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Von Irmtraud Gutschke
02.08.2012
Literatur

»Die Riesenzecke Krieg«

Joachim Jahns: Biografische Nachträge zu Erwin Strittmatter

Jedem ist es unbenommen zu sagen: Nun sei's genug mit dem Hin und Her über Strittmatters Kriegsvergangenheit und höchste Zeit, zu seinem Werk zurückzukehren. Aber wenn nun schon so viele Details ausgegraben sind, kann man nicht einfach »Stopp« sagen. Wenn in der Öffentlichkeit mitunter leichthin zugespitzt von einer angeblichen SS-Vergangenheit des Schriftstellers die Rede ist, obwohl er nie SS-Mitglied war, weiß man doch inzwischen, dass er sich 1940 für die Waffen-SS mustern ließ. Dem ist hinzuzufügen, was Joachim Jahns in seinem neuen Buch feststellt: dass er seine Freiwilligenmeldung kurze Zeit später widerrief.

Ein Brief Erwin Strittmatters am 27. Mai 1940 an seinen Bruder Heinrich brachte Joachim Jahns darauf, die Umstände zu recherchieren, warum der große Chef der Zellwolle AG in Schwarza sich dermaßen für den Arbeiter Strittmatter interessierte, dass er ihn auf seine Kosten in die exquisite Villa Brendel am Attersee schickte, um seine »Nerven auszukurieren« und sich »zu überlegen, ob ich meine Freiwilligen-Meldung zur Waffen-SS aufrecht erhalte oder ob ich wieder in die Fabrik gehen will«. Was hatte der mächtige SS-Standartenführer Dr. Walther Schieber mit Strittmatters Meldung zur Waffen-SS zu tun? Jahns meint, dass er Strittmatter dazu überredet hatte, weil er ihn - zum Zwecke eigener Imagepflege - als Nazi-Dichter aufbauen wollte. Er versprach ihm sogar die Herausgabe eines ganzen Gedichtbandes. Daraus wurde nichts, weil Strittmatter - nach reiflicher Überlegung - Schiebers Plan nicht folgte.

Die Arbeit am Viskose-Bottich in Schwarza war ihm verhasst. Er wollte weg. Aber: »Das hat natürlich einen Haken und die Falle ist schon so aufgestellt, dass ich hineinlatschen werde«, heißt es im Brief an den Bruder, in dem auch vom »bösen Krieg« die Rede ist. In seinem 2011 erschienenen Buch »Erwin Strittmatter und die SS / Günter Grass und die Waffen-SS« hat Jahns bereits erklärt, wie Strittmatter als Freiwilliger zur Schutzpolizei kam. Hier nun wird deutlich, dass damit eine Entscheidung gegen die Waffen-SS verbunden war - einfach, weil er nicht an die Front geschickt werden wollte. Womöglich hätte er ja sogar die Chance gehabt, Mitglied der von Himmler hofierten Reiterstandarte zu werden. Aber Strittmatter widerstand der Versuchung und schrieb, um Direktor Schieber versöhnlich zu stimmen noch ein verrätselt-pathetisches Gedicht auf einen gefallenen Kameraden ...

Wie er dann doch vom »bösen Krieg« eingeholt wurde, kann man detailliert in Annette Leos kürzlich erschienener Strittmatter-Biografie nachlesen. Auch Joachim Jahns bezieht sich auf Vernehmungsprotokolle von Oberwachtmeister Josef Heller, der mit Strittmatter in der gleichen Polizeieinheit war, und folgert, dass Strittmatter beim Kampf um Dražgoše »die Ausradierung des Ortes und die Füsilierung von Zivilisten erlebt haben müsste«. Und er findet ein literarisches Werk, das diese Schrecken reflektiert: die Erzählung »Der entminte Acker« von 1951, die der Autor als literarisch misslungen betrachtete und nicht wieder auflegen ließ. Im Mittelpunkt steht Unteroffizier Hilm, der immer zuverlässig ausgeführt hatte, was seine Vorgesetzten befahlen, und dennoch erkennt: »Die Riesenzecke Krieg hat ein breites, gefräßiges Maul. Es gibt einige Menschen auf der Welt, die diese Riesenzecke melken.«


»Die so vom Autor geformten Geschichten über den Krieg waren das, was Strittmatter leisten konnte und wollte. Diese narrativen Inszenierungen von Krieg und Nachkrieg wie auch die Präsentation der für die Öffentlichkeit bestimmten Kriegsbiographie wurden - so kann man annehmen - in der Folgezeit zu so etwas wie einer zweiten Haut von Erwin Strittmatter und zum Bestandteil der eigenen Erinnerung, möglicherweise ganz im Sinne von »false memories« bzw. von »Tricks der Erinnerung«. Auf diese Weise schien für den Autor ein Weg gefunden, die eigene Schreckensgeschichte zu verarbeiten und eine für den Neuaufbau passende Identität zu gewinnen ...«
Carsten Gansel

»Es geht um Erwin Strittmatter oder Vom Streit um die Erinnerung« heißt ein profunder Band, den Carsten Gansel und Matthias Braun herausgegeben haben. In einzelnen Texten geht es um Werkanalysen, aber auch immer wieder um die Mediendebatte um seine Person (V&R Unipress, Göttingen, 408 S., geb., 44,90 €).

Joachim Jahns: Erwin Strittmatter und der böse Krieg. Biografische Nachträge. Mit einer farbigen Reproduktion »Im Nebel. Für Erwin Strittmatter« von Juliane Jahns. 20 S., brosch., 12,90 €.

Joachim Jahns: Erwin Strittmatter und die SS / Günter Grass und die Waffen-SS. 206 S., geb., 25 €. Beide Dingsda-Verlag.

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