18.07.2012

Erstmals Aids-Präventionsmittel in den USA zugelassen

Experten warnen: »Truvada« ist kein Freifahrtschein für ungeschützten Sex

Das Medikament »Truvada« erschwert es HI-Viren, in den Zellen des Körpers Fuß zu fassen. Die vorbeugende Einnahme ist in den USA nun möglich. Ein Freifahrtschein für ungeschützten Sex ist »Truvada« mitnichten.

(dpa) In den USA ist erstmals ein Medikament zugelassen worden, das präventiv gegen Aids wirken soll. »Die Zulassung ist ein Meilenstein im Kampf gegen HIV«, teilte Margaret Hamburg von der US-Arznei- und Lebensmittelaufsicht FDA am Montag am Sitz der Behörde im US-Staat Maryland mit. Die FDA folgte der Empfehlung eines Expertenausschusses, der vor zwei Monaten empfohlen hatte, das vom US-Pharmaunternehmen Gilead Sciences produzierte Medikament »Truvada« zur Präexpositions-Prophylaxe zuzulassen.

Für die Behandlung HIV-Infizierter ist die Wirkstoffkombination schon länger zugelassen. Nun soll damit das Ansteckungsrisiko gesunder Menschen mit hohem Infektionsrisiko – z. B. solchen mit einem HIV-positiven Partner – gemindert werden. »Truvada« muss dafür einmal am Tag eingenommen werden, die Tabletten sind vergleichsweise teuer: In Deutschland kostet eine Monatspackung mehr als 800 Euro. Kondome müssen der FDA zufolge unbedingt zusätzlich verwendet werden.

Die Deutsche Aids-Hilfe warnte vor zu großen Hoffnungen. »Truvada« schütze lange nicht so zuverlässig vor HIV wie Kondome. Die Schutzwirkung sinke drastisch, wenn das Mittel nicht regelmäßig eingenommen werde – was gesunden Menschen schwerfalle, vor allem bei einem Medikament, das wie »Truvada« Nebenwirkungen habe. »Es handelt sich bei der Präexpositions-Prophylaxe nicht um eine Pille gegen Aids, die man direkt vor dem Sex einnimmt.«

Die FDA stützt sich bei der Zulassung vor allem auf zwei Studien, denen zufolge »Truvada« das Risiko der Ansteckung mit HIV sowohl bei heterosexuellen als auch bei homosexuellen Menschen deutlich mindert. Weitere Studien laufen. Kritiker warnen, dass viele Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen könnten. Befürchtet wird zudem, dass HI-Viren resistent gegen »Truvada« werden könnten.

Die Deutsche Aids-Hilfe sieht auch ethische Probleme: »Weltweit gibt es tund acht Millionen Menschen, die dringend eine HIV-Therapie benötigen, sie aber nicht bekommen«, hieß es. »Die Weltgemeinschaft stellt immer noch nicht genügend Geld für universellen Zugang zur Verfügung. Es wäre nicht vertretbar, HIV-Medikamente nun in größerem Ausmaß an Gesunde zu verteilen.«

Die Ankündigung der Zulassung von »Truvada« erfolgte kurz vor dem Start der Welt-Aids-Konferenz in Washington. Dort wollen rund 25 000 Teilnehmer eine Woche lang über den aktuellen Stand im Kampf gegen Aids diskutieren und neue Studien vorstellen.

Das Humane Immunschwächevirus (HIV) ist die Ursache für die unheilbare Krankheit Aids. Es wird vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr und infizierte Injektionsnadeln übertragen. Das Virus baut seine Erbsubstanz fest in die DNA des Menschen ein und lässt sich derzeit nicht daraus vertreiben. Das Virus ist sehr wandlungsfähig. Herkömmliche Impfstrategien funktionieren deshalb nicht.


Viele Tests für einen Impfstoff schlugen bereits fehl. Der Erreger kapert unter anderem bestimmte Immunzellen. Diese Gruppe der T-Helfer-Zellen geht an der Attacke früher oder später zugrunde. Damit können die Zellen ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen, Eindringlinge zu erkennen und das Abwehrsystem zu mobilisieren. In der Folge können sich viele Krankheiten weitgehend ungehemmt ausbreiten – harmlose Infektionen werden zur tödlichen Bedrohung.

2011 wurden in Deutschland laut dem Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin 2889 Neuinfektionen mit HIV registriert. Mit rund 55 Prozent stellten homosexuelle Männer die größte Gruppe. Neu an Aids erkrankt sind laut RKI 502 Menschen. Ausbruch und Symptome von Aids (»Acquired Immune Deficiency Syndrome«, erworbene Immunschwäche) lassen sich mit verschiedenen Medikamenten inzwischen viele Jahre hinauszögern. In Industrieländern ist die Versorgung mit den Wirkstoffen weitgehend gesichert, in armen Ländern nicht.

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