Von Anna Bezrogova
04.08.2012

Unverblümt, ehrlich

Der Dokumentarfilm »an die freundinnen« erzählt die Geschichte russischer Lesben

Am Drehort in Sankt Petersburg dürfte dieser Film der Regisseurin und Autorin Natalja Sharandak nicht mehr gezeigt werden. Er würde unter die Kategorie »Homosexuelle Propaganda« fallen. In ihrer Wahlheimat Berlin wurde er am Donnerstagabend im Schwulen Museum gezeigt und positiv aufgenommen.

Der Film »an die freundinnen« aus den Jahren 1992-93 fand in einem Raum statt, wo eine Ausstellung von der Künstlerin Petra Gall zu sehen ist. Diese dokumentierte unter anderem den ersten Christopher Street Day (CSD) 1992 in Sankt Petersburg. Dort traf Gall Sharandak, die eine Mitorganisatorin des CSD war. Auf dem CSD lernte Sharandak auch einige Protagonistinnen ihres Films kennen.

Im Film werden Porträts von sechs unterschiedlichen Frauen gezeichnet, die eines vereint: das Bekenntnis zum Lesbischsein in den Zeiten der Perestroika. Der Film ist in Interviewform gedreht. Die Namen werden nicht genannt, so dass zunächst eine gewisse Distanz bleibt. Jedoch offenbaren die Frauen dabei intime Details. Von einer unglaublichen Eindringlichkeit sind die Geschichten und Lebenswege, die erzählt werden.

Da gibt es eine Busfahrerin, die Tabuisierung der Homosexualität zu den Zeiten der Sowjetunion offen anspricht. Ihre erste richtige Freundin wollte anfangs auf keinen Fall zugeben, lesbisch zu sein. Eine andere hat eine Kontaktbörse für Homosexuelle initiiert, um der Einsamkeit zu entkommen. Eine weitere Frau trägt in der Öffentlichkeit immer afghanische Militäruniform, um nicht als »junge Frau« auf der Straße angesprochen zu werden. Sie sieht sich selbst als Mann.

Sequenzenwechsel und homevideoähnliche Kameraführung erzeugen wiederum Nähe zu den Frauen. Unverblümt, ehrlich und sehr eindringlich erzählt Sharandak anhand von einzelnen Beispielen die Geschichte von Lesben in Russland zur Zeit des Umbruchs.

Der Film sei ohne jegliche Finanzierung entstanden, sagt Sharandak. Sie sei einfach mit der Schwester ihrer Freundin losgezogen, weil sie enthusiastisch war. »Es war eine sehr freie Zeit im Vergleich zu heute«, so Sharandak. Sie war Mitbegründerin des Tschaikowsky-Fonds, der ersten Organisation, die sich in Russland für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzte. Auch die Politiker seien zu der Zeit liberaler gewesen, so Sharandak.

Konstantin Sherstuk, Mitglied bei der russischen LGBT-Organisation Rainbow Association (LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual und Trans), der in Moskau geboren wurde und seit 2001 in Deutschland lebt, erzählt von der jetzigen Situation der Homosexuellen in Russland. Nachdem 1992 der Paragraf 121 abgeschafft wurde, der sexuelle Handlungen zwischen Männern mit Gefängnis bestrafte, wurde Homosexualität aus der Liste der Krankheiten von der Russischen Gesundheitsorganisation gestrichen.

Danach passierte jahrelang nichts. Bis neue Versuche, einen CSD durchzuführen scheiterten. Seit 2011 schreite jedoch eine schlimme Tendenz voran - Homophobie wird in vielen Gegenden durch die neuen Anti-Propaganda-Gesetze legitimiert. Dabei glaube er nicht daran, dass die Regierung etwas gegen Homosexuelle hätte: »Homosexuelle sind Putin wahrscheinlich egal. Die Regierung gibt Gesetze zum Kinderschutz heraus, und in den Köpfen ist immer noch fest verankert, dass Pädophilie und Homosexualität ein und dasselbe sind«. Nicht zuletzt ist es in Sankt Petersburg verboten, »nur unter den Minderjährigen zu propagieren«. Außerdem gewinne die erzkonservative russisch-orthodoxe Kirche immer weiter an Einfluss.

Sharandak beklagt, dass Russland sich nicht in die Richtung entwickelt hat, auf die man nach der Perestroika gehofft hat: »Damals war man noch viel offener als heute«. Die Regierung hat sich vor allem wirtschaftlich am Westen orientiert, menschenrechtlich hinkt Russland Europa hinterher. Jetzt, zwanzig Jahre später, habe sie gesehen, dass Demokratie sehr fragil sein kann. »Man muss Demokratie verteidigen, bevor es zu spät ist.«

»an die freundinnen« ist der zweite Film Sharandaks. 1991 drehte sie »Die Verachteten«, eine Dokumentation, in der vor allem der Kampf von Lesben und Schwulen gegen Vorurteile und Diskriminierung zur Zeit von Perestrojka gezeigt wird.

www.schwulesmuseum.de

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