Von Karin Leukefeld, Damaskus
04.08.2012

Fotomontage als journalistisches Stilmittel

MEDIENgedanken: Der Syrien-Konflikt und die tonangebenden Leitmedien

Ein früher Werktag in Damaskus. Der populäre Markt Bab Srijeh am Rande des Viertels Midan erwacht langsam zum Leben. Ein Dutzend Menschen warten vor der staatlichen Bäckerei. Sorgfältig hängen sie die heißen Fladen zum Abkühlen über ein Gestell, bevor sie jeweils acht Brote in eine Plastiktüte packen und nach Hause tragen. 15 Syrische Pfund kostet eine solche Tüte, umgerechnet etwa 0,18 Eurocent. »90 Prozent der Syrer sind auf diesen Brotpreis angewiesen«, sagt Nabil, ein Agraringenieur. »Ohne die Subvention durch den Staat könnten viele sich Brot gar nicht leisten.« Wenige Schritte weiter sitzt ein Knirps hinter einem großen runden Tablett mit Kirschen und blickt gedankenverloren vor sich hin. Woran mag er denken? Welche Bilder ziehen an seinen in sich gekehrten Augen vorbei? »Nun lach doch mal, wenn du deine Kirschen verkaufen willst«, muntert ein vorbeigehender Mann ihn auf und schon richtet der Junge sich auf und strahlt in die Kamera.

Szenenwechsel. Die Jarmuk-Straße im gleichnamigen Viertel von Damaskus. Die Kämpfe der vergangenen Tage haben ihre Spuren hinterlassen, nach 18 Tagen haben die Straßenkehrer ihre Arbeit wieder aufgenommen. Zwei ältere Männer sitzen auf einer niedrigen Mauer und schauen den Fegenden zu. Ob sie Fragen beantworten würden, fragt die Autorin, doch sie winken ab: »Wir sind Palästinenser und mussten schon 2003 aus Irak fliehen. Wo sollen wir hin, wenn Syrien zerfällt?«

Szenenwechsel, Jdeideh Artuz. »Gestern haben sie in unserer Straße einen General und seine Begleiter erschossen«, erzählt der 20-jährige Mumtaz. Niemand habe sich getraut, die Leichen zu bergen und dabei womöglich auch in das Visier der Mörder zu geraten. Erst nach einer halben Stunde sei ein Rettungswagen gekommen. Polizei gebe es nicht mehr, seit die einzige Polizeistation im Ort von bewaffneten Aufständischen in Brand gesteckt wurde. Sieben Polizisten wurden getötet. »So etwas haben wir nie gekannt«, sagt der Student fassungslos. »Was soll aus unserem Land werden?«

Bilder und Geschichten aus dem syrischen Alltag, die die Menschen täglich erleben. Doch im ausländischen Fernsehen kommt so etwas nicht vor. Weder die im arabischen Raum noch die international den Ton angebenden Nachrichtensender - auch Leitmedien genannt - scheinen sich für diese unspektakulären Dinge zu interessieren, sie befinden sich im Krieg. Von der Front berichten ihre Reporter aus den Reihen der »Freien Syrischen Armee«. Sie interviewen Al-Qaida-Kämpfer und Dschihadisten, von denen sie aus der Türkei über die Grenze gebracht und in die von ihnen kontrollierten Gebiete geführt wurden. Die beiden großen arabischen Satellitensender »Al Dschasira« (Katar) und »Al Arabiya« (Saudi-Arabien) fungieren mit Sondersendungen rund um die Uhr wie Staatssender der »Freien Syrischen Armee« und des Syrischen Nationalrats. Auf digitalen Schaubildern erklären adrette junge Damen Krieg und Frontverlauf aus deren Sicht. Beide Sender werden von den Staaten finanziert, die auch die bewaffneten Aufständischen in den Krieg gegen Syrien schicken. Westliche Medien nutzen sie als Quellen, da eigene Recherche kaum noch stattfindet. Die syrische Berichterstattung wird derweil zum Schweigen gebracht. Die Ausstrahlung syrischer Sender auf den Satelliten Nilesat und Arabsat wurde von der Arabischen Liga gestoppt. Die EU setzte syrische Medien auf die Sanktionsliste. Mitarbeiter syrischer Sender werden von bewaffneten Aufständischen bedroht, entführt und erschossen. Solche Nachrichten erreichen westliches Publikum kaum.

Dem zeigt man dafür dramatische Bilder wie das eines fliehenden Paares inmitten von Ruinen. Der Mann trägt das Baby im Arm, neben ihm geht seine komplett verschleierte Frau. Angeblich flieht das Paar aus dem völlig zerstörten Aleppo. Inzwischen wurde das Bild, das in der österreichischen »Kronenzeitung« erschienen war, als Fälschung entlarvt. Das Paar war in Aleppo fotografiert worden, die zerstörten Häuser sollen in Homs stehen. Der Chefredakteur entschuldigte sich auf seine Weise. Man habe versäumt, darauf hinzuweisen, dass es sich um »das journalistische Stilmittel einer Fotomontage« handelte.

Das also ist es, was uns den Konflikt in Syrien erklärt, eine »Fotomontage«. Da ist es egal, dass die Rauchwolken, die über Homs hinwegziehen, nicht von einem Luftangriff der syrischen Luftwaffe stammen, sondern vom Anschlag bewaffneter Aufständischer auf die örtliche Ölpipeline. Und es ist auch nicht wichtig, dass der Fahrzeugkonvoi des neuen Leiters der UN-Mission in Syrien, General Babacar Gaye, nicht von Panzern der syrischen Armee beschossen wurde, sondern von Aufständischen. Hauptsache, das Gesamtarrangement stimmt, und das heißt: »Syrien Delenda«, Syrien muss zerstört werden, wie ein christlicher Geistlicher in Anlehnung an »Kathargo Delenda« sagt.

Dem Land voran soll das Gesicht Syriens, Präsident Bashar al-Assad, vernichtet werden. Fotomontagen von Assad am Galgen oder im Bild des ermordeten Muammar Ghaddafi werden im Internet und im Fernsehen gezeigt. In einem »zivilisierten« Land wären solche öffentlichen Drohungen ein Fall für den Presserat, für ein Gericht oder die Polizei gewesen. Nicht so im Falle Syriens, das Politiker und Medien einer selbst ernannten »zivilisierten, demokratischen Weltgemeinschaft« zum Abschuss freigegeben haben.

Die Autorin ist freie Journalistin und berichtet für »nd« aus Syrien.

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