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Von Oliver Mucha und Erik Roos, SID
30.06.2012

Der Anfang eines Traums

Italien will nach dem Halbfinalsieg gegen die DFB-Elf am Sonntag die Spanier vom Fußballthron stoßen

Zwei Jahre nach der WM-Blamage von Südafrika greift Italien nach der EM-Krone. Ins Finale gegen Spanien geht die Mannschaft von Trainer Cesare Prandelli mit viel Selbstbewusstsein.

Als der alte Gassenhauer »Azzurro« verklungen war und der erste Adrenalinrausch nachließ, klingelte das Telefon. Ein Anruf aus Italien von höchster Stelle - in der Leitung: Staatsoberhaupt Giorgio Napolitano. Der oberste Tifoso wollte es sich nicht nehmen lassen, seine Botschaft an Trainer Cesare Prandelli und Torhüter Gianluigi Buffon höchstpersönlich zu übermitteln. »Dieser Sieg ist eine einmalige Leistung«, sagte Napolitano, »es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie toll diese Mannschaft ist.«

Angeleitet von Prandelli, geführt vom genialen Strategen Andrea Pirlo und vollendet vom zweifachen Torschützen Mario Balotelli ist Italien nach dem 2:1 (2:0) im EM-Halbfinale gegen Deutschland wieder obenauf. Die Squadra Azzurra, erschüttert von einem Wett- und Manipulationsskandal, hat wieder einmal allen Widrigkeiten getrotzt. Nur zwei Jahre nach der Blamage bei der WM in Südafrika ist sie nun drauf und dran, die Herrschaft der Spanier über die Fußballwelt im EM-Endspiel am Sonntag im Kiewer Olympiastadion zu beenden.

»Das Halbfinale war nur der Anfang eines Traums. Ich glaube, dass Spanien nach wie vor der Favorit ist. Aber wir werden die Herausforderung annehmen und Spanien einen großen Kampf bieten«, versprach der gelöste Prandelli nach dem Sieg gegen Deutschland. Sorgen, dass Italien seine Kraft schon vergeudet hat, wischte er beiseite. »Wir werden eine fitte italienische Mannschaft erleben.« Dem Europa- und Weltmeister hatten die Italiener im ersten Gruppenspiel ein verdientes 1:1 abgetrotzt.

Was Prandellis Squadra Azzurra auszeichnet, musste die deutsche Mannschaft schmerzhaft erfahren. Der geniale Pirlo dirigierte unnachahmlich das Spiel des viermaligen Weltmeisters. Vor ihm hebelte Riccardo Montolivo mit Traumpässen immer wieder die deutsche Abwehr aus, im Angriff bereiteten Doppeltorschütze Balotelli (20./36.) und Antonio Cassano den Innenverteidigern Holger Badstuber und Mats Hummels einen albtraumhaften Abend. »Die Italiener«, stellte Hummels anerkennend fest, »hatten acht Leitwölfe auf dem Platz.«

Vor zwei Jahren war Titelverteidiger Italien bei der WM ohne Sieg in der Vorrunde gescheitert. Seitdem bastelt Prandelli am neuen Italien. Er verlässt sich auf seine Stars, es ist ihm aber auch gelungen, ein echtes Team zu formen. Die Azzurri sind trotz Ausfällen in der Abwehr stabil, im Mittelfeld dank Pirlo kreativ und im Angriff brandgefährlich.

Die Erinnerungen an die WM 2006 sind nun präsenter denn je. Im Endspiel in Berlin standen fünf Italiener auf dem Platz, die als Spieler von Juventus Turin vom bis dahin größten Skandal der italienischen Fußballgeschichte betroffen waren. Am Ende holten sie im Elfmeterschießen (5:3) den Titel gegen Frankreich. Geht es nach dem deutschstämmigen Montolivo, wird das am Sonntag ähnlich sein. »Die Chancen stehen 51:49 - für uns«, sagte der Mittelfeldspieler des AC Florenz.

Balotelli gibt sich vor dem Showdown in der Ukraine handzahm und wollte von seiner Rolle als Matchwinner nichts wissen. Es sei nicht so wichtig, dass er zwei Tore geschossen habe. Das Wichtigste sei gewesen, dass man das Spiel gewonnen habe. Prandelli scheint den Skandalprofi zumindest ansatzweise hinbekommen zu haben. Aber auch sonst hat der Allenatore seine Mannschaft im Griff und beweist bei Taktik und Aufstellung ein gutes Händchen.

»Wir waren gut auf die deutsche Mannschaft vorbereitet. Wir wollten den Ball immer im Zentrum halten und es war unser Vorteil, dass wir immer einen freien Spieler im Zentrum hatten«, sagte Prandelli. Die Deutschen merkten das zu spät.

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