Marc Hairapetian
26.07.2012

»... bin ich Melancholikerin«

Hannelore Elsner, die heute 70 wird, über Anfänge, Angst und das Altern

Es war ein weiter Weg von »Immer die Mädchen« und »Freddy unter fremden Sternen« (beide 1959) über »Die endlose Nacht« und »Die Kommissarin« bis zu »Die Unberührbare« und »Kirschblüten - Hanami«. Hannelore Elsner (eigentlich Elstner mit »t«), am 26. Juli 1942 im bayerischen Burghausen geboren, wandelte sich vom Nachwuchstalent mit dem unwiderstehlichen Sex-Appeal zur Charakterdarstellerin. Ab 16. August ist sie in ihrer jüngsten Kinorolle, der gottesfürchtigen Daisy, in Marcus H. Rosenmüllers Filmkomödie »Wer's glaubt wird selig« zu sehen.

nd: Sie haben im Vorfeld unseres Interviews gesagt, Sie wollten lieber über Filmkunst als über das Alter reden ...
Elsner: Zum Altern sage ich nur eines: Man kann es nicht wegdiskutieren. Ich werde älter - und das ist gut. Ich brauche kein Botox, stehe zu meinen Falten, auch wenn ich wie fast alle Frauen nicht ohne Eitelkeit bin und mir die Haare färbe. Sieht einfach schöner aus.

Haben Sie einen Lieblingsfilm?
Ja, das ist ganz klar »Die endlose Nacht« von Will Tremper.

Das finde ich erstaunlich, denn in diesem Film, dem deutschen Vorläufer von Stanley Kramers »Das Narrenschiff«, hatten Sie nur eine Nebenrolle als Starlet.
Ich weiß, aber es geht mir um den gesamten Film, der heute noch ungeheuer modern wirkt und wie »Das Narrenschiff« verschiedene Episoden zu einem Kaleidoskop menschlicher Leidenschaften zusammenfügt. Ich konnte unglaublich viel lernen bei den Dreharbeiten und war von großartigen Schauspielern umgeben. Wie zum Beispiel Harald Leibnitz, der seine Freundin, von Karin Hübner gespielt, einem reichen Unternehmer regelrecht anbietet, damit dieser ihm das Geld für einen gefälschten Wechsel leiht. Oder Paul Esser, der in seiner Rolle zu Karin Hübner ohne Umschweife »Mädchen, ich will dich!« sagt und sie dabei lüstern anblickt - das war für die damalige Zeit eine regelrechte Provokation. Regisseur und Drehbuchautor Will Tremper, der weder zu Opas Kino noch zu den sogenannten Erneuerern des Oberhausener Manifests gehörte, wagte mit dem gut recherchierten Film damals viel. Nicht umsonst erhielt er 1963 mehrere Deutsche Filmpreise.

Und Sie als verzweifeltes Starlet, das, nur äußerlich cool, auf feine Dame macht, aber tatsächlich total abgebrannt und kurz vorm Verhungern ist und sich am Ende von zwei zwielichtigen Jungs abschleppen lässt.
Das war meine erste Charakterrolle. Ich habe den Film letztens in einem Berliner Filmclub wiedergesehen - und total genossen. Die Rechtefrage ist derzeit nicht genau geklärt, so dass eine offizielle Wiederaufführung schwierig werden könnte.

Die anderen Filme jener Tage, in denen Sie als vorrangig naives Weibchen mitwirkten, werden von Ihnen nicht so gelobt. Was stört Sie an ihnen?
Cineastisch betrachtet waren die späten 1950er und frühen 1960er Jahre eine tolle Zeit. Nur wurden diese tollen Filme nicht in Deutschland, sondern in Frankreich, Italien, England, Polen oder der damaligen Tschechoslowakei gemacht. Ich musste mit Peter van Eyck und Ruth Leuwerik »Ein Alibi zerbricht« drehen. Die beiden fand ich damals einfach doof. Auch Curt Jürgens gefiel mir nicht. Der war für mich einfach ein altväterlicher Typ. Ich konnte gar nicht verstehen, warum sich so viele Frauen für den »normannischen Kleiderschrank« begeisterten. Ich wollte für Frankreichs Nouvelle Vague drehen!

Hat es Sie geschmerzt, dass Sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit erst im Jahr 2000, durch Ihr Spiel in Oskar Roehlers »Die Unberührbare«, als große Menschendarstellerin gefeiert wurden?
Sagen wir es mal so: Es war schon eine verspätete Genugtuung für mich. Ich hatte ja vorher schon in ambitionierten Filmen wie 1973 »Die Reise nach Wien« von Edgar Reitz oder 1983 »Tatort: Peggy hat Angst« von Wolfgang Becker agiert. In »Die Unberührbare« spielte Elsner Elsner, nur diesmal nicht Hannelore, sondern die Dichterin Gisela. Mit Regisseur Oskar Roehler, der mich manchmal an meinen Sohn Dominik erinnert, stimmte die Chemie sofort. Er gab mir Raum zur Entfaltung, auch wenn ich mich natürlich eng an die tragische Biografie seiner Mutter zu halten hatte, die im Film in Hanna Flanders umbenannt wurde. Von den neuen Filmen, in denen ich mitwirkte, gefällt mir »Die Unberührbare« am besten - und »Kirschblüten - Hanami« von Doris Dörrie, obwohl mir da völlig zu recht Elmar Wepper die Show gestohlen hat.

Warum geben Sie eigentlich so selten Interviews?
Weil das ein ungeheurer Stress für mich ist. Ich bin eigentlich schüchtern und im Grunde eine
Melancholikerin. Die Schauspielerei ist da eine gute Therapie für mich. Wochenlang habe ich beispielsweise überlegt, ob ich zu Markus Lanz in die Sendung gehen soll. An sich lasse ich lieber meine Arbeit für mich sprechen.


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