Von Volkmar Draeger
03.08.2012

Schönheit für das Kollektiv

Die Kommunale Galerie zeigt an 50 Exponaten Produktgestaltung aus der DDR

Die DDR nur noch als Museumsgegenstand: Fast hat man sich daran gewöhnt. Eine Ausstellung in der Kommunalen Galerie zeigt an 50 Objekten, was Produktgestaltung in der untergegangenen Republik geleistet hat, ob Avantgarde, wenig kunstfreudigen Funktionären und/oder begrenzten Materialkapazitäten zum Trotz. »Schönheit des Kollektiven« haben die zwei Kuratoren vom Verein form:ddr ihre Schau genannt, meinen damit den auf Massenkonsum abgestellten, trotzdem bisweilen formvollen Entwurf. Verblüfft findet man als Besucher in den Vitrinen, was man täglich noch immer benutzt, über dem permanenten Gebrauch aber kaum mehr als kunstgestaltet wahrnimmt. Insofern bewirkt die Zusammenschau eine Neubesinnung aus dem Abstand und ist zugleich Ehrenrettung eines Standes, der es unter den Mangelbedingungen eines Staates im Wettkampf der Systeme nicht eben leicht hatte. Wie sehr die Formgestalter der DDR wollten, aber nicht durften, hatte sich über das Autodesign hinaus herumgesprochen. Wie oft, im Sinn der lange von offizieller Seite argwöhnisch beäugten Bauhaus-Tradition, Zweckgebundenheit bei formaler Eleganz dann doch obsiegte, weist der Galerieraum eindrücklich nach.

Geordnet haben Wolfgang Binder und Bettina Güldner ihre Güter unter Schlagwörtern aus der Fachsprache der Formgestalter. So subsummiert »Abstrakt« Helga Niemanns beliebte Quietschtiere ebenso wie etwa Helmut Flades Leuchterengel: Zehrt er einzig von der Maserung des Eschenholzes, ohne das Gesicht jener Zopffigur auszuführen, geben sich der rote Delphin, die gelbe Ente, das grüne Nilpferd, der blaue Pinguin, der rote Igel aus PVC einfach liebenswert und zudem handlich rund für Kinder. An sie wendet sich auch ein Holzbaukasten, der Hochhaus ebenso wie Plattentransporter hergibt. »Standard« bezieht Martin Kelms unverwüstliche Eimer und Trichter aus Polyäthylen ein, bunt und schlicht. Margarete Jahnys und Erich Müllers Satz »Luzern« aus rauchigem Pressglas umfasst Schalen, Schüsseln, Kerzenhalter, Vase und wetteifert mit Hubert Petras‘ Zylindervasen in schmal weißem Porzellan um größte Schlichtheit. An Bauhaus-Ästhetik erinnert Christa Petroff-Bohnes viel eingesetztes Tafelgeschirr aus Edelstahl mit typisch klappbarem Deckel.

»Sinnlich« ist nicht bloß Ludwig Zepners Porzellanvase mit dem lang geschwungenen Unterteil und ihrem Kugelaufsatz; auch die dreigliedrige Glasvase von Brigitte Höfs gab es in großer Serie ebenso wie Jahnys wohlproportionierte Aluminium-Thermoskanne von 1959. Horst Gieses stapelbare, dann das ganze Ei schützende Eierbecher aus Polyäthylen sind nur ein Jahr jünger. Das führt zum »System«, wie es im praktisch denkenden DDR-Alltag beliebt war. Jahnys und Müllers rauchiges Pressglasservice »Europa« war in der Gastronomie unverzichtbar, weil in seinen Einzelteilen ersetzbar; Hans Merz‘ Campinggeschirr aus beigefarbenem Meladur ließ sich in der Kanne verstauen. Aus wenigen geometrischen Grundkörpern gestattet Peter Forkers Steckbaukasten vielfältige Bastelideen für Kinder. Wie man durch kleine Veränderungen des gläsernen Basismodells unterschiedliche Vasenvarianten erzeugen kann, zeigt Marita Voigt.

»Elementar« in ihrer Eleganz geben sich Klaus Kunis‘ Menage aus Aluminium, Lutz Rudolphs edelstählern fließende Geflügelschere ohne Knick, Bestecke für Salat und Speisen. Selbst den von unbekannter Hand entworfenen Gasanzünder nach piezoelektrischem Prinzip entdeckt man hier wieder; Erich Menzels Hellerau-Stuhl 50642, sitz- und rückenfreundlich, aus dem Gründungjahr der DDR ist ältestes Exponate der Schau. Nostalgiker dürften an einer glattledernen Handtasche mit Lederverschluss ihre Freude haben. »Zugewandt« dem Nutzerbedürfnis sind eine kleine Gewürzmühle, der Kurzzeitwecker mit Schieflage des Zifferblatts wie bei einer Sonnenuhr, Ting-I Lis Fön und Rasierapparat aus Bakelit, gefertigt in sanftem Schwung und ohne Stoßkanten in Suhl. Zu den Glanzexponaten der Rubrik »Kommunikativ« zählt, neben einem T-förmigen Eiskratzer mit Gummibürste und Karl-Heinz Langes riefenloser Schrifttype minima fürs Telefonbuch von 1989, Klaus Musinowskis und Lutz Rudolphs heute noch begehrter Kaffeekocher »Moccadolly« in perfekter Turmbauweise, hergestellt in einer Berliner Privatfirma. Steht Klaus Wittkugels Plakat der »10 Punkte« des Volkswirtschaftsplans 1950 mit den angekündigten Verbesserungen gegenüber 1949 für den Beginn, so markieren Günter Schorchts grafisch klare Katalogblätter der Ausstellung »Produktdesign im Dialog« von 1986 das Ende des sich entwickelnden DDR-Designs.

Bis 31.8., Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176, Wilmersdorf, Telefon 902 91 67 04, www.kommunalegalerie-berlin.de