Von Karin Leukefeld, Damaskus
30.07.2012

Verlustreicher Kampf um Aleppo

Zahlreiche Einwohner zuvor aus der Großstadt geflüchtet / Aufständische wollen westliche Unterstützung

Seit Samstag geht die syrische Armee in Aleppo mit schweren Waffen gegen Aufständische vor, die sich in der nordsyrischen Wirtschaftsmetropole festgesetzt haben. Die Armee setzt dabei auch Artillerie und Maschinengewehre aus Hubschraubern ein.

Nach Angaben der Aufständischen sind den Regierungstruppen »schwere Verluste« zugefügt worden. Das behauptete umgekehrt nahezu wortgleich die offizielle syrische Seite über ihre Kriegserfolge. Berichten von Einwohnern zufolge - im Gespräch mit der Autorin per Telefon - sollen sich die Kämpfe vor allem in Randgebieten im Nordosten und im Südwesten der Stadt abspielen.

Aleppo ist wie alle syrischen Städte in den letzten zehn Jahren aufgrund massiver Landflucht von neuen Wohnvierteln umgeben. Die dort lebende Bevölkerung gilt als arm, die meisten mussten infolge einer Jahre langen Dürre ihre Dörfer und Bauernhöfe aufgeben. In diesen Vierteln hatten sich die Aufständischen niedergelassen und rückten von dort weiter in die Innenstadt vor. Das wiederum hatte das massive Eingreifen regulärer Streitkräfte ausgelöst. Deren Truppen dringen offenbar von verschiedenen Seiten sternförmig in die von Aufständischen besetzten Wohnviertel vor. Die Zivilbevölkerung soll sich zu großen Teilen vorher im Umland von Aleppo in Sicherheit gebracht haben.

Der im Ausland befindliche Syrische Nationalrat warnte vor einem Massaker an der Zivilbevölkerung und forderte zum wiederholten Male ein militärisches Eingreifen des Auslands, um eine Pufferzone einzurichten.

Die Kämpfe sollen sich auf den im Südwesten der Stadt liegenden Bezirk Salaheddin konzentrieren. Dort sollen sich die bewaffneten Aufständischen in Häusern verschanzt haben, die von ihren Bewohnern zuvor verlassen worden waren. Die Straßen in den von den Aufständischen gehaltenen Vierteln werden als menschenleer beschrieben. In anderen Stadtvierteln allerdings gingen die Menschen fast wie gewohnt ihrer Arbeit nach.

Politisch und medial wird die »Schlacht um Aleppo« zu einer Entscheidungsschlacht stilisiert, bei der sich das Schicksal der syrischen Führung entscheide. Tatsächlich sind weder die regulären Streitkräfte noch die Aufständischen bereit nachzugeben. Die Aufständischen erhoffen sich mit Hilfe internationaler Unterstützung die Einrichtung einer Pufferzone im Norden Syriens. Hier wollen sie ihre Anhänger sammeln, neue Kämpfer ausbilden, bewaffnen und neue Angriffe starten. Für die syrische Führung indes ist ein Eindringen bewaffneter Kämpfer in die großen Städte des Landes inakzeptabel. Beobachter gehen davon aus, dass die Armee - wie in Damaskus vor etwa zehn Tagen - die Oberhand gewinnen und die Aufständischen vertreiben wird. »Es ist ein ungleicher Kampf«, sagte ein Gesprächspartner in Damaskus. Die Auslandsopposition und ihre Unterstützer trieben die Kämpfer in den Tod.

Auch auf Seiten der syrischen Streitkräfte ist der Preis hoch. Dutzende Soldaten werden täglich Opfer der zunehmend besseren Bewaffnung der Aufständischen, sagte ein Beobachter im Gespräch mit der Autorin in Damaskus. Die Kämpfer verfügten über moderne Granatwerfer und tragbare Anti-Panzer-Raketen. Diese Waffen, die ein Gewicht von wenig mehr als 20 Kilogramm haben und sowohl in Afghanistan als auch Irak von der US-Armee eingesetzt wurden, funktionierten nach dem Prinzip »Schießen und vergessen«: Nach dem Abschuss findet ein im Sprengkopf installierter Sucher das Ziel automatisch. Nach Angaben russischer Militärs soll die syrische Armee auf diese Weise mehr als 100 Panzer verloren haben.

In jedem Fall führt der Einsatz schwerer Waffen zur Zerstörung privaten und öffentlichen Eigentums und zur Vertreibung unbeteiligter Zivilbevölkerung. Der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Kofi Annan, rief beide Seiten zur Einstellung der Gewalt auf. Die Lage in Aleppo mache erneut deutlich, dass nur eine politische Lösung dem Land Frieden bringen könne, sagte Annan. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow appellierte erneut an die USA und ihre Verbündeten, ihre Unterstützung für die Aufständischen einzustellen und sie zu einer politischen Lösung zu drängen.

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