Von Tom Mustroph, Annonay Davezieux
14.07.2012

Historischer Erfolg für Millar

Am »Tag der Briten« kann sich das Führungsteam Sky endlich mal etwas ausruhen

Einen historischen Sieg für David Millar und viel Erleichterung für Team Sky brachte die 12. Etappe der Tour de France. Millar landete exakt 45 Jahre nach dem Doping- und Alkoholbedingten Tod seines Landsmann Tom Simpson auf dem Mont Ventoux in der Nachbarregion Ardeche einen symbolischen Sieg.

Bloß raus aus den Alpen, dachte sich hingegen Team Sky. Im Skiort La Toussuire war die britische Armada arg gezaust worden. Erst hatte der treue Knecht Christopher Froome einen kurzen Schwächemoment. Dann, als er sich gefangen hatte, drohte seine Attacke den eigenen Kapitän Bradley Wiggins aus den Schuhen zu fahren. »Suboptimales Management«, sagte spöttisch der alte Toursieger und Toursiegermacher Bjarne Riis.

Auf der 12. Etappe von St. Jean de Maurienne nach Annonay Davezieux hatte die Sky-Truppe solche Schwierigkeiten nicht zu befürchten. Schon früh verteilte sie großzügig Lizenzen zum Ausreißen. Etwas Spannung kam nur auf, als auch der Slowake Peter Sagan glaubte, davon eilen zu können. Zwei Liquigas-Teamkollegen - der Wangener Dominik Nerz und der Slowene Kristijan Koren - begleiteten den Träger des grünen Trikots. Das erregte den Zorn von Team Orica. Hier fährt der Australier Matthew Goss, der selbst ein Auge auf Grün geworfen hat. Sagans Gruppe wurde eingefangen und ein Quintett bestimmte fortan die mit 226 Kilometern längste Etappe dieser Tour.

Sky ließ die Gruppe gewähren, völlig zufrieden, an diesem Tag nicht viel Kraft investieren zu müssen. Der letzte Alpentag steckte ihnen noch gehörig in den Knochen und Köpfen. Den reinen Resultaten nach war das Team auf der 11. Etappe eigentlich sehr erfolgreich, denn Titelverteidiger Cadel Evans verlor fast zwei Minuten. »Manchmal macht der Körper eben schlapp«, konstatierte BMC-Sportdirektor John Lelangue lakonisch. Die Sky-Männer hingegen kamen in der ersten Favoritengruppe ins Ziel und besetzen jetzt die Plätze eins und zwei im Gesamtklassement. »Für das Team war das ein großartiger Tag«, sagte Wiggins in La Toussuire. Doch vor diesem Statement musste der schon zum »Tourminator« gekürte Brite heftige Probleme lösen.

In die brachte ihn ausgerechnet Teamkollege Froome. Gerade hatten die beiden Briten zu einer Gruppe um ihre ärgsten Rivalen Vincenzo Nibali (Liquigas) und Jurgen Vandenbroeck (Lotto) aufgeschlossen, da startete Froome einen Angriff. Taktisch war dies brillant. Denn der Moment eines Zusammenschluss wird von Instinktfahrern gern für eine Attacke genutzt. Nibali ist ein solcher Instinktfahrer. Froome kam ihm also zuvor. Pech war nur, dass ausgerechnet Wiggins nicht folgen konnte. Urplötzlich griff sich Froome an den Ohrstecker des Teamfunks. »Sie haben mich über die Situation informiert und zurückgerufen«, sagte er später »nd«. »Ich bin hier, um die Anweisungen des Teams auszuführen. Wir wollen die Tour de France mit Bradley gewinnen. Er ist besser platziert als ich und auch der stärkere Zeitfahrer«, erklärte er seine umgehend verlangsamte Fahrt. Gefragt, ob er es nicht in fünf oder sechs Jahren bedauern würde, den eigenen möglichen Toursieg geopfert zu haben, entgegnete er: »Ja, vielleicht ist das so. Diese Frage stellt sich dann aber auch erst in fünf oder sechs Jahren.«

So gelassen sahen dies andere nicht. Die französische Sportzeitung »L'Equipe« fühlte sich an den teaminternen Kampf zwischen Greg Lemond und Bernard Hinault erinnert. 1985 wurde der junge US-Amerikaner zurückgepfiffen, um dem Bretonen den fünften Toursieg nicht zu vermasseln. Ein Jahr später wollte sich Hinault nicht an die Absprache erinnern, dass jetzt für Lemond gefahren werde. Trotzdem setzte sich Letzterer am Ende in Paris durch.

Bei Sky gibt es die ersten Risse bislang nur abseits. Die Frau von Wiggins und die Freundin von Froome lieferten sich einen Twitterkrieg. »Wenn Du Loyalität willst, nimm einen Froome«, schrieb Froomes Freundin Michelle Cound. Cath Wiggins reagierte mit folgender Bemerkung: »Schaut auf Mick Rogers und Richie Porte als Beispiele für selbstlose Anstrengung und wahre Professionalität.« Den Namen Froomes ließ sie bei der Aufzählung der helfenden Teamkollegen aus. »Typisch«, giftete Cound zurück.

Das Team muss nur aufpassen, dass der Schnatterkrieg nicht auf die Männer übergreift. Geben diese noch die vorzügliche Ausgangsposition auf, sind sie die Sportverlierer des Jahres.