Krieg, Waffenlieferungen, Ausbeutung Fluchthelfer sind nicht das Problem.
Linker Journalismus gegen (geistige) Brandstifter.
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03.07.2012

Kater

Martin Hatzius

Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins - vorbei. Das Spiel ist aus, die Luft ist raus, die Leute gehen nach Hause. Und alles ist fast wieder so, wie es war. Mich erinnert die Zeit nach der EM an die Tage nach Weihnachten. Zuerst waren die Erwartungen riesengroß, genauso wie jedes Mal. Löw in Lwiw: Die Zeit ist reif; wir witzigen Wichtel sind Spitze. Aber dann läuft doch wieder alles wie immer: der gleiche Braten, wieder diese Soße, dieselben Tischgespräche (Bela Rethy) - Vorfreude, schönste Freude, Halbfinalaus. Und der Meister von Morgen ist der Meister von Gestern, heute: Spanien. Die anderen sind enttäuscht über die dürftige Ausbeute, geben sich mit hängenden Köpfen ihrer etwas fad schmeckenden Katerstimmung hin und nehmen sich in der Sylvesternacht - zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins - vor, dass es beim nächsten Anlauf aber auf jeden Fall und ganz bestimmt und so was von und so weiter.

Dass manche Leute immer noch nicht ihre Fähnchen von den Balkonbrüstungen abgewickelt haben und nach wie vor beflaggt durch die Straßen fahren, wundert mich gar nicht. Das sind dieselben, die ihr vollständig entnadeltes Weihnachtsbaumskelett erst im April auf den Gehweg werfen. Alkoholiker, wahrscheinlich. Traurig, so was. Pegeltrinker, die einfach nicht mitbekommen, wann Schluss ist: zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, neun ... Da wird einem doch ganz schwummrig. Nein, nein: Rausch ist Rausch, Kater ist Kater. Beides zusammen ist bloß Rauschen.

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