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Von Hannes Hofbauer, Wien
13.07.2012

Eine Generation ohne Arbeit

Wiener Institut attestiert Süd- und Osteuropa katastrophale Situation auf den Arbeitsmärkten

Trotz EU-Mitgliedschaft geht es ost- und südeuropäischen Ländern schlechter als ihren Nachbarn. Österreichische Wirtschaftswissenschaftler warnen insbesondere vor einer dauerhaft hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Ungewöhnlich pessimistisch gaben sich die Ökonomen des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) aus Anlass ihrer halbjährlichen Prognose am vergangenen Wochenende. Die Eurozone befindet sich in einer Rezession, Osteuropa leidet darunter besonders und die Jugend ist ohne Arbeit. Angesichts der vorgelegten Zahlen stehe die Frage nach der Sinnhaftigkeit der EU-Integration im Raum.

Zu den zahlreichen negativen Faktoren einer Entwicklungsblockade im Osten zählen die starke Abhängigkeit von den Märkten der »Kern-EU«, die hohen Weltmarktpreise für Energie, Lebensmittel und Metalle sowie der scheinbar nicht zu durchbrechende Teufelskreis einer Sparpolitik, die wirtschaftliche Erholung im Keim erstickt. So kritisch gegenüber Brüssel und Berlin hörte man die Ökonomen des WIIW, die freilich nicht alle derselben Meinung sind, noch nie. »Bei der Diskussion um Wachstum und Austerität gewinnt fast überall die Austeritätspolitik die Oberhand«, kritisierte WIIW-Direktor Peter Havlik die Großwetterlage. Ohne staatliche Impulse werde aber jeder Versuch zur Krisenüberwindung scheitern. Investitionen und privater Verbrauch sind überall rückläufig, was ein starkes Indiz für eine verfehlte Politik darstelle.

Völlig anders sieht die Situation in Russland, der Ukraine, der Türkei und Kasachstan aus. Während für die Eurozone für 2012 ein Sinken des Bruttoinlandsprodukts von 0,3 Prozent und für die EU insgesamt eine Stagnation prognostiziert werden, dürfen die Nachbarn im Osten mit einem Wachstum von 3,2 bis 3,8 Prozent, Kasachstan gar mit sechs Prozent rechnen. Ausgerechnet jene Länder, die Sparen nicht als göttliches Gebot und staatliches Defizit nicht als Todsünde begreifen, weisen positive Kennzahlen auf.

Dramatisch stellt sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt dar. Auch hier gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Ländern im unmittelbaren Einflussbereich der Brüsseler Union und jenen östlich davon. Kasachstan und die Ukraine weisen mit 5,2 und 7,9 Prozent weitaus niedrigere Raten als die EU-Peripherie mit 20 bis 30 Prozent auf. Den Rekord an arbeitslos gemeldeten Bürgern hält Mazedonien mit 31 Prozent.

Die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit lassen dann auch abgebrühte Beobachter erschauern: Bosnien und Mazedonien weisen über 60 Prozent junge Menschen ohne Job auf , Serbien über 50, die Slowakei, Estland, Lettland, Litauen über 30, Ungarn und Polen 28 Prozent - eine ganze Generation ohne Arbeit. Selbst dort, wo noch die höchsten Beschäftigungschancen bestehen, arbeitet die Jugend oft nur in Teilzeit oder kurzzeitig. 75 Prozent der jungen Menschen, die etwa in Slowenien eine Anstellung finden, sind nur befristet beschäftigt.

Die Ökonomen des Wiener Instituts plädieren daher für eine Kehrtwende in der EU-Politik, die viel zu lange einzig an Sparvorgaben festgehalten hat, hin zu »Deficit spending«, also der Erhöhung der Nachfrage durch höhere Investitionen des Staates. Diese Politik müsste aber von Schuldenmoratorien gegenüber den Banken begleitet werden.

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