Von Steffen Klatt, St. Gallen
07.07.2012

Der Riese in Orange

Das Schweizer Einzelhandelsunternehmen Migros ist eine der größten Genossenschaften der Welt

Die Migros ist einst als Rebell gegen die Macht des Establishments entstanden. Längst ist er der größte Einzelhändler der Schweiz mit angeschlossener Bank, Reisebüros, Volkshochschulen und einst auch eigener Partei. Nun wird der Riese von Aldi und Coop bedrängt.

Die Eidgenossenschaft ist, was der Name nahelegt: ein Land der Genossenschaften. Traditionell gehört ein großer Teil des Bodens Genossenschaften - Alpgenossenschaften in den Bergen, Bürgergemeinden im Tal und im hügeligen Mittelland. Diese Bürgergemeinden betreiben auch Krankenhäuser, Museen, Betriebe. Hinzu kommen die Genossenschaftsbanken: Raiffeisen ist die größte Schweizer Bank nach den weltweit tätigen Großbanken UBS und Credit Suisse. Auch Europas größtes Car-Sharing-Unternehmen, die in Luzern sitzende Mobility, ist eine Genossenschaft.

Doch keine Genossenschaft ist so sehr Schweiz wie die Migros. Ihr orangefarbener Schriftzug ist im ganzen Land zu finden, vom Zürcher Hauptbahnhof bis - fast - in den letzten Krachen. Drei orangefarbene M stehen für einen großen Laden, zwei für einen mittleren und eines für den kleinen Laden um die Ecke - der immer noch groß genug ist, um sich mit allem Lebensnotwendigen einzudecken. Der Marktanteil von rund einem Fünftel am Einzelhandel täuscht: Gefühlt sind es gut 50 Prozent. Denn für die großen Einkäufe gehen die meisten Schweizer entweder in den Coop - auch eine Genossenschaft - oder eben mehrheitlich in die Migros.

Supermarkt, Bank und Kulturförderer

Die Migros hat einfach alles. Ihre rund 90 Tochterunternehmen produzieren einen guten Teil dessen, was die Migros verkauft: Brot, Fleisch, Milchprodukte, Konserven, Saft, Schokolade und vieles mehr. Aber die Migros ist bei weitem nicht nur ein Lebensmittelhändler. Sie verkauft mit einer eigenen Kette Möbel - der schwedische Billiganbieter Ikea kam deshalb erst spät in die Schweiz. Sie führt eine Reisebürokette, hat eine eigene Tankstellenkette sowie einen Buchklub. Sie betreibt Schwimmbäder und Freizeiteinrichtungen. Die Migrosbank bietet von Lohnkonten über Kreditkarten zu Hypotheken alles, was einfache Sparer und Kreditnehmer brauchen. Auch die Nobelkaufhäuser der Globus-Gruppe gehören längst zur Migros.

Die Migros ist auch ein wichtiger Akteur der Kulturszene. Zum einen betreibt sie seit 1944 die Migros-Klubschule, das größte (und günstigste) Netz von Volkshochschulen im ganzen Land. Ob Sprach- oder Kochkurse, ob Buchhaltung oder Yoga - es gibt fast nichts, was weiterbildungsbereite Schweizer in den oft zentral gelegenen Abendschulen nicht lernen könnten.

Seit 1957 gibt es zudem das Migros-Kulturprozent: Seither geht ein Prozent des gesamten Großhandelsumsatzes der Migros-Gruppe und ein halbes Prozent des Einzelhandelsumsatzes in die Kulturförderung. 2010 waren das immerhin 95 Millionen Euro. Die Migros tritt als Sponsor von Filmfestivals, Ausstellungen, eines »Buureradio« im Internet, einer eigenen Tournee mit klassischer Musik und vielen anderen Veranstaltungen und Kulturträgern auf.

Die Migros gehört ihren zwei Millionen Genossenschaftern - eine beachtliche Mitgliederzahl in einem Land mit knapp acht Millionen Einwohnern. Sie sind in zehn regionalen Genossenschaften organisiert, die zusammen den Migros Genossenschaftsbund bilden. Diese wählen die Delegiertenversammlung, das Aufsichtsorgan für die Verwaltung und die Generaldirektion der Migros. Das Unternehmen selbst ist dagegen wie andere auch organisiert: Die sechs Abteilungen des Unternehmens verwalten die Tochtergesellschaften. Einer der wenigen Unterschiede: Der Konzernchef nennt sich noch immer Generaldirektor und nicht neudeutsch CEO.

Jeder volljährige Einwohner der Schweiz kann Migros-Genossenschafter werden - und das gratis. Sein Anteilschein hat nominal einen Wert von 10 Franken (8,30 Euro). Abgesehen von ein paar Vorteilen wie der wöchentlichen Zustellung der Migros-Zeitung sind die Genossenschafter Kunden wie andere auch. Die genossenschaftliche Bindung spielt im Migros-Alltag kaum noch eine Rolle.

Die Migros hat ihre Wurzeln in einer Zeit, in der Lebensmittel für die ärmeren Schichten teuer waren. Die Tante-Emma-Laden-Struktur der 1920er Jahre saugte einen erheblichen Teil der geringen Einkommen der Arbeiter und Angestellten auf. Die Preisunterschiede zwischen dem Groß- und dem Einzelhandel waren enorm. An dieser Stelle setzte der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler an: Auch die kleinen Leute sollten von den günstigen Preisen des Großhandels profitieren. Diese Botschaft verpackte er in den Namen des Unternehmens, das 1925 noch als Aktiengesellschaft mit einer damals enorm hohen Kapitalbasis von 100 000 Franken gegründet wurde: »Mi« für klein, »gros« für den Großhandel. Um sein Versprechen einzulösen, verzichtete Duttweiler auf feste Läden. Stattdessen fuhren Ford-Lieferwagen auf festen Routen durch die Quartiere und Dörfer. Die letzten Lieferwagen in abgelegenen Bergdörfern wurden erst vor wenigen Jahren außer Dienst gestellt. Die mobilen Läden boten alles Lebensnotwendige - außer Alkohol und Tabak. Denn Duttweiler wollte die Lage der ärmeren Schichten verbessern. Die legalen Drogen passten nicht ins Konzept. Das ist bis heute so geblieben. Zur Verbesserung der Lebensqualität gehörte auch, dass die finanziell Schwächeren Ferien machen sollten - bis dahin ein Privileg der Wohlhabenden. So kam 1935 die Reisebürokette Hotelplan hinzu.

Der Migros schlug noch Jahrzehnte nach der Gründung der Hass des Establishments entgegen, auch, als längst feste Läden an die Stelle der Lieferwagen getreten waren. In einigen Kantonen war die Migros zeitweise verboten

Gegen den Widerstand der Etablierten

Wer in seinem Dorf eine angesehene Stellung wie der Pfarrer, der Lehrer oder der Gemeindebeamte einnahm, durfte sich nicht im Migros-Laden sehen lassen. Der Widerstand der Etablierten dürfte ein Grund gewesen sein, warum Duttweiler 1941 den Migros Genossenschaftsbund gründete. Dieser gab ihm eine Kundenbasis, die ihm eine weitere Expansion ermöglichte. Die Ablehnung legte aber auch indirekt den Grundstein für das heute so weite Netz der Tochtergesellschaften. Denn die Migros hatte Mühe, überhaupt Produkte einzukaufen. So kaufte Duttweiler vor allem in ländlichen Gegenden Produktionsfabriken auf, die in Schwierigkeiten geraten waren. Die erste war 1928 die Alkoholfreie Weine Aktiengesellschaft.

Der jahrzehntelange Aufschwung der Nachkriegszeit ließ die Migros zu dem Riesen heranwachsen, der sie heute ist. Gottlieb Duttweiler wollte es aber nicht beim wirtschaftlichen Erfolg belassen. Schon 1936 hatte er den Landesring der Unabhängigen gegründet, eine eigene Partei, die sich weder links noch rechts einordnen lassen wollte. Besonders in Zürich und in der Ostschweiz stark, war der Landesring zu seinen Glanzzeiten die größte Partei, die nicht dem Bundesrat angehörte, der Schweizer Regierung. Er stellte bis zu zehn Abgeordnete im Nationalrat mit seinen 200 Sitzen. Allerdings gelang ihm nie der Sprung über die Sprachgrenzen in die französischsprachige Westschweiz und das italienischsprachige Tessin. Ende der 90er Jahre verschwand er dann von der politischen Bildfläche, nachdem auch die Migros ihre Zuwendungen eingestellt hatte.

Nach außen ist die Migros derzeit gut aufgestellt. Mit einem Umsatz von rund 21 Milliarden Euro (2010) und einem Gewinn von 702 Millionen Euro muss die Unternehmensgruppe mit ihren 83 780 Mitarbeitern die Zukunft nicht fürchten.

Aldi und Coop - alte und neue Konkurrenz

Allerdings nagen gleich zwei Konkurrenten am Marktanteil der Migros. Zum einen legt Coop seit mehreren Jahren zu. Die Genossenschaft mit Sitz in Basel und einer ähnlichen Struktur wie die Migros hat Trends oft schneller bemerkt als der Zürcher Konkurrent. So hat Coop sehr viel früher auf Bioprodukte gesetzt. Systematisch versucht die zweitgrößte Einzelhandelskette der Schweiz, den Preisvorteil der Migros zu verringern. Allerdings verfügt Coop nicht über ein ebenso breites Angebot von Eigenprodukten. Ein Vorteil von Coop dagegen: Es verkauft Alkohol und Tabak.

Die größte Herausforderung für die Migros geht allerdings von Aldi aus. Der deutsche Billiganbieter ist 2005 in den Schweizer Markt eingetreten und hat von seiner Basis in der Ostschweiz nahe Konstanz inzwischen weit über hundert Filialen in der ganzen Schweiz aufgebaut. Der Marktanteil liegt zwar immer noch im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Aber seine Auftreten hat die Migros (und Coop) gezwungen, die Preise zu senken. Gerade im Lebensmittelbereich, der aufgrund der abgeschotteten Schweizer Landwirtschaft im Vergleich zu Deutschland sehr teuer ist, purzeln seit 2005 die Preise. Gleichzeitig wurde die Zahl der Produkte ausgeweitet, die es auch in Billigversionen gibt - im Supermarkt erkennbar unter der Marke M-Budget.

Kein Glück hat die Migros dagegen bisher mit der Expansion ins Ausland gehabt. Die Migros-Kette in der Türkei wurde schon 1974 verkauft, existiert aber noch unter dem alten Namen weiter. Die Expansion nach Österreich endete mit der missglückten Übernahme der Konsum-Gruppe im Debakel. Heute gibt es nur ein paar Supermärkte auf der anderen Seite der Schweizer Grenze. In Deutschland will die Migros aber auch in Ballungsgebiete vordringen. Es gibt bereits Filialen in Freiburg, Ludwigshafen und Reutlingen.

Die Migros ist ein Eigengewächs der Schweiz - zu Hause nicht wegzudenken und anderswo nicht kopierbar.

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