Von Hans-Gerd Öfinger
03.08.2012

Globalisierungskritiker im Trainingslager

Attac startet Sommerakademie an der Mainzer Universität

Im Zeichen der aktuellen Wirtschafts- und Eurokrise begann am Mittwochabend auf dem Mainzer Universitätsgelände die zehnte Attac-Sommerakademie. Bis Sonntag können sich Aktivisten und Interessenten in weit über 100 Einzelveranstaltungen für anstehende Auseinandersetzungen fit machen.

»Griechenland ist ein Versuchskaninchen für Europa«, erklärte die Athener Attac-Aktivistin Marica Frangakis bei der Eröffnungsveranstaltung: »Hier wird getestet, wie weit sie gehen können, bevor die Bevölkerung revoltiert.« Frangakis beschrieb den Niedergang von Lebensstandard, Sozialstaat und Arbeitnehmerrechten und die Zunahme von Massenarbeitslosigkeit und sozialer Spaltung in ihrem Land. Ein Großteil der internationalen »Rettungsgelder« sei direkt an die Gläubigerbanken geflossen. So werde das Land nie aus der Schuldenfalle herauskommen.

Deutschland habe die anderen Länder »rücksichtslos niederkonkurriert«, kritisierte der Chefökonom der UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz, Heiner Flassbeck. »Wettbewerbsfähigkeit von Nationen ist eine absurde Idee«, so Flassbeck: »Anders als einzelne Unternehmen verschwinden Nationen nicht und können nicht verdrängt werden.« Nun müsse angesichts der tiefsten Rezession in der griechischen Geschichte die irrationale Sparpolitik gestoppt und die Wirtschaftspolitik »vom Kopf auf die Füße« gestellt werden, meinte der Ökonom.

»Die Spreizung der Gesellschaft hat sich im EU-Vergleich in Bulgarien, Rumänien und Deutschland am stärksten entwickelt«, erklärte der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann. Die von der Occupy-Bewegung geprägte Parole »Wir sind die 99 Prozent« sei »im Kern richtig«. Hartmann diagnostizierte in deutschen Industriellenkreisen und Teilen der Versicherungswirtschaft einen wachsenden Unmut über die Geschäftspolitik und Macht der Großbanken. Auch wenn dies bislang eher hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen werde, seien solche Hinweise darauf, dass »oben die Front nicht mehr geschlossen ist und Brüche entstehen«, für eine Gegenbewegung von unten sehr wichtig. Wer die Gesellschaft verändern wolle, so Hartmann, dürfe die Rolle der Gewerkschaften nicht unterschätzen, denn sie seien »die Einzigen, die viele Menschen organisieren«.

Zu den ältesten Teilnehmern der Akademie gehört die knapp 80-jährige Freya Pausewang. Sie war 2001 Mitbegründerin der Attac-Regionalgruppe im nahen Wiesbaden und hat eigens für die Sommerakademie ihren Urlaub unterbrochen. Von der Akademie erhofft sich Pausewang klare Botschaften und eine Ausstrahlung speziell für Jüngere. Die rüstige Sozialpädagogin gestaltet am Freitag den Workshop zum Thema »Kinder für ihre Zukunft stärken« mit. Ihr Anliegen: Kinder im Vorschulalter sollen ein soziales Miteinander als Quelle des Wohlgefühls wahrnehmen. »Die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen laufen viel zu langsam«, so ihre Einschätzung.

Am Donnerstag bot sich den Besuchern rund um das Uni-Philosophicum ein bunter Basar von Infoständen unterschiedlichster Gruppen. Eine am Mittwochabend von der Versammlungsleitung initiierte Zuhörerbefragung ergab, dass viele Besucher erstmals zu einer Attac-Sommerakademie angereist sind. Dass geduldige Überzeugungsarbeit Zulauf bringen kann, bestätigte Heiner Hügel von Attac Frankfurt auf nd-Anfrage. So habe das globalisierungskritische Netzwerk allein in der Bankenmetropole seit 2011 gut 400 Neumitglieder verzeichnet.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken