Von Irmtraud Gutschke
02.08.2012

Polemik - scharfzüngig, stilbewusst

Gore Vidal ist tot

Er war politisch hellwach, bis zuletzt auf dem Sprung, das Zeitgeschehen zu kommentieren - scharfsinnig, scharfzüngig, dafür war er berühmt. Nun kommt die Nachricht, dass der Schriftsteller Gore Vidal am Dienstag in seinem Haus in Hollywood Hills nahe Los Angeles an einer Lungenentzündung gestorben ist.

Er entstammte der alten amerikanischen Oberschicht, mit enger Verbindung zum Kennedy-Clan. Im Privaten standesbewusst, ja elitär, hatte er zugleich Sinn fürs Allgemeinwohl, nicht nur der Menschen in den USA, sondern in der ganzen Welt. Das schwarze Schaf in seiner Familie - offen lebte er seine Homosexualität aus, als andere das noch versteckten. Im Persönlichsten zum Mut gezwungen, übertrug er diesen auch auf andere Bereiche. Da bewunderten die einen ihn vielleicht als Paradiesvogel, die anderen beschimpften ihn als Nestbeschmutzer, weil er sich als »herrischen Störenfried des nationalen Gewissens« begriff, so die»Los Angeles Times«. »Ich sehe meine Herausforderung darin, Menschen klar zu machen, warum etwas geschieht«, sagte er von sich. Die USA seien ein Land, in dem jeder von klein auf angehalten ist, nie nach dem Warum zu fragen.«

Ein Freund absoluter Formulierungen, wie man sieht, einer der aufhorchen lassen will. Der also Zuhören ebenso herausfordert wie Weghören. Ein Polemiker und Aufklärer, der sich in über 20 historischen und satirischen Romanen mit der Geschichte und Gegenwart der USA beschäftigt hat. Darunter in einer Folge von sieben Romanen eine USA-Chronik schuf - von »Burr« (1836) bis »Das Goldene Zeitalter« (1939-1954). Er verfasste Theaterstücke - gerade läuft »The Best Man« wieder am Broadway; von Gore Vidals Website gibt es einen Link zum Tickettverkauf. Von ihm stammen auch zahlreiche Filmskripte. So war er am Drehbuch zum Oscar-gekrönten Kino-Klassiker »Ben Hur« beteiligt. Er betätigte sich als Schauspieler und bewarb sich 1960 als Kandidat der Demokraten erfolglos um einen Sitz im Repräsentantenhaus, später war er Mitbegründer der linksliberalen People's Party und trat bei Kundgebungen gegen den Irakkrieg auf.

Stefan Dornuf, ein Freund Gore Vidals, der jüngst auch seinen Band »Amerikas Traum vom Fliegen« herausgab, ist es zu danken, dass Texte dieses Schriftstellers mehrfach als Erstveröffentlichungen ins »nd« kamen. Dort war auch ein Interview von Reiner Oschmann zu lesen, in dem Gore Vidal das Weltmacht-Gehabe Washingtons kritisierte und die amerikanische Bevölkerung als »unglaublich fehlinformiert« bezeichnete.

Lust an polemischer Zuspitzung, gepaart mit der aristokratischen Haltung eines Grandseigneurs - das ist eine seltene Mischung, faszinierend vor allem für jene, die selbst ein gewisses Selbstbewusstsein pflegen. Dazu ein schönes Zitat von Gore Vidal: »Stil heißt zu wissen, wer man ist, was man will und sich nicht darum zu kümmern.«

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