Von Christopher Senf
12.07.2012

Neonazis im Web 2.0

Untersuchung verweist auf zunehmende Aktivitäten

Dass sie nicht der Vergangenheit angehören, wurde nicht erst deutlich, als der rechte Terror des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) aufflog: Neonazis sind auch im Alltag sichtbar, betreiben öffentlich Propaganda, haben Organisationen und machen menschenverachtende Politik. Sie sind leider immer noch Teil unserer Wirklichkeit und versuchen dabei, sich nicht nur auf der Straße bewusst modern zu inszenieren.

Einer der bedeutendsten Aktionsräume für Neonazis ist das Internet. Die Anzahl entdeckter extrem rechter Websites lag im vergangenen Jahr bei 1671. Zu diesem Ergebnis kam die Organisation jugendschutz.net bei der Vorstellung ihres jüngsten Berichts »Rechtsextremismus online« am Mittwoch in Berlin. Damit ist zwar ein leichter Rückgang zu verzeichnen (2010: 1707), jedoch würden die Neonazis mittlerweile verstärkt soziale Netzwerke im Internet nutzen. Im »Social Web« fand die Organisation 2011 doppelt so häufig unzulässige Inhalte als auf extrem rechten Websites. Vor allem Facebook, Youtube und Twitter spielen bei Neonazis eine große Rolle zur Mobilisierung und Verbreitung von Propaganda. Im vergangenen Jahr gab es laut der Studie insgesamt 629 Hinweise anderer Internetnutzer auf rechtsextreme Beiträge auf diesen Seiten, womit sich das Beschwerdeaufkommen in den letzten drei Jahren mehr als verdreifacht habe.

»Für Rechtsextreme sind die Mitmachnetze inzwischen das wichtigste Rekrutierungsfeld«, sagte Stefan Glaser, Leiter des Bereichs Rechtsextremismus von jugendschutz.net. Die Untersuchungen seiner Organisation zeigen, dass sich Neonazis in den sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen radikaler geben und sich anscheinend sicherer vor Strafverfolgung fühlen. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, betonte bei bei der Vorstellung des Jahresberichts sogar: »Der Nährboden für rechtsextreme Gewalt und Rechtsterrorismus wird zunehmend in den sozialen Medien bereitet«. Besonders stark wuchsen den Angaben zufolge extrem rechte Aktivitäten im Kurznachrichtendienst Twitter: Die Zahl der von Neonazis dort betriebenen Kanäle verdoppelte sich nahezu binnen einen Jahres von 73 auf 141.

Auch die rassistischen Morde des »Nationalsozialistischen Untergrunds« hinterließen perfide Spuren im Internet. Allein auf dem von Neonazis betriebenen Thiazi-Forum habe es binnen drei Wochen nach Beginn der Berichterstattung mehr als 1500 Postings gegeben, die unter anderen den rechten Terror leugneten, die Morde guthießen und die Opfer verhöhnten. Im Kampf gegen diese Aktivitäten von Neonazis setzt sich jugendschutz.net für die Löschung problematischer Inhalte ein. Thomas Krüger forderte vor allem Plattformbetreiber auf, »größere soziale Verantwortung« zu übernehmen.