Von Christina Matte
14.07.2012

Ein Dorsch spielt Theater

Puppenspieler Karl Huck lebt auf Hiddensee mörderische Gelüste aus

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Vor der Vorstellung

Mehrmals am Tag spucken die Fähren im Hafen von Vitte ihre Fracht aus - Tagestouristen und Feriengäste. Kremser sammeln diejenigen ein, die unter ihrem Gepäck ächzen, um sie zu ihren Quartieren zu bringen. Anhaltendes Hufgetrappel, das sich beschleunigt, wenn die Pferde die leichte Steigung den Deich hinauf nehmen, zurück bleiben dampfende Exkremente.

Wer immer nach Vitte kommt, passiert das Gebäude der Seebühne. Klein und weiß und unscheinbar. Wahrscheinlich fällt es ihm jetzt noch nicht auf - erst mal das gemietete Ferienhaus oder das Zimmer in Augenschein nehmen, den Koffer abstellen, sich erfrischen. Dann Bekanntschaft mit Vitte schließen oder die alte Bekanntschaft erneuern. Wer erneuert, erinnert sich: Die Seebühne Hiddensee ist ein kulturelles Kleinod der Insel. Wer Neuling ist, wird es als solches entdecken.

An diesem Abend, mit dem sich der Juni neigt, wird das Theater »Chimära« geben. Eine Adaption der Novelle »Das Meerwunder«, die der Dramatiker Gerhart Hauptmann 1934 schrieb. Premie- re hatte »Chimära« bereits vor fünf Jahren, eine Weile stand das Stück dann nicht mehr auf dem Programm. Unter anderem, weil Wiebke Volksdorf, Direktorin der Seebühne und Ehefrau des Seebühnengründers Karl Huck, es nicht besonders mag: »Zu viel Mord!« Doch im 150. Geburtsjahr Hauptmanns, ein Jahrhundert, nachdem der Dichter den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat Huck es wieder aufgelegt.

Noch steht die Sonne im Zenit. Vor dem Theater ein langer Holztisch, man darf ihn als Einladung verstehen. Karl Huck sitzt dort, wir gesellen uns zu ihm. Die Kremser paradieren vorbei - das unberührte Fischereiland, das Ger- hart Hauptmann, noch ohne Verdienst, erstmals 1885 betrat und das ihn bezauberte, ist Hiddensee schon längst nicht mehr. Bereits 1910 hatte der Dichter notieren müssen: »Es ist ein ekelhaft bekrochenes Eiland geworden.« Doch letzten Endes gefiel ihm auch dies, wurde er doch erst inmitten der vielen Künstler und Intellektuellen, die Hiddensee nun für sich entdeckten, zum »ungekrönten König« der Insel. Die heutigen Sommergesellschaften sind weit weniger exklusiv als einst, Ferienhaus reiht sich an Ferienhaus, die Insel hat sich zum Teil verkauft. Und Karl Huck am langen Holztisch, vor der weit geöffneten Seebühnentür, sagt, es stimme wohl, dass die Hiddenseer mehr auf ihre Insel achtgeben müssten, dennoch lebe er liebend gern hier.

Seit 2000 ist Huck selbst Hiddenseer. Soweit jemand, der hier nicht geboren wurde, überhaupt Hiddenseer sein kann. Immerhin wird er gut gelitten, die Einheimischen haben ihm sogar einen Ökelnamen verpasst: höchstmöglicher Ausdruck von Zuneigung. Für sie ist er der »Kasper Karl«, gutmütig nennen sie ihn einen »Spinner«. Da aber irren sie sich. Denn Karl Huck, der Puppenspieler, gehört zu den Besten seiner Zunft. In den Wintermonaten reist er mit der Seebühne zu Gastspielen um die halbe Welt, vor drei Jahren lud ihn das Goethe-Institut nach Chile und Bolivien ein, Lehraufträge, Gastprofessuren und Meisterkurse rufen ihn nach Berlin an die Hochschule der Künste, an die Humboldt-Universität, in die Ukraine, nach Dänemark und Norwegen. Sein Puppenspiel, schreibt die Fachpresse, habe nichts, aber auch gar nichts mit Kasperletheater zu tun. Schau'n wir mal.

Jetzt dürfen wir Karl Huck erst mal ausfragen: Er ist Jahrgang 1960, gebürtiger Karl-Marx-Städter, mit vierzehn hatte er ein Schlüsselerlebnis: Im Stadttheater sah er den »Faust«, als Mephisto Matthias Günther. Zigmal ging er in die Vorstellung, so sehr beeindruckte ihn dieser Schauspieler. Nach einer Bäckerlehre meldete Huck sich zur Volksmarine, wurde zum Schiffsmotorenschlosser und Schiffstaucher ausgebildet. Was macht man sonst noch auf einem Schiff? Heißt man Karl Huck, dann liest man »die Weltliteratur rauf und runter«. Plötzlich sei er da gewesen, der Wunsch, Puppenspieler zu werden. Fünf Jahre Studium an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin, gerade für künftige Puppenspieler eine Schauspielausbildung vom Feinsten. Warum er nicht einfach Schauspieler wurde? »Als Schauspieler ist man immer nur Teil einer Welt. Als Puppenspieler kann man eine Welt gestalten.« Nach dem Studium Engagement am Berliner Puppentheater, Arbeiten für Rundfunk und Fernsehen, ab 1987 freiberuflicher Autor und Regisseur. 1990 gründete Huck in Berlin das freie Homunkulus-Figurentheater, 1997 zog es ihn wieder an die Küste, als Spielleiter im Theater der Hansestadt Wismar. Im selben Jahr auch erkor er Hiddensee als Sommerresidenz für das Homunkulus-Figurentheater, bevor er im Jahr 2000 beschloss, seine Kräfte auf die Seebühne zu konzentrieren ... Eine ältere Dame unterbricht uns. Hier sei doch das Kino, nicht wahr? Nein? Kein Kino? Wie könne das sein, sie erinnere sich doch genau: Vor ein paar Jahren sei hier das Kino gewesen. Lediglich eine Garage? Und dann, seit fünfzehn Jahren, ein Theater? Da habe sie wohl was verwechselt.

Jetzt verlässt uns Karl Huck, er muss für den Abend noch einen Hauptdarsteller »besorgen« - einen fangfrischen Dorsch. Seltsam. Wir nutzen die Zeit, durch den Ort zu schlendern. Vorbei an dem der Seebühne vis á vis gelegenen Neubaublock, den die Edeka-Gruppe errichten durfte, weil sich allein ihr Markt auf der Insel angeblich nicht gerechnet hätte. In der Drogerie sollen wir für ein lüttes Sonnenschutzspray 29 Euro hinblättern, was wir uns verkneifen können - »Öko!« ruft uns die Verkäuferin in einem letzten Versuch hinterher. Insel-Sheriff Horst Henk marschiert in voller dunkelblauer Montur, die Pistole an der Hüfte, gemessenen Schritts den Wallweg hinunter, »das Verbrechen kennt keinen Urlaub«. An einem elend verfassten Haus erinnert eine Tafel daran, dass Gerhart Hauptmann hier im Sommer 1896 im Gasthof von Freese logierte, niemanden regt der Schandfleck auf - Eigentumsverhältnisse ungeklärt? Der Strand liegt leer im Abendrot, das Wasser misst nur 13 Grad, und Hiddenseer, wenn überhaupt, steigen erst im September ins Meer, nachdem die Sonne schon den ganzen Sommer über ausgiebig darin gebadet hat und es entsprechend wohltemperiert ist. Wo sind die Menschenmengen geblieben, die morgens im Hafen wimmelten? Sie chillen, gebräunt und vom Tag erschöpft, in den Restaurant- und Cafégärten. Einige aber haben sich um Karl Hucks großen Holztisch versammelt.

Abend für Abend spielt Karl Huck, sieben Tage in der Woche. 60 Gäste fasst der Zuschauerraum, und während der Saison ist das Theater fünf Tage im Voraus ausverkauft. Käpt'n Huck, schon im Kostüm - einem alten, grobmaschigen Fischerpullover, der ihn schwerer und älter erscheinen lässt - tritt heraus, um sein Publikum zu begrüßen. Man trägt Sandalen, T-Shirts und Shorts, und man hält ein Glas in der Hand, gefüllt mit einem edlen Wein, der entspannt und auf das Erlebnis einstimmt. Intimität liegt in der Luft: Man kennt sich, ist Stammgast auf der Insel und nicht zum ersten Mal in der Seebühne. So Peter Hoffmann, der seit 1964 jeden Sommer zum Malen nach Hiddensee reist, und Sabine Reichwein, die das verträumte »Hexenhäuschen« geerbt hat, an dem jeder Urlauber mal vorbei kommt. Herr Hoffmann und Frau Reichwein haben, vor der Vorstellung an Karl Hucks Holztisch, eine kurze Arbeitsbesprechung. Dabei geht es um das Zeltkino, das den Betrieb vor zwei Jahren einstellen musste, und darum, dass Karl Huck für Ersatz gesorgt hat, ein Provisorium zwar nur, doch immerhin. Frau Reichwein zieht uns in das Gespräch: »Er steht dem Kulturausschuss des Gemeinderates vor, nicht nur in seinem Puppentheater zieht er die entscheidenden Fäden. Er kann das, weil er viele wichtige Leute kennt.« Und weil die Insel keine Geheimnisse zulässt, wissen auch die Hiddenseer auf Zeit, wer schon alles die Seebühne mit seinem Besuch beehrte. Der Schauspieler Kurt Böwe, der Dichter Volker Braun, der Schriftsteller Christoph Hein und die »große weiße Dame von Hiddensee«, die Theaterlegende Inge Keller. Davon erzählt man sich heute noch: Wie sie in einer Kutsche vorfuhr, sich das Stück »Ein Bericht für eine Akademie« nach Franz Kafka ansah und anschließend, vor aller Ohren, Karl Huck ihren Dank aussprach: »Sie und Kafka haben mir heute Abend große Freude bereitet!« Ein Ritterschlag.

Neben Kafka hat das Kammertheater Adaptionen von Weltliteratur wie Johann Wolfgang von Goethes »Faust« und Jean de La Fontaines »Die Grille« im Repertoire. Maritime Sujets dominieren: die »Schatzinsel« nach Robert Louis Stevenson, »Sindbad der Seefahrer« nach Tausendundeiner Nacht, »Robinson Crusoe« nach Daniel Dafoe, »Moby Dick« nach Hermann Melville. Heute also »Chimära« nach Gerhart Hauptmann. Das Publikum entert das Theater. Im »Foyer« alte Buddelschiffe, Matrosenpuppen, Theaterplakate. Leinen los, die Schiffsglocke läutet: Karl Huck erschafft eine, seine Welt. Als Koch steht er in einer Kombüse, neben ihm ein großer Kessel, und erzählt eine Geschichte. Von der unseligen Liebe eines Kapitäns zu einer Frau, durch deren Adern Fischblut fließt und die es nachts hinaus aufs Meer zieht. Weshalb er, der Koch, sie tötet. Doch auch der Tod der Frau ändert nichts: Die Rufe, der Gesang der Chimära verfolgen den ruhelosen Kapitän, so dass der Koch auch diesen umbringt, um selbst dem Wahnsinn zu entgehen.

Wahnsinn? Me(e)hr Wunder ist nicht möglich. Am Licht- und Tonpult Wiebke Volksdorf. Karl Huck entpuppt sich als Zauberer. Die hölzernen Köpfe, seine Figuren wachsen ihm gleichsam aus den Ärmeln, als seien sie Teile von ihm, jedes Requisit erweckt er zum Leben, bevor er ihm wieder das Licht ausbläst. Im Verlaufe einer Stunde die ganze Mannschaft hingemetzelt: Herr Speck und Frau Zwiebel, Freund Petersilie, eine Kompanie Kartoffeln, zuletzt der Dorsch, der fangfrische, der Chimära sein könnte - sie alle landen verhackstückt im Kessel. Karl Huck hat ein teuflisches Süppchen gebraut, wir alle dürfen es auslöffeln.

Noch ein letztes Glas im Stehen. Karl Huck verabschiedet seine Gäste und erweist ihnen damit Respekt: Sein hiesiges Publikum ist gebildet, belesen und interessiert, großen Teils selbst künstlerisch tätig. Doch Abend für Abend die Insel beglücken, ist das auf Dauer nicht langweilig? Er spricht von »angenehmer Kontinuität«. Die auch die schöpferischen Prozesse der Seebühne präge, welche ohne ein kreatives Team - zu dem unter anderen Barbara und Günther Weinhold sowie der Lyriker und Autor Holger Teschke gehören - nicht so erfolgreich sein könnten.

Am nächsten Morgen, noch ganz fantastisch gestimmt, empfehlen wir unseren Vermietern, wieder mal zu Karl Huck zu gehen. Die, Nachfahren einer Fischerfamilie, kräuseln amüsiert die Lippen: »Sie meinen, zu Kasper Karl? Für so was haben wir keine Zeit. Wir müssen von früh bis spät arbeiten.«

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