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Von Jürgen Amendt
30.07.2012

Traum und Trauma

Beschneidung: Falsches Urteil mit falscher Begründung

Längst hat die Debatte um das Urteil des Landgerichts Köln vom Juni, in dem die Beschneidung (Zirkumzision) als Körperverletzung gewertet wurde, den juristischen Ursprung verlassen. Die Frage soll jetzt vom Gesetzgeber politisch entschieden werden. Ein Gesetz soll den Vorhaut-Verlust legitimieren.

Das ist bedauerlich, denn das Gerichtsurteil wirft die Frage auf, ob es überhaupt ein Gesetz braucht. Im Berliner »Tagesspiegel« kam kürzlich der Staatsrechtler Holm Putzke zu Wort, auf dessen Argumentation sich die Kölner Richter stützten. Putzke hatte bereits 2008 in einem Aufsatz die Zirkumzision als Körperverletzung gewertet und gemeint, dieser Eingriff sei strafbar. Die Beschneidung sei »eine Körperverletzung wie jede andere Operation auch«. Sie sei schmerzhaft, könne zu Traumata führen, ohne dass sie medizinisch notwendig sei. Das Ritual müsse man nicht verbieten, es aber verschieben bis zu einem Zeitpunkt, da Kinder in der Lage seien, »die Tragweite dieses Eingriffs abzuschätzen«.

Eine schlüssig klingende Argumentation, allein: Überzeugend ist sie nicht. Zum einen die Wertung einer Operation als Körperverletzung. Das ist sie zweifelsohne, aber Putzke sagt auch - und das LG Köln verweist in seinem Urteil darauf -, dass selbstverständlich dann, wenn ein operativer Eingriff medizinisch notwendig ist, quasi das Recht auf körperliche Unversehrtheit zurücktreten muss. Was aber ist eine medizinisch indizierte vertretbare Körperverletzung?

Eine Antwort bleibt schwierig, die Debatte sollte nicht abstrakt geführt werden. Putzke verneint in besagtem Interview eine mögliche Identitätsstörung beim Verzicht auf eine religiös motivierten Beschneidung. Der Mensch muss selbst über eine körperliche Kennzeichnung entscheiden, lautet Putzkes Diktum. Ein unter dem Gesichtspunkt der instrumentellen Vernunft logisches Argument - das aber die intersubjektive Vernunft außer acht lässt. Identität von Kindern entsteht nicht aus innerer Überzeugung heraus, sondern ist gekoppelt an soziale, tradierte Bindungen; sie lässt sich nicht ablegen wie ein Kleidungsstück. Die Annahme, Kinder würden dann selbstständig entscheiden, wenn sie älter sind, ignoriert, dass die Haltungen und Einstellungen von Eltern auch dann noch für Kinder eine gewichtige Rolle spielen, wenn sie älter sind.

Erziehung ohne den gewalttätigen Übergriff auf das kindliche Selbstbestimmungsrecht gibt es nicht. Eltern haben Macht, zum Erwachsenwerden gehört es, sich an dieser Macht zu reiben und dadurch eigene Ansichten zu entwickeln. Eltern müssen andererseits mit dem Risiko leben, dass sie sich für manche Entscheidung, die sie anstelle ihrer Kinder getroffen haben, später unter Umständen rechtfertigen müssen.

Mein jüngster Sohn zum Beispiel kam mit einer angeborenen Penis-Missbildung zur Welt, einer sogenannten Hypospadie. Darunter versteht man eine Verkürzung der Harnröhre, die eine Krümmung des Penis sowie eine missgebildete Vorhaut bewirkt. Die Hypospadie war gering ausgeprägt. Meine Frau und ich entschieden uns dennoch für eine Operation, als unser Sohn gerade mal eineinhalb Jahre alt war. Die Gefahr, dass ein missgebildeter Penis zu seelischen Problemen vor allem während der Pubertät führen könnte, wog für uns schwerer als das Risiko eines postoperativen Traumas. Kann eine befürchtete Identitätsstörung nicht auch derart schwerwiegend ins Gewicht fallen, dass ihr Verhindern mittels eines chirurgischen Eingriffs medizinisch indiziert zu nennen ist?

Das Beispiel Hypospadie sei hier erwähnt, weil der Umgang mit diesem Defekt (betroffen sind etwa ein Promille der männlichen Neugeborenen) dem mit der Beschneidung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft entspricht. Lange Zeit dominierte nämlich hierzulande die Auffassung, die operative Korrektur einer Hypospadie sollte erst bei älteren Kindern erfolgen. Die Begründung dafür, der bewusst erfahrene Schmerz sei psychisch leichter zu verarbeiten, ähnelt dem Argument Putzkes, Kinder müssten in der Lage sein, »die Tragweite des Eingriffs abzuschätzen«.

Dass diese von den Gegnern der Beschneidung angenommene Einsichtsfähigkeit vor seelischen Schäden schützt, ist ein verbreiteter Irrtum und wiederum Ausdruck einer rein instrumentellen Vernunft, die menschliche Entscheidungen scheinbar objektiviert. Es sind aber die Erinnerungen, die mit einem Erlebnis verbunden sind und den Unterschied zwischen Traum und Trauma ausmachen. So kann eine Beschneidung im Kleinkindalter, wie bei Muslimen üblich, gute Erinnerungen hervorrufen, wenn sie mit positiven Erlebnissen verbunden ist. Nicht von ungefähr ist die Zirkumzision mit einem Fest verbunden, bei dem der Junge geherzt und beschenkt wird - Süßigkeiten lassen körperliche Pein schnell vergessen.

Der Strafrechtler Holm Putzke besitzt solcherlei empirische Kenntnisse über muslimische Traditionen offenbar nicht. Seine Erklärung im »Tagesspiegel«, wie er zum Thema Beschneidung gekommen sei, stimmt bedenklich. Sein akademischer Lehrer Rolf Dietrich Herzberg habe »viel über Religion und Integration gelesen«, so die Bücher der Islamkritikerin Necla Kelek. 2007 sei dann bei einem Treffen mit einer muslimischen Studentin und einem türkischstämmigen Arzt in ihm die Idee gereift, dem Thema auch von juristischer Seite nachzugehen.

Wenn das alles war, dann beruht die Debatte darüber, ob Juden und Muslimen das Beschneiden in Deutschland noch erlaubt sein dürfe, auf dem angelesenen Wissen eines Juristen, dessen Erfahrungen mit den Riten des Judentums und des Islam sich aufs Hörensagen beschränken.

Wie überflüssig dadurch die Debatte wird, kann man sich mit einem kleinen Gedankenexperiment deutlich machen. Man stelle sich vor, ein Strafrechtler in Deutschland würde die rechtliche Ächtung der Ohrenbeichte in der katholischen Kirche fordern. Als Begründung würde er auf Bücher von Religionskritikern verweisen und auf ein Gespräch, das er mit einer katholischen Studentin und einem italienischstämmigen Arzt geführt habe. Für minderjährige Katholiken, die sich gezwungen sehen, nach der Heiligen Kommunion einem offiziell sexuell enthaltsam lebenden alten Mann unkeusches Verhalten zu offenbaren, kann die Ohrenbeichte in der Tat ein Trauma sein. Würde ein Gericht aber einen derart dürftig begründeten Aufsatz eines Strafrechtlers als Grundlage für ein Urteil akzeptieren? Ein Urteil, mit dem die Ohrenbeichte als Verletzung eines der elementarsten Menschenrechte bezeichnet wird: dem der Menschenwürde?

Wohl kaum, schon deshalb nicht, weil den Richtern bewusst wäre, dass über Zeiten gewachsene Rituale nicht durch scheinbare Sachlichkeit und per juristischen Knopfdruck abgestellt werden können.

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