Von Hans-Dieter Schütt
27.07.2012

Spiel ohne Abstand

Zum Tode von Susanne Lothar

Der Körper ist immer nackt. Immer im Spießfeld der Blicke. Kundige Blicke, unkundige, gierige, müde, erwartungsvolle, bewundernde, blöde Blicke. Dauernde Blicke. Sie kratzen, stechen, ja, sie streicheln auch, aber vor allem reißen sie die Haut des Schauspielers, sie sind wie Peitschen, unter deren Hieb der Komödiant noch höher springen, noch lustiger sein, noch unbändiger tanzen soll. Der ewige Scheinwerfer tötet den Menschen ab, seine Scham, seine Scheu, aber der Spieler braucht diesen Tod mitten im Leben, um in der Welt des Scheins wahrhaftig sein zu können. Das ist Berufung, sagt man, das klingt beruhigend, es ist eine Lüge. Berufung quält und hat ihren Preis.

Susanne Lothar war eine Schauspielerin, der man die zwei Kämpfe stets ansah: den Kampf für das eigene Ich bei gleichzeitigem Kampf, bestmöglich in Rollen, in Kunstgestalten aufzugehen. Kunstgestalten, denen das Leben ertappt zusah: So verloren bin ich, so verwundet, so stolz, so garstig, so bibbernd, so sprühend, so hässlich, so schön, und verwirrt wusste das Leben plötzlich nicht mehr, wie beides zu trennen wäre, das Schöne und das Hässliche, der Hass und die Liebe.

Für ihre Kunst hat die Lothar Lehrer gehabt, Lehrer, die wiederum von ihr lernten, dass sie auf dem richtigen Wege sind, um beste Verderber zu sein. Denn die besten Regisseure sind immer Verderber - per Spiel Verderber denen, die Leben für ein Spiel halten. Peter Zadek am Theater (»Lulu« mit Ulrich Wildgruber, »Gesäubert« mit Ulrich Mühe, »Mutter Courage« mit Angela Winkler), Michael Haneke beim Film (Funny Games«, »Das weiße Band«): Verderber der biederen Entrückungen, des gemütlichen, aber geborgten Friedens mit den geheuchelten guten Sitten. Sie war bei Zadek eine Schmutzige, bei Hanecke eine Getretene. Sie war, was ihre Regisseure waren: eine Angstforscherin. Bei sich selber. Das ist wahre Aufklärung.

Susanne Lothar. 1960 wurde sie als Tochter von Ingrid Andree und Hanns Lothar geboren - Hanns Lothar, das war der Schlaksige und charmante Freche, der lässig Lakonische und Labile unter den westdeutschen Filmstars, irgendwo zwischen Eberhard Esche und Manfred Krug, selber ein früh Sterbender. Seine Tochter studierte in Hamburg Schauspiel, sie war schon als Elevin am Thalia Theater.

Glück des Erinnerns: Lothar auf der Bühne. Nur im Gedächtnis, das entweder Schwamm und kalter abweisender Steinsbrocken zugleich ist, überlebt das arme abhängige Geschöpf Schauspieler.

Luc Bondy inszenierte am Berliner Ensemble »Auf dem Land« von Martin Crimp. Eine Dreiecksgeschichte über die ewig neu begangene, folgenreichste Urkundenfälschung des liebenden Menschen: Er nennt die Mördergrube, aus welcher seinem Leben die peinigende Kraft zuwächst, vorsätzlich betrügerisch - das Herz. Und immer gibt's jemanden, der das glaubt. Und dran glauben muss. Die Lothar entwickelt ein Spiel, das in heidnischer Unschuld eingefleischte Grenzen überschreitet - zwischen Gefühl, Schrecken und Ironie. Überm Sumpf des Tiefsinns, der jederzeit zu ahnen ist in dieser Seele, tänzelt der Körper, als ob heiterste Wiese sein Grund wäre. Eine Hysterikerin gleichsam der giftigsten Innenruhe.

Burkhard C. Kominski inszenierte am Schauspiel Frankfurt Tennessee Williams' Südstaatendrama »Endstation Sehnsucht«. Blanche DuBois: eine Frau auf der letzten Etappe ihres Abstiegs. Die Lothar, den Mund grell geschminkt, als solle damit der gesamte Körper gierig übertüncht werden, ist das Sterntalermädchen, das dir mit seiner vibrierenden, fiebernden Bitte, als Mensch zu gelten, ans Gemüt geht. Ein Mensch ist das freilich, der mit jedem Wort und jedem Schweigen, mit jedem Lallen und jedem Schrei, mit jedem Schritt haarscharf jene Realität verfehlt, die gerade an der Tagesordnung ist, und immer ist nur eines an der Tagesordnung: Krieg. Krieg, in dem sie untergeht. Aber unter Lachen weinend, schwärmt sie sich hinein in jeden Schlag, der gegen sie zielt.

Großes Theater ohne jeden Abstand. Dieser Blanche verschwimmen die Welten aus Wunsch und Wirklichkeit, und zwar verdammt traurig. Am Ende ist sie zur Psychiatrie verdammt. Dem Arzt, der sie abtransportiert, folgt sie, ein dürres Hühnchen, wie einem lieben Menschen: »Wer Sie auch sein mögen - auf die Freundlichkeit von Fremden habe ich mich immer verlassen.« Die Tragik des modernen Menschen im Bild eines kleinen, so wunderschön erbärmlichen Entleins: Nur das Fremde hält dich am Leben, weil du noch nicht weißt, wie und wann es dich vernichtet - während unter Menschen, zu denen du gehörst, Vernichtung eine tägliche Gewissheit ist.

Thomas Ostermeier inszenierte an Berlins Schaubühne »Trauer muss Elektra tragen« von Eugene O'Neill. Ein Drama aus Zeiten des US-amerikanischen Bürgerkrieges, das die griechische Atriden-Tragödie um Vatermord und Tochter-Rache ins sehr freudlose Sigmund-Freud-Volle herüberholt. Die Lothar, ergreifend gut als Mutter Christine. Mit großen leeren, aber so wunsch-wunden Augen, die ihr gleichsam bis zu den Fußspitzen reichen, starrt diese Frau der ehelichen Liebe nur immer hinterher. Erschütternd altershilflos in jener Szene, da sie die Träger ihres luftigen Kleides von den Schultern streift, vielleicht hoffend, es würde ganz fallen. Nichts fällt. Und wenn sie dann selber fällt, unter der Fleischwalze des ungeliebten Ehemannes (Thomas Thieme) oder unter dem Grabschen ihres Ödipussi-besessenen Sohnes, dann fällt da eine lebende Tote um. Und aufsteht eine gestorbene Lebenssüchtige. Die Lothar ist in ihren krampfhaften Straffungen das blanke Elend, in hitziger Selbstbehauptung eine erbärmlich Frierende.

Überhaupt: Ein unkontrolliert rasender Motor konnte sich im Spiel dieser Künstlerin drehen, er tourte sich geradezu in sie hinein. Bis ihr die Seelenfetzen quasi durch den eigenen Körper flogen.

Ein Schicksalsverband: Susanne Lothar war die Frau des Schauspielers Ulrich Mühes, der vor fünf Jahren starb. Auch die erste Frau Mühes, Jenny Gröllmann, holte zu jener Zeit der Tod. Schlimme Begleitsache dieses Sterbens: ein Streit um Stasi und Wahrheit und Würde. Susanne Lothar hat die eigene Familie, die eigenen Kinder geschützt, war ihrem Mann wirklich und in allen Belangen jener harten Monate: eine Liebende. Zwei im Freiheitsgefühl Souveräne, sich Haltende. Der schönste Satz über ihre Ehe war wohl, als Susanne Lothar sagte: »Bei uns gab es nie den doofen Alltag.«

Susanne Lothar liebte Leere, Schnörkellosigkeit, Maßsprengendes. Sie spielte bürgerliche Gegenwart und war doch, als hätte Toulouse-Lautrec sie skizziert. Wo Lebensflüsse im Sand der Zermürbungen zerrannen, spielte die Lothar doch stets auch, dass eine Flut der Gewalt aus den Ödnissen verfehlten Lebens schießen kann.

Am Dienstag ist die große Susanne Lothar im Alter von 51 Jahren gestorben.

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