten, das weiß doch nun wirklich jeder! George Washington wurde in einem Hügel beigesetzt, weil er tot war. Die Feuerwehrleute tragen rote Hosenträger, damit ihnen die Hosen nicht rutschen. Und das Weiße in der Vogelscheiße ist natürlich ebenfalls Vogelscheiße.

● Das überzeugt. Übersetzen Sie das Original möglichst genau oder leitet Sie mehr der Gedanke, den Text im Deutschen so verständlich wie möglich zu schreiben?

Da gibt es die alte unwiderlegte Faustregel: So wörtlich wie möglich, so frei wie nötig. Oder wie wir Übersetzer auch gern sagen: Kommen Sie mir doch nicht immer mit dem Original!

● Wie kamen Sie als Übersetzer in die »Lindenstraße«?

Übersetzen ist ja nur einer von meinen fünf Jobs, allerdings der zeitintensivste.

● Und die anderen vier?

Über-die-Käffer-Tingler und dabei Laut-und-mit-Betonung-Vorleser, CD-Vollquatscher, »Zeit«-Kolumnist und Kleindarsteller in der Vorabendserie Lindenstraße.

● Das sind mit dem Übersetzer sechs Jobs.

Es sind fünf. Hier: Ich habe doch keine sechs Finger.

● Dann habe ich was getrennt gezählt, was Sie addieren. Wie dem auch sei: Wie sind Sie zur »Lindenstraße« gekommen?

Ein Journalist von »Essen und Trinken« rief mich an und sagte, sie bitten jeden Monat einen Prominenten, sich ein Restaurant auszusuchen. Es müsse aber innerhalb Europas sein. Und dann kann der sich vollfressen und breitsaufen und wird dabei geknipst und interviewt. Ich habe ihm gesagt, er soll mich am Arsch lecken, ich sei von Beruf nicht Promi, sondern belletristischer Übersetzer, könne mir gleichwohl mein Mittagessen immer noch selbst bezahlen. Aber meine Frau meinte: »Du hättest es auch etwas netter ausdrücken können und hättest das Restaurant Akropolis in der Lindenstraße nennen können.« Das fand ich eine gute Idee und habe ihn zurückgerufen und gesagt: »Mir ist doch noch ein Restaurant innerhalb Europas eingefallen, das Akropolis in der Lindenstraße.« Ich dachte, jetzt hätte ich Ruhe. Aber der rief drei Tage später wieder an und sagte: »Das Lindenstraßen-Team freut sich auf unseren Besuch.«

● Und dann sind Sie gleich da geblieben?

Wir haben jeder 100 Mark Komparsengeld bekommen und sind auch gefilmt worden. Ich zweimal von links und einmal von hinten, er zweimal von rechts und auch einmal von hinten. Und danach hat uns die Pressetante überall herumgeführt und zum Abschied zu mir gesagt: »Schönen Gruß von Herrn Geißendörfer und den beiden Drehbuchautorinnen, alle drei sind begeisterte Leser Ihrer Kolumne Pooh's Corner in der ›Zeit‹ und würden Ihnen, wenn Sie wollen, gerne eine kleine Rolle rein schreiben.« Da habe ich gesagt: »Dann aber bitte einen Penner, das ist die einzige Randgruppe, die dort noch nicht vorgekommen ist.« So wurde ich in die Festanstellung übernommen.

● Und sind seitdem auch Schauspieler.

Ach, nur weil ich in der »Lindenstraße« mitspiele, bedeutet das doch nicht, dass ich Schauspieler bin.

● Na gut, nur weil man im Bundestag ist, muss man auch nicht Politiker sein.

2009 lasen sie gemeinsam Briefe für die CD »Marx und Engels intim«, im Oktober plauderten sie am Deutschen Theater, jetzt saßen sie auf der roten Couch beim »Fest der Linken« in der Kulturbrauerei: Gregor Gysi befragt Harry Rowohlt zu seiner Kindheit und wie er Übersetzer wurde - ein Auszug.