14.07.2012

Vielfalt hat Vorteile

Carl Chung über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Teilhabe an der Gesellschaft

Carl Chung ist seit 2002 Projektleiter des Mobilen Beratungsteams Ostkreuz in Berlin, einem von Bund und Land geförderten Projekt für Demokratieentwicklung, Menschenrechte und Integration der Stiftung Sozialpädagogisches Institut »Walter May«. Der Name »Ostkreuz« kommt daher, dass das Projekt bei seiner Schaffung 2001 nur für den Osten Berlins vorgesehen war. Es berät und unterstützt lokale Institutionen, Organisationen und Initiativen in einem wertschätzenden Umgang mit der Vielfalt verschiedener Milieus, Kulturen und Lebensstile.
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Carl Chung

nd: Sie haben kürzlich an der Technischen Universität zum Thema »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« (GMF) referiert. Dieser Begriff wurde von dem Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer populär gemacht. Was ist damit gemeint?
Chung: Es ist eine Art Oberbegriff für verschiedene Phänomene, wie zum Beispiel Rassismus, die Abwertung von Behinderten oder Odachlosen, Feindseligkeit gegen lesbische, schwule oder Transgender-Lebensweisen, Sexismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus. Der Punkt ist, dass die verschiedenen Phänomene in der Regel nicht völlig isoliert voneinander auftauchen. Das heißt, jemand, der Menschen nach der Kategorie Rasse einteilt und bewertet, wird auch zu sexistischer Diskriminierung oder Judenfeindschaft neigen. Es ist also ein Syndrom.

Was sollten Sie, ein Praktiker, an der Universität vermitteln?
Mir ging es um die Erscheinungsformen von GMF und was man dagegen tun kann, bezogen auf Berlin. Berlin ist eine Stadt der Vielfalt, und das liegt nicht nur daran, dass sie eine Einwanderungsstadt ist. Vielfalt ist nicht nur auf Ethnizität bezogen. Sie bietet viele Ressourcen, aber eben auch Konfliktpotenzial. Interessenkonflikte können durch Vorurteilsmuster aufgeladen werden, die etwas mit GMF zu tun haben.

Bringt die ethnische und kulturelle Vielfalt also eine GMF-Vielfalt mit sich?
Die Neigung zu GMF ist kein deutsches Gen, sondern ein Phänomen, das unter bestimmten sozialen Voraussetzungen statistisch gehäuft auftritt.

Welche Bedeutung haben da sozialstrukturelle Aspekte wie Alter, Herkunft, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Grad der Religiosität und Bildungstitel?
Man muss aufpassen, dass man nicht unzulässig verallgemeinert. Aber man kann sagen, dass Bildungsbenachteiligung und Unsicherheit im sozialen Status - also die Befürchtung, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden - Faktoren sind, die eine Rolle spielen. Ebenso die Frage, wie gut jemand von Haus aus mit Vielfalt oder mit Uneindeutigkeiten umgehen kann. Man kann das mit traditionsorientierten, konservativen Milieus in Verbindung bringen - was aber auf keinen Fall heißt, dass jeder Mensch, der einem solchen Milieu entstammt oder selbst eine konservative Orientierung hat, sich deswegen grundsätzlich in Richtung GMF entwickelt.

Sie sagen, GMF müsse nicht nur bekämpft, sondern ihr müsse vor allem vorgebeugt werden. Das soll in den Regelstrukturen des bürgerschaftlichen Gemeinwesens geschehen. Was meinen Sie damit?
Wenn man sich die Entwicklungs- und Erfolgsbedingungen von Haltungen und Ideologien der Ungleichheit im Allgemeinen anguckt, stellt man fest, dass es in der Regel um die Möglichkeit von Teilhabe, von Anerkennung, von Zugehörigkeit geht. Da, wo Menschen sich ausgegrenzt fühlen, entwickeln sich solche Haltungen und auch die Verfestigung in Richtung Ideologien deutlicher und stärker. Das heißt, man muss Teilhabe, Zugehörigkeit und Anerkennung ermöglichen, und zwar da, wo Menschen tatsächlich zusammenkommen, etwa in der Schule und in der Kita.

Sie verstehen sozusagen Integrationspolitik als umfassende Sozialpolitik. Sie sagen auch, dass da Prozesse der Stadtentwicklung und der demografische Wandel berücksichtigt werden müssen. Welche reellen Chancen sehen Sie für so einen umfassenden Ansatz?
Welche reellen Chancen hat ein Ansatz von Integration, der sich auf Fürsorge für randständige Minderheiten beschränkt und Vielfalt nicht als Ressource für die ganze Gesellschaft gestaltet? Ich glaube, da stößt der bisherige Integrationsbegriff an Grenzen. Wir brauchen etwas, das ich inklusionsorientierte Integrationspolitik nenne. Die Gesellschaft, um die es in Berlin, und nicht nur in Berlin, geht, besteht übrigens zu drei Vierteln aus Menschen ohne Migrationshintergrund. Ich glaube, dass Abbau von Diskriminierung, Abbau von GMF nicht funktioniert, wenn das als nur dem Wohl bestimmter Minderheiten dienlich wahrgenommen wird. Man kann Integrationspolitik als Aufgabe breit in der Gesellschaft verankern, wenn die ganze Gesellschaft etwas von Integration und Diskriminierungsabbau hat.

Sehen Sie, wir leisten uns zur Zeit, dass eine erhebliche Anzahl junger Akademiker mit Migrationshintergrund, insbesondere mit türkischen Wurzeln, in das Land ihrer Großeltern geht. Wir leisten es uns, Qualifikationen, die im Ausland erworben wurden, nur sehr marginal zu berücksichtigen. Wir leisten es uns, dass Studierende aus dem Ausland vorzugsweise auf die Rückkehr in ihre Heimat vorbereitet werden. Und das bei unserer demografischen Entwicklung und unserem Fachkräftemangel. Diskriminierung und Nichtintegration werden so zu einer Schranke der gesellschaftlichen Entwicklung.

Welche konkreten Fort- und Rückschritte haben Sie in Ihrer zehnjährigen Arbeit beim »Ostkreuz« in bestimmten Bezirken Berlins beobachten können?
Ich habe etwa in Marzahn-Hellersdorf über die letzten zehn Jahre eine deutliche Stärkung der Sensibilität in der Verwaltung und bei freien Trägern in der sozialen Arbeit festgestellt. Marzahn-Hellersdorf ist auch als Ort der Vielfalt ausgezeichnet worden. Das ist kein bloßes Etikett, da hat sich wirklich etwas am Klima und an der Atmosphäre verändert. Im Straßenbild und an Schulen sind gemischte Gruppen von Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft nicht mehr die Ausnahme, sondern ganz normal.

Berlin insgesamt ist in vieler Hinsicht vorbildlich für die gesamte Bundesrepublik.

Interview: Ralf Hutter

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