Von Jérôme Lombard
04.07.2012

Mit dem Mut der Erfahrung

Aus Protest gegen die Kürzungspolitik des Bezirks besetzen Senioren im Berliner Stadtteil Pankow kurzerhand ihr Clubhaus

»Wir lassen uns hier nicht vertreiben!«, ist das Motto von Senioren aus Berlin. Ihr landeseigenes Seniorenfreizeitheim soll wegen zu hoher Unterhalts- und Sanierungskosten verkauft werden. Die Senioren besetzten am 29. Juni das Haus. Sie wollen bleiben und auch ein Zeichen gegen die Privatisierung von öffentlichem Eigentum setzen.
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Ihre Sprecherin ist Doris Syrbe.

Doris Syrbe läuft geschäftig vom Clubraum durch die Gemeinschaftsküche zu dem kleinen schwarzen Schreibtisch im benachbarten Eckzimmer. Von diesem Platz an der Frontseite der grauen Villa in der Pankower Stillen Straße 10 hat man dank der großen hohen Fenster einen vorzüglichen Blick auf den dicht bewachsenen Vorgarten.

Doch zum Verweilen bleibt der zupackenden Frau mit dem flotten Kurzhaarschnitt keine Zeit. Sie will schnell ans Telefon. Der Apparat klingelt ununterbrochen, die Kaffeemaschine ist im Dauerbetrieb. Ständig kommen weitere Neugierige und Unterstützer in das Haus am Majakowskiring im Stadtteil Niederschönhausen.

Die 72-Jährige ist Vorsitzende des Clubvorstandes des Seniorentreffpunktes. Dieser besteht seit Beginn der 90er Jahre und sie ist seit der Besetzung seine Pressesprecherin. Mit eindringlicher Stimme erklärt sie jedem Interessierten persönlich Hintergrund und Ziel der am letzten Freitag begonnenen Hausbesetzung. »Der Erhalt des Hauses ist für uns alle ein Herzensanliegen. Seniorengruppen sollen hier auch weiterhin die Möglichkeit haben, gemeinsam geistig und körperlich aktiv zu sein. Wir wollen uns nicht einfach vertreiben lassen. Zu sechst halten wir dieses Haus bis auf Weiteres besetzt«, bekräftigt sie.

Direkt hinter ihr hängen neben den fein-säuberlich aufgeführten Kursangeboten gelbe Plakate mit Aufschriften wie »Stille Straße nicht verschachern« und »Wir bleiben alle«.

Die vermeintlichen Sachzwänge

Die Begegnungs- und Freizeitstätte für Senioren sollte nach den Plänen des rot-grün regierten Bezirks bereits Ende Juni geschlossen werden. Als Begründung führt die zuständige Bezirksstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) die hohen Betriebskosten von jährlich rund 60 000 Euro und die notwendigen Instandsetzungsaufwendungen von über zwei Millionen Euro an. Die Besetzer können bei diesen Zahlen nur den Kopf schütteln.

Die angegebenen Kosten für die Sanierung seien rein fiktiv und könnten durch kein Gutachten bestätigt werden. Es erzürnt sie, dass die Stadträtin zwar wiederholt die Wichtigkeit der Freizeitstätte betont habe, sich aber dennoch auf angebliche Sachzwänge berufe.

»Bei solchen Politikern ist es doch kein Wunder, dass die Leute keine richtige Lust mehr haben, wählen zu gehen«, ruft eine grauhaarige Besetzerin im wallenden Kleid. Sie beteiligt sich an einer der vielen Diskussionen zwischen Tür und Angel. »Meine Generation musste noch hungrig zur Arbeit gehen. Jetzt werden wir nur noch als Ballast gesehen«, schimpft die rüstige Frau über 80.

Bereits vor zwei Jahren gab es Vorstöße des Bezirks, die landeseigene Villa samt Grundstück zu verkaufen. Damals konnten die Senioren allerdings eine unbefristete Zusage für die weitere Nutzung erwirken. Jetzt soll das gesamte Grundstück aber doch endgültig verkauft werden. Die insgesamt 29 Seniorengruppen müssten auf andere Einrichtungen ausweichen.

»Niemand hat behauptet, dass die Schließung des Freizeitheims eine schöne Sache ist« betont der stellvertretende Bezirksbürgermeister Jens-Holger Kirchner (Grüne). Man wolle die Senioren für den 10. Juli nochmals zu Gesprächen einladen. Eine Räumung des Hauses sei bislang keine Option. »Wir weisen aber darauf hin, dass die Personen sich momentan illegal im Haus aufhalten.« Das klingt dann aber doch wie eine leise Drohung aus dem Rathaus.

Kein zweites »Städtchen«

Peter Klotsche, Ruheständler und Mitbesetzer, bereitet in der Küche Pfifferlinge mit Zwiebeln zu. »Alle Lebensmittel, die Sie hier sehen, sind uns aus Solidarität vorbeigebracht worden«, sagt der Mann mit dem weißen Kinnbart und zeigt auf ein paar Schalen mit Erdbeeren, zwei Körbchen mit Pfifferlingen und einige Weinflaschen auf der Küchentheke. »Dieses tolle Haus muss einfach als Freizeitheim für uns Ältere erhalten bleiben. Gerade auch für nachfolgende Generationen von Senioren«, fordert er.

Die Clubvorsitzende nickt zustimmend und fügt hinzu: »Wir wollen ein offenes Haus für alle. Der Bezirk sorgt aber mit seiner Politik dafür, dass im ganzen Kiez nur noch finanziell Privilegierte wohnen können. Das wäre dann genau wie damals.«

Denn zu frühen DDR-Zeiten wohnten rund um den Majakowskiring SED-Größen wie Erich Honecker, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht. Auch der Schriftsteller Hans Fallada hatte hier einst sein Zuhause. Das Viertel war bis in die 70er gut bewachtes Sperrgebiet und von der Außenwelt abgeschottet. Die Gegend nahe dem Schloss Niederschönhausen wurde zumeist nur das »Städtchen« genannt.

In den letzten Jahren hat sich der Ortsteil im Nordosten Berlins enorm gewandelt. Zu den zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Häusern gesellten sich viele viergeschossige Townhouses. Andere historische Stadtvillen wurden wiederum abgerissen.

Solidarität macht Besetzern Mut

Die mit 72 Jahren zu den jüngeren Clubmitgliedern gehörende Doris Syrbe schaut auf die von der Nachmittagssonne hell beleuchtete Veranda und berichtet über gemeinsame Wanderungen, Skatabende und Ausflüge ins Umland. Sie kommt dabei förmlich ins Schwärmen.

Im nächsten Moment wird sie wieder ernst. »Wir standen vor der Entscheidung: Entweder wir verlassen unsere Freizeitstätte für immer oder wir kämpfen um sie.« Es sei vor allem die von so vielen Seiten entgegengebrachte Solidarität, die sie und die anderen Besetzer darin bekräftigen, dass die Besetzung das Richtige ist. »Die bisherigen Vorschläge zur Aufteilung der Gruppen sind für uns nicht akzeptabel. Weitere Anfahrtswege und eine ganz andere Umgebung sind für ältere Menschen nicht zumutbar. Die reißen unsere zusammengewachsene Gemeinschaft auseinander«, argumentiert die Vorsitzende.

Ein junger Mann, der gerade beim Abwasch mithilft, erklärt sich mit den Besetzern solidarisch. »Immer mehr öffentliche Gebäude werden privatisiert. Die ganze Stadt wird noch ausverkauft«, erläutert er eingängig. Insbesondere gefalle ihm, dass die Besetzung bereits so viele unterschiedliche Menschen zusammengebracht habe. Tatsächlich ist die Seniorenbegegnungsstätte in der kurzen Zeit ein richtiges Mehrgenerationenhaus geworden. Junge Unterstützer diskutieren mit Ruheständlern über den aktuellen Stand der Dinge.

Ob die Besetzung Erfolg haben wird, weiß hier niemand. Die Senioren verstehen ihre Aktion auch als Kampf für soziale Gerechtigkeit und gegen Altersarmut. Sie hoffen, dass ihr Beispiel Schule macht. Doris Syrbe blickt auf die Uhr. Sie muss wieder ans Telefon.

Vorerst bis Freitag soll die Villa noch besetzt gehalten werden. Dann werden die Senioren gemeinsam über das weitere Vorgehen entscheiden.

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