05.07.2012

Bürger, macht die Wohnstuben auf

RAND I: Neue Musik - Helmut Zapf über die »Randspiele« Zepernick

HELMUT ZAPF, Jg. 1956, kommt aus der Kirchenmusik, studierte Orgel, Kontrapunkt und Tonsatz. Arbeit als Organist und Chorleiter in Eisenberg (Thüringen). 1982 bis 1986 Meisterschüler bei Georg Katzer an der DDR-Akademie der Künste. Seit 1987 freiberuflicher Komponist. Solowerke, Ensemblemusiken, Orchesterwerke, Kammeropern. Zapf organisierte 1992 erstmals die »Zepernicker Randfestspiele« in der Sankt-Annen-Kirche Zepernick und leitet sie seitdem künstlerisch. - Heute beginnt der 20. Jahrgang. Diesmal in der Kirche Nikolassee am Westrand von Berlin.
nd: Nach 20 Jahren »Randspiele« und etlichen Problemen - reicht die Puste noch?
Zapf: Das Land wird immer bürokratischer. Mal fließen Gelder, mal weniger oder spärlich. Jeder Euro muss minutiös nachgewiesen werden, als ginge es um Millionen. Das nimmt einem ganz schön den Atem.

Aber es macht noch Spaß?
Ich muss sagen, immer weniger.

Soll es weitergehen?
Ich brauchte dazu noch andere Partner, etwa einen Komponisten, der hineinwächst in diese vertrackte, aufwendige Organisation der Spiele. Deren Tradition sollte sich verfestigen, auf zusätzlichen Füßen.

Manchmal standen die »Randspiele« kurz vor dem Aus.
Dann flossen die Gelder nur zur Hälfte, und nur ein Idealismus rettete sie. Glücksfall, dieses Jahr konnten wir sogar einige bezahlte Kompositionsaufträge vergeben, über Gelder von der Ernst von Siemens Musikstiftung. Das ist was Besonderes für uns.

Sie machen das Festival ehrenamtlich?
Ja, mit meiner Frau zusammen. Sie ist Kantorin in St. Annen.

1992. Etliches in der Kultur brach weg, auch die Sonderrolle von Komponisten verschwand. Auffangnetze waren gefragt. Wollten Sie eins spannen?
Damals kam sofort das Argument, die »Randspiele« seien das Auffangbecken für die Ostkomponisten. Es stimmt, aber ich empfinde es einfach als natürlich, an seine Freunde zu denken. Die mussten ja wie ich unter anderen Bedingungen irgendwie weitermachen. Die brauchten Podien.

Ein redliches Motiv.
Schon. Aber die »Randspiele« sind eher entstanden aus der existierenden Kirchenmusikreihe mit monatlichen Konzerten. Die boten auch neue Musik, in gemischter Form, mit traditioneller Musik zusammen. Daran anknüpfend hat sich zusammen mit Freunden die Idee ergeben: Na, lasst uns doch mal einen ganzen Samstag oder ein Wochenende machen - nur neue Musik. Die haben wir umgesetzt und bald gemerkt, dass das ganz gut geht. Und dann wurden es drei Tage hintereinander.

Der Titel: »Randspiele«?
Der kam völlig spontan. Man fühlte sich am Rand.

Was wollen die »Randspiele«?
Wir wollen intime Kreise ansprechen, in denen moderne Musik gehört wird. Mit einer familiären Atmosphäre. Stars hatten und haben da nichts zu suchen. Das Ambiente der St. Annen Kirche spielt eine Rolle, die Räumlichkeiten des neuen Gemeindehauses. Das ist so etwa die Philosophie der Spiele.

Die »Randspiele« - eine familiäre Insel, eine Art Camp?
Ich freue mich, wenn die Leute über unsere Angebote sehr eng beieinander sind - und die Chance gering ist, einander auszuweichen. Im Musikleben der Großstadt ist der Einzelne doch ziemlich isoliert. Man kann sich verstecken. Hier in diesem schönen Grün rücken die Leute zusammen.

Wer kommt dieses Jahr?
Viele junge Leute, die man zum Teil gar nicht kennt: Schüler, Studenten. Musiker aus Osteuropa sind stärker vertreten. Komponisten, ein Oboist aus der Ukraine. Auf den bin ich sehr gespannt.

Wann ging die Internationalisierung los?
Vor zehn Jahren etwa. Mit Unterstützung der Schweizer Botschaft. Es kam zu Kontakten mit Südkoreanischen Ensembles und Komponisten, auch zu Musikern aus den Niederlanden. Das hat sich entwickelt und schlug sich in den Programmen nieder.

Hiesige Ensembles rufen Sie immer wieder.
Es lohnt allemal, wenn das Kammerensemble Neue Musik Berlin, »Mosaik«, die »Maulwerker«, »United« musizieren. Ich lade sie gern ein. Und dann habe ich ja mein Festivalensemble mit sehr versierten älteren und jungen Solisten aus Berlin, das sich jedes Jahr neu rekrutiert.

Spezialistenpublikum ist das eine - wen sprechen die »Randspiele« noch an?
Seit geraumer Zeit gehen wir aus dem Kirchengelände heraus, in den Ort hinein, auch in die Dörfer ringsum. Wir wollen mit diesen »Sound-Touren«, wie wir sie nennen, das Hören in eine andere Situation bringen. Die Zepernicker staunen, runzeln auch die Stirn, wenn plötzlich 40 Leute in ihrer Wohnstube stehen, weil dort ein Trio musiziert. Klänge, die sie sonst nicht hören.

»Randspiele«-Konzerte in der Kirche Nikolassee nahe Potsdam - wollen Sie den Westrand erobern?
Nein. Wir geben dem Ort etwas. Einen Tag mit neuer Musik. Ich freue mich, dass Friedrich Schenker mit dem Ensemblestück »Ästhetik des Widerstandes« mit dabei ist, jetzt, da es ihm gesundheitlich nicht so gut geht.

Gespräch: Stefan Amzoll

www.randspiele.de

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