Von Marion Pietrzok
02.08.2012

Schnapsrote Augen, klarer Blick

»Rum Diary« von Bruce Robinson

Glänzend-knallrot das Einpropellerflugzeug am strahlendblauen Himmel über der Karibik. Es wird umtanzt von der Filmkamera, so dass der Blick gar nicht nachkommt, und umknattert von auf- und abschwellendem Motorengeräusch, synchron zu den schönen Schleifen, die es vollführt - Ohr und Auge des Zuschauers werden hier, schon beim Vorspann, auf etwas ziemlich Extremes eingestellt. Und man ahnt auch schon den komischen Touch des Ganzen: Denn der sinnlichen Verführung durchs blecherne Lack-Rot, das später ebenso kirschmundig als Karosseriefarbe der Corvette, Baujahr 1958, sein Aufmerksamkeitssignal auf dies und das und was auch immer sendet, folgt dann doch mehrfach Ernüchterung: Die Flugzeugperformance ist nichts als ein Werbeflug eines US-Ölkonzerns, diese aufklärende Pointe zum Looping liefert das zum Schluss eingeblendete Spruchbanner. Und das Superauto mit dem streichelweichen Locklack gehört einem bösen Buben: dem skrupellosen Geschäftsmann Sanderson. Der will mitten in unberührter Natur - auf einer blau-weiß-grünen Paradiesinsel vor Puerto Rico - eine neue Einfallsschneise des parasitären US-amerikanischen Way of Life schlagen. Der smarte Immobilienspekulant darf darauf hoffen, dass die US-Army, die hier stationiert ist, das für Hotels und Luxusquartiere angepeilte Revier (»Gottes Schatzkammer«) nicht mehr lange besetzt hält: Bald wird sie auf Kuba landen und dem Kommunismus den Garaus machen.

Wir sind in Puerto Rico Anfang der 60er Jahre. US-amerikanische Touristen fluten die karibische Oase, immer mehr US-Geschäftsleute machen sie zum »Land der unbegrenzten Gräueltaten«, wo »praktisch jeder Großkonzern sein Schwarzgeld verbuddelt« und wo man - nach Oscar Wilde - von allem den Preis kennt, von nichts den Wert. (O-Ton Film.) Die Kinder der Puertoricaner aber haben die Wahl zwischen Verhungern oder Nahrungssuche im Müll.

Dass auf den Straßen dieser Stadt von Korruption und Gier gegen Ausbeutung demonstriert wird, lautstark Mindestlöhne gefordert werden, davon will das Lokalblatt »The San Juan Star« nichts wissen, Fenster und Türen bleiben zu. Heile-Welt-Texte sind gefragt. Die Anzeigenkunden nicht zu verprellen, ist oberstes Gebot. Die Redaktionsmannschaft ist darob müde geworden, und die Zeitung dümpelt vor sich hin. So hat jetzt Chefredakteur Lotterman, um das endgültige Aus abzuwenden, den New Yorker Möchtegern-Schriftsteller Paul Kemp zum Auffrischen der Postille engagiert. Vorausgesetzt, die frische Feder spricht nicht wie alle anderen dem lähmenden Alkohol zu. Dass der Chefreporter in spe beim Vorstellungsgespräch die Sonnenbrille nicht von den - schnapsroten! - Augen nehmen will, macht Lottermans Appell erst mal zur Illusion einer Vergatterung. Tatsächlich gerät Kemp sofort unter die Fittiche des talentierten, inzwischen desillusionierten Foto-Journalisten Sala. Und das heißt, die Freundschaft muss begossen werden, das Elend, seine Ideale, die beruflichen und damit die politischen, dem Zeitungstrott geopfert zu haben, will ertränkt sein.

Wo kann man leichter zu den nicht unwesentlichen Mengen von Rum kommen, die dafür notwendig sind, als in San Juan? In der Hafenstadt wird schließlich der berühmte »Bacardi« produziert. Die Antwort: Genau gesagt, im konkreten Fall, zu Hause bei Sala. In dessen heruntergekommener Wohnung, in der häufig die Leitung keinerlei Wassertropfen hergibt, versiegt der Rum so gut wie nie. Kemp als neuer Mitbewohner erfährt beides mit Erstaunen: Kollege Moberg, der ebenfalls ein Zimmer bei Sala bewohnt, im Blatt zuständig für Religion und Verbrechen, klaut regelmäßig Filter in der Rumfabrik, und nachdem er sie in der Wäscheschleuder ausgepresst hat, erhält man ein mindestens 400-prozentiges Alkoholkonzentrat. Das Extrahierte ist im Weiteren denn auch ideal zweckentfremdet zu gebrauchen: zum Feuerspeien als Flammenwerferersatz.

Paul Kemp wird mehr als einmal von der Regie geleitet, höchst erstaunt und meist mit Sonnenbrillen- oder Alkohol- und Drogen-Filter auf die unschönen und schönen Dinge um ihn herum zu blicken. Und da es der große Star Johnny Depp ist, der den 32-Jährigen spielt, das Alter ego des Ex-Journalisten und Buchautors Hunter S. Thompson, staunt der wohlgesonnene Zuschauer schön mit. Doch richtig zum Lachen aber, wie es das Komödiengenre erwarten ließe, ist keine Szene, keiner der flotten Dialoge, und richtig zum Wütendwerden beim verbalen Aufblättern der Missstände ist der Film ebenso wenig gemacht. Auf klassischem 16-mm-Material gedreht, an authentischen Orten und mit vorzüglichen Kostümen, besticht er allerdings durch seine Optik. Auch hat er beste Darsteller vorzuweisen.

An erster Stelle natürlich Johnny Depp, der mit Thompson befreundet war. Depp war als Raoul Duke durch »Fear and Loathing in Las Vegas« gegangen, ein Kult-Trip (1998, Regie Terry Gilliam), ebenfalls wie »Rum Diary« nach Thompsons Buch. (Diesmal allerdings, als Paul Kemp, hat Depp mit Psychedelika nichts am Hute.) Michael Rispoli kommt gut als Sala, dazu der nuschelnde und gelenklabberige Giovanni Ribisi als Moburg und Richard Jenkins als genervter, korrumpierter Lottermann. Nicht zu vergessen Aaron Eckhart als auf sauberer Schönling mit unsauberer Kapitalgier getrimmter Sanderson, sowie die zu einem blonden Idealbild schwüler Männersehnsüchte modellierte Amber Heard als sein Vorzeigepüppchen Chenault.

Doch die - im Einzelnen durchaus geglückten - Szenen fließen nicht in eins. Es holpert, und mal blitzt Komisches auf, mal Gesellschaftskritisches, und dazwischen liegen arge Durststrecken. 120 Filmminuten und jede Menge Ungereimtheiten. Zum Beispiel: Die Wandlung des alkoholgetriebenen, in die Verhältnisse stolpernden Kemp zum Vorkämpfer einer freien, sich dem kapitalistischen Unwesen entgegenstemmenden Presse, der Wechsel vom rumroten zum klaren Blick, lässt sich nicht nachvollziehen. Und dass der eitle Sanderson sich ohne Bedauern seine unbedarfte Sexy-Schöne von Kemp ausspannen lässt, dass dieser Schwan, zum Entlein mutiert, gar Kemps Ehefrau wird, das glaubt kein Mensch. So wahr uns Thompson helfe.

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