Von Stefan Otto
13.07.2012

Verlorene Leichtigkeit

Dreimal musste der einstige DDR-Vertragsarbeiter Serafim Manhice Deutschland verlassen. Jedes Mal ist er zurückgekehrt

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Ein Lied in der Mittagspause: Serafim Manhice mit seiner Tochter Nelly Nguyen.

»Ich, mit meinem Leben, unterscheide mich gar nicht so sehr von anderen, die hier geboren sind«, sagt Serafim Manhice an einem Freitagabend. Der Mosambikaner steht am Eingang zum Café der Samaritergemeinde in Berlin-Friedrichshain und raucht eine Zigarette. »Mir geht es wie so vielen. Ich sehe, dass die Leute gar nicht mehr weggehen. Weil sie dafür kein Geld mehr haben.«

Manhice arbeitet in der Pflegebranche, versorgt psychisch Kranke und gebrechliche Menschen. Angestellt ist er bei der Zeitarbeitsfirma Nora, die ihn an Betreiber verleiht. Tagtäglich eilt der 45-Jährige von einem Pflegeheim zum nächsten, dann in eine Psychiatrie. »Der Ablauf meiner Arbeit ist doch immer der gleiche, auch wenn ich die Stationen und die Einrichtungen ständig wechsle«, erzählt er mit einem weichen, selten gehörten Akzent. »Das hat den Vorteil, dass ich das Leid der Bewohner und der Patienten nicht an mich heranlasse.« Und doch belasten ihn die ständigen Wechsel seiner Arbeitsstellen. Er ist müde und mag gar nicht an den Frühdienst denken, den er am Samstagmorgen antreten muss.

Versteckt in Maputo

In der Kirche spielen Freunde von ihm mit ihrer Band Massala. Fünf Trommeln erfüllen den spärlich besetzten Kirchenraum. Er sitzt auf der Bank, die Arme entspannt auf die Gesangsbuchstütze gelehnt. Vor der Bühne tanzen Frauen und Mädchen in bunt bedruckten afrikanischen Röcken und in Tücher gehüllt. Unter ihnen Nelly, seine Tochter. Sie ist 14 und tanzt zurückhaltend, aber stolz. Ihr Blick sucht häufiger den ihres Vaters.

Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, treffen wir uns zum Gespräch. Serafim Manhice ist gerade aus dem Bett gekommen. Am Abend sei er noch in der Kneipe gewesen, weil er heute frei hat. Er drückt sich Zahnpasta auf die Bürste. Zum Frühstück hatte er sich Brötchen gewünscht. Keine Vollkornbrötchen, sondern »normale Schrippen«.

Das Arbeitsministerium in Mosambik hatte Leute für einen Arbeitseinsatz in der DDR gesucht, fängt er an, seine Lebensgeschichte zu erzählen. In Mosambik herrschte seit neun Jahren ein Bürgerkrieg zwischen den verfeindeten Lagern der ehemaligen Befreiungsbewegung FRELIMO und den Guerillas der RENAMO. Manhice brach die 10. Klasse ab und hielt sich in Maputo versteckt, weil er Angst hatte, von der Schulbank aus rekrutiert zu werden. Dann sah er den Ausweg: Es gab seit 1979 ein Abkommen mit der DDR, die Arbeitskräfte brauchte. Mosambik hatte bei der DDR Schulden und beglich sie teilweise mit den Löhnen der verschickten Arbeiter. 15 000 Mosambikaner kamen insgesamt.

Serafim Manhice lacht, wenn er daran zurückdenkt, wie unkompliziert ihre Einreise 1987 in Berlin-Schönefeld war. Im vereinten Deutschland sollte er die Behörden noch ganz anders kennenlernen. Untergebracht wurden die Mosambikaner in einem Plattenbau in Berlin-Hellersdorf. Zur Arbeit wurden sie dem Glaswerk Stralau zugeteilt. Manhice begann eine Lehre als Schlosser.

Wenn er heute auf die ersten Monate in der DDR zurückblickt, dann fällt ihm die Leichtigkeit ein, mit der sie ihr neues Leben genossen. »Wir waren Afrikaner und kannten das Land nicht. Oh Mann, die Deutschen standen am Fenster und guckten so grimmig. Sie schienen immer alleine zu sein, aber wir waren 50 Leute, und wir hatten Temperament.« Risse bekam für ihn diese heile Welt in Ostberlin, als er anfing, Deutsch zu verstehen - »anfangs konnte ich nicht glauben, dass die Deutschen auch böse Absichten haben konnten. Aber wir kriegten mit, dass einige Nachbarn uns nicht haben wollten. Natürlich haben wir Musik gemacht. Wir waren ihnen wohl zu laut und zu wild.«

Verlegt nach Hohenschönhausen

Klagen über disziplinlose Vertragsarbeiter in der DDR gab es häufiger. Alleine ihr Dasein barg viel Konfliktpotenzial: Sie waren jung - meistens zwischen 17 und 22 Jahre, im besten Alter also, um was zu erleben. Jedoch wurde ihnen kaum die Möglichkeit gegeben, sich im Alltag der DDR zu integrieren. Ihr Engagement war zeitlich ohnehin begrenzt. Denn mit ihren erworbenen Fähigkeiten sollten sie in der Heimat Aufbauhilfe leisten. So zumindest sahen es die Regierungsabkommen vor.

Für die Mosambikaner hatten die zügellosen Feierabende schon bald Konsequenzen. »Wir mussten alle aus dem Haus ausziehen und wurden nach Hohenschönhausen verlegt«, erinnert sich Manhice. »In unserem neuen Wohnblock lebten schon Vietnamesen, Kubaner und Polen.« Vertragsarbeiter waren in der DDR meistens separiert.

Im Herbst 1989, als der Staat zugrunde ging, zerbrach auch Manhices geregeltes Leben in Berlin. Sein Vier-Jahres-Vertrag war plötzlich nicht mehr gültig, weil die Bundesrepublik die Abmachungen der DDR nicht übernahm. Das Glaswerk Stralau wurde privatisiert, und die Vertragsarbeiter mussten nach Mosambik zurückkehren. Manhice hingegen blieb, auch wenn er keine Aufenthaltserlaubnis hatte. Er kam bei einem Freund unter und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitete auf dem Bau und im Obstverkauf. Schwarz, versteht sich.

Polizisten versuchte Manhice aus dem Weg zu gehen, was für einen Afrikaner allerdings schwierig ist. Denn Schwarze werden häufig kontrolliert, ohne Anlass auf der Straße, an jedem größeren Bahnhof. Er versuchte, nicht aufzufallen und lernte schnell, sich anzupassen: »Wenn ich unterwegs war, trug ich eine Flasche Bier in der Hand, wie so viele.« Er habe sich ganz so wie ein Student verhalten. Das habe ihm eine Menge Ärger erspart.

Trotzdem wurde er zweimal abgeschoben, 1991 und 1994. Mosambik war für ihn jedoch nur wenig lebenswert. 500 Jahre Kolonialismus und ein 16 Jahre dauernder Bürgerkrieg hatten dem Land zugesetzt. Es lag wirtschaftlich völlig am Boden. In Maputo hielt er es nur wenige Monate aus. Dann brach er wieder auf und gelangte über Portugal nach Berlin. Mehr und mehr wurde die ehemalige Mauerstadt sein Zuhause, in Berlin wurde er Vater. 1997 kam seine Tochter Nelly zur Welt. Doch einen geregelten Status brachte ihm seine junge Familie nicht, denn Nellys Mutter Hong Nguyen kommt aus Vietnam und war ebenfalls Vertragsarbeiterin.

Serafim Manhice legt an diesem Morgen Wert darauf, sich nicht zu beklagen. Den Alltag habe er sich während der 14 Jahre, die er ohne Aufenthaltsrecht und ohne Krankenversicherung lebte, eingerichtet. Er nippt von seinem Kaffee und erklärt: »Wenn ich Zahnschmerzen bekommen habe, hat mir ein Freund seine Krankenkassenkarte gegeben.« Er sei immer behandelt worden. Doch 2004 spitzte sich seine Situation erneut zu: Ihm drohte wieder die Ausweisung. »Da fehlte mir die Kraft. Ich hatte nur noch wenig Hoffnung.« Er trinkt einen Schluck Kaffee. Schließlich fügte er sich und reiste freiwillig aus.

Die Ausländerbehörde ließ ihm jedoch die Rückkehr offen, weil er in Berlin eine Familie hatte: »Ich erhielt ein zweijähriges Einreiseverbot für die EU. Um zurückzukommen, musste ich eine Strafe von 3000 Euro bezahlen, weil ich illegal in Deutschland war.« Flüchtlingsorganisationen und die evangelische Samaritergemeinde in Friedrichshain organisierten Benefizveranstaltungen für ihn, bis der Betrag aufgebracht wurde. Nach 24 Monaten konnte er nach Berlin zurückkehren und seine Frau und seine Tochter wiedersehen.

Ein Platz in der Gemeinschaft

Serafim Manhice dreht sich eine Zigarette auf dem Balkon, als Nelly zur Mittagspause von der Schule nach Hause kommt. Am Nachmittag schreibt sie noch eine Klassenarbeit in Geschichte über die Französische Revolution. Es sei ihr nicht leicht gefallen, ihren Platz in der Schulgemeinschaft zu finden, erzählt die Achtklässlerin: »Früher im Kindergarten und in den ersten Jahren in der Grundschule, da fühlte ich mich als Außenseiterin.« Niemand hatte dort eine Biografie wie sie, niemand sah aus wie sie. In der dritten Klasse sei sie dann mit anderen Schülern zusammengekommen, deren Eltern auch Migranten waren. Das habe ihr geholfen. »Jetzt habe ich mehr Selbstvertrauen«, meint Nelly, die auf die Andreas-Oberschule in Friedrichshain geht und die Herkunftsländer ihrer Eltern nur aus dem Urlaub kennt.

Irgendwann, sagt Serafim Manhice später, als Nelly wieder gegangen ist, wolle er zurückkehren nach Mosambik. Alles, was er hier erreichen konnte, habe er erreicht: Er arbeitet bei einem Pflegedienst in drei Schichten für 1000 Euro netto im Monat, plus Zuschläge für Nachtarbeit und Wochenenddienste. »Ich habe mich integriert, wie es verlangt wird«, sagt er, und in dem Satz klingt Wehmut mit. Denn darin sieht er auch seine Nachbarn von einst, die freudlos am Fenster standen und argwöhnisch zu ihnen herabschauten. Das unbeschwerte Leben, das er vor 25 Jahren nach seiner Ankunft in Ostberlin kennenlernte, das wünscht er sich schon lange zurück. Es ist ihm abhanden gekommen.

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