03.07.2012

»Gegner ist die neoliberale Oligarchie«

Ramiro Saravia Coca über den Konflikt rund um den Straßenbau in Boliviens Naturpark TIPNIS

Ramiro Saravia Coca ist Aktivist von Red Tinku, einer Freiwilligenorganisation gegen Medienmacht. Seit dem »Wasserkrieg von Cochabamba« 2000 gegen die Privatisierung der Wasserversorgung informiert Red Tinku auf dem Hauptplatz der Stadt in offenen Gesprächen täglich über Politik und Gesellschaft. Mit Saravia sprach für »nd« Benjamin Beutler.
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Ramiro Saravia Coca

nd: Zum zweiten Mal nach 2011 haben Bewohner des »Indigenen Territoriums Nationalpark Isiboro Sécure« (TIPNIS) einen Protestmarsch in die Hauptstadt La Paz durchgeführt. Die Amazonas-Indígenas wollen weiter den Bau einer Straße durch einen Naturpark verhindern. Ihre Begründung: Unter dem Schutz der regierenden »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) würden Kokabauern aus dem Hochland vorrücken, Regenwald abholzen und so ihre Lebensgrundlage vernichten. Ist Präsident Evo Morales ein Umweltsünder oder gar Verräter seiner Brüder aus dem Tiefland?
Saravia Coca: Natürlich nicht! Nach 500 Jahren Ausgrenzung durch die alten Eliten wird die indigene Bevölkerungsmehrheit erstmals in Politik und Gesellschaft einbezogen. Die neue Verfassung von 2009 will Schluss machen mit der bolivianischen Apartheid. TIPNIS ist ein aufgebauschter Konflikt der Tagespolitik. Morgen zieht die Opposition einen neuen aus dem Hut. Seit Morales als erster Indigener an die Staatsmacht gekommen ist, versucht die politische Rechte Menschen im Inland und auf internationaler Bühne zu verwirren. Privatmedien spielen da bereitwillig mit. »Evo spaltet Bolivien« ist der Dauerbrenner. Oder mehr Drogenhandel und mehr Korruption. Angeblich geht auch unsere Wirtschaft den Bach runter. Die Realität zeigt das Gegenteil. Der einfache Koka-Bauer, auch indigen, wird als Drogenhändler ohne Respekt vor der Natur in ein schlechtes Licht gerückt. Das Ziel ist klar: Hochland-Indigene gegen Tiefland-Indigene ausspielen.

Ist die Straße nicht wirklich eine Gefahr für Regenwald und Parkbewohner?
TIPNIS ist kein reiner Umweltkonflikt, wie es aller Welt untergejubelt wird. Das ist Machtpolitik pur. Tourismusbranche, Rindfleisch-Monopolisten und Händler mit künftigen CO2-Emissionszertifikaten aus Santa Cruz sehen ihre Interessen gefährdet. Dafür unterstützen sie die Straßenbau-Gegner. Ich möchte eines klarstellen: Die Mehrheit der indigenen Gemeinden im Amazonas will die Straße. Die übrigens, wie oft übertrieben wird, keine mehrspurige Autobahn ist. Sie brauchen und wollen Zugang zu Bildung, Gesundheit und Grundversorgung. Zudem verbindet die Straße erstmals das Tal von Cochabamba im Hochland mit dem Departamento Beni im Amazonas-Tiefland ohne den Riesenumweg über Santa Cruz, eine alte Forderung von 1826.

... und die Abholzung?
TIPNIS war nie das unberührte Paradies, das jetzt vor seiner Eroberung und Zerstörung steht. Ethnien aus Hochland und Tiefland leben hier zusammen. Schon vor 1990, als das Gebiet zum Nationalpark und Indigenen-Gebiet erklärt wurde. Bauern pflanzen neben Koka auch Maniok, Reis, Kartoffeln, Bananen und Zitrusfrüchte. Gerade passiert Folgendes: Die Cocaleros (Kokabauern) und mit ihnen Präsident Morales werden verteufelt. Morales ist zugleich Generalsekretär der Gewerkschaft der Kokabauern. Strategie ist die Spaltung der Indigenen-Bewegung.

Sind mehr Straßen nicht Luxus?
Im Gegenteil. Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas, hat die wenigsten Straßen. Dreimal so groß wie Deutschland, aber nur knapp 4600 Kilometer Asphalt. Indigene auf dem Land sind vom Rest der Welt ausgeschlossen. Der Handel mit ihren Erzeugnissen scheitert im Inland an der Distanz. Es ist also absurd, gegen den Straßenbau zu sein. Einige Spitzenfunktionäre, die nicht im Park leben, sind gegen den TIPNIS-Straßenbau. Die Mehrheit hat das jetzt erkannt. Adolfo Chávez, Vorsitzender des Tiefland-Indigenenverbandes CIDOB - treibende Kraft hinter dem TIPNIS-Protest - wurde seines Amtes enthoben. Auch, weil er gegen den Willen der Basis mit der rechten Präfektur von Santa Cruz einen Pakt schloss.

Viele Städter unterstützen den Schutz des Regenwaldes. Hat Bolivien eine neue Umweltschutzbewegung?
Also diese Heuchelei regt mich auf. Seit meiner Jugend bin ich in grünen Themen aktiv. Wir waren immer eine Randerscheinung. Die meisten »Grünen« in Bolivien sind Berufsfunktionäre. Bezahlt von Umweltorganisationen und Stiftungen aus dem Ausland. Sie schreiben in Zeitungen, Stiftungsbroschüren, Internet-Blogs. Sie »saugen die Brust« der Ausländer, wie wir sagen. Es gibt kein neues Umweltbewusstsein. Das ist Show. Nimm den TIPNIS-Schützern das Geld aus Europa und den USA und alles löst sich in Luft auf. Die »Grünen« sind nicht auf Freiwilligenbasis organisiert, sondern Sozialfirmen im Namen der Armen. In den Nichtregierungsorganisationen (NRO) ist die »Öko-Mittelklasse« angestellt. Wir von unten nennen diese falschen Umweltschützer »die Beleidigten vom Prozess des Wandels« oder »TIPNIS-Fashionistas«.

Kritik kommt von linken Kreisen um den Ecuadorianer Alberto Acosta. Steigende Rohstoffexporte der Linksregierungen führten zu mehr Umweltschäden und sozialen Konflikten als unter neoliberalen Vorgängerregierungen ...
NRO und Stiftungen wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Deutschland kommen nach Bolivien. Sie nehmen den Mund voller neuer Theorien, reden vom »Neo-Extraktivismus«. Dabei setzen sie völlig falsche Schwerpunkte. Der echte Gegner ist die neoliberale Oligarchie nicht die Morales-Regierung und ihre Umweltpolitik. Sie macht Fehler, klar, es gibt interne Widersprüche. Kritik ist eine Sache, Angriff die andere. Hier wird der Rechten in die Hände gespielt, die wieder an die Macht will. Wir wollen eigene Entwicklungswege. Aber das Vivir Bien/Sumak Kawsay (Gut leben) als ein Gleichgewicht mit der Natur heißt nicht Verzicht auf den Bau von Infrastruktur für die Menschen. Diese akademische Extraktivismus-Debatte erinnert mich an radikalisierte Bürgersöhne der 60er und 70er Jahre. Damals wurde gestritten, wer der Roteste ist. Heute, wer der Grünste ist. Für mich ist das ein Mode-Diskurs der urbanen Mittelklasse. Bildung für politische Kader auf dem Land, da ist Hilfe der deutschen Linken gefragt.

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