Von Ian King, London
10.08.2012

Die Flammen von London

2011 Krawalle, 2012 Medaillen - hat Britannien dazugelernt?

In London brennt das olympische Feuer, ein Symbol für friedliche Wettkämpfe, und britische Athleten sorgen für Jubelstürme. Vor einem Jahr standen ganze Häuserblocks in Flammen, die Krawalle wurden zum Flächenbrand mit fünf Toten und über 200 Millionen Pfund Sachschaden.

Tottenham, Nord-London, im August 2011. Der Schwarze Mark Duggan wird durch die vorschnelle Reflexhandlung eines bewaffneten Polizisten erschossen. Die mangelnde Bereitschaft der Metropolitan Police, mit der Familie des Getöteten zu reden oder sich auch nur zu entschuldigen, führte zu einer trotzigen Gegendemonstration, anschließend zu Krawallen und Brandschatzung. Im Süd-Londoner Vorort Croydon ging das traditionsreiche Möbelhaus Reeves in Flammen auf. Täter Gordon Thompson bekam elfeinhalb Jahre Haft, mehr als die meisten Totschläger im Lande.

Der 23-jährige Student der Elektronik Nicholas Roberts geriet in den Strudel der Krawalle vor dem Lidl-Supermarkt in Brixton. Gelegenheit macht Diebe. Der nicht Vorbestrafte holte sich zwei Flaschen Mineralwasser aus den beschädigten Regalen und ging für sechs Monate ins Gefängnis. Zumindest brauchte er die Zelle nicht mit einem verantwortungslosen Banker zu teilen, die befinden sich allesamt in Freiheit.

Auch auf andere englische Großstädte wie Manchester und Birmingham griff das Feuer der Krawalle über. In Englands zweitgrößter Stadt wurden drei Männer pakistanischer Abstammung, die ihren Kiez gegen die Angriffe von Räuberbanden afro-karibischer Herkunft verteidigen wollten, von einem Auto überfahren - der Vater eines der Ermordeten von Birmingham beschwor seine Mitbewohner mit bewegenden Worten, Rachehandlungen zu unterlassen.

Nicht alle Politiker des Landes reagierten auf die knappe Woche der Krawalle und der organisierten Raubzüge mit solch besonnenen Worten. Premier David Cameron wetterte gegen Kriminelle und das Böse schlechthin, verlangte drakonische Strafen. Bei seinen im Abhörskandal um Murdochs Revolverblatt »News of the World« angeklagten Freunden Andy Coulson und Rebekah Brooks ist er nachsichtiger.

Der besonnenere Labour-Chef Ed Miliband kritisierte die Gewalttaten ebenfalls, wies aber auch auf die von der Fernsehwerbung angestachelten Konsumwünsche nach Markenschuhen und Flachbild-Fernsehgeräten sowie auf die mangelnden Lebenschancen und Diskriminierung in Britannien hin, die solche Wünsche für viele illusorisch erscheinen ließen. Der Oppositionsführer monierte auch die Kürzungen im Polizeibudget. Es dauerte in der Tat fünf Nächte lang, bis die Londoner Polizei wieder Herr der Lage wurde.

Wie anders sieht die britische Hauptstadt im August 2012 aus! Bunte Fahnen und Wimpel allerorten, sogar lächelnde Gesichter in der notorisch überfüllten U-Bahn. Das Land hat die Welt zu den Olympischen Spielen eingeladen und ist mächtig stolz auf sich und seine Medaillengewinner. Die schon reiche Pekinger Ausbeute von 47 Mal Edelmetall ist bereits jetzt klar übertroffen. Vor allem Jessica Ennis, Goldmädchen im Siebenkampf mit jamaikanischem Vater, und der frühere Somalia-Flüchtling Mo Farah, der mit acht Jahren nach London kam und im 10 000-Meter-Lauf siegte, scheinen eine bessere Zukunft des Schmelztiegels Britannien zu repräsentieren.

Nicht nur ihre Heimat im nordenglischen Sheffield, sondern ganz Britannien liegt Ennis zu Füßen. Die sonst unter sich bleibende Somali-Gemeinde im Süd-Londoner Vorort Streatham freute sich lauthals über Farah und die anderen Sieger von Team GB. Und wenn die Schotten heute einen Premier zu wählen hätten, wäre es wohl nicht Nationalistenführer Alex Salmond, sondern Rekord-Radler Sir Chris Hoy oder Tennis-Sieger Andy Murray.

Also Friede, Freude, Eierkuchen im Olympia-Rausch? Frenetisch bejubelte Siege übertünchen Probleme nicht nur hierzulande lediglich kurzfristig. Mögen schwarze Olympiasieger wie weiße ehrenhalber empfangen werden - der Alltagsrassismus ist weder in der britischen Gesellschaft im Allgemeinen noch in der Polizei im Besonderen ausgestorben. Noch immer verlassen vor allem Schüler aus schwarzen, aber auch aus weißen Arbeiterfamilien die Schule ohne Qualifikationen.

Früher gab es für solche Spätentwickler Lehrstellen: Im Berg- oder Stahlwerk, im Schiffs- oder Wohnungsbau konnten Ungelernte ihre Lebenschancen verbessern. Aber solche Möglichkeiten existieren kaum mehr, weil traditionelle Arbeiterberufe in den reichen westlichen Industriegesellschaften entweder ganz aussterben oder von der chinesischen und indischen Konkurrenz akut bedroht sind. Wer ohne Qualifikation und kein Sport-As ist, hat in Britannien schlechte Karten - und kaum Geld, um bei den olympischen Wettkämpfen in Stratford, Wimbledon und Weymouth dabei zu sein.

Etwas anderes erinnert an 2011: Die Schnellverfahren vor Gericht, denen wie Nicholas Roberts Hunderte im Sommer und Herbst zum Opfer fielen, gelten während den Spielen fort. Nach Ansicht von Camerons rechter Koalition haben sie sich in der Praxis bewährt. Ein Glück, dass bisher niemand versucht hat, sich mit einer Pepsi-Flasche, einem Schokoriegel von Milka oder einem britischen Bier ins Olympiastadion zu schleichen. Welche Strafen hätten solche Missetäter zu erwarten? Denn mit entrüsteten Sponsoren wie Coca-Cola, Cadbury oder Heineken und ihrem Alleinvertretungsanspruch bei Olympia ist nicht zu spaßen.

Ob solche Gerichte nötig sind, weil es unter der Oberfläche der britischen Gesellschaft noch immer gärt? Der Kontrast zwischen Konsumterror einerseits und Massenarbeitslosigkeit wie Armut auch bei Geringverdienern andererseits gilt heute wie 2011. Die bunten Träume der Fernsehwerbung lassen sich vom olympischen Freudentaumel nicht auf Dauer befriedigen. Oder: Die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt, und trotzdem lässt es Bildungsminister Michael Gove zu, dass staatliche Schulen ihre Sportplätze aus finanzieller Not verkaufen und das Partnerschaftsprogramm Schulen und Sport durch Kürzungen verdorrt. Die Nachfolger von Ennis und Farah werden es dank der rechten Koalition wohl schwerer haben.

Und noch sind längst nicht alle Sozialkürzungen der Regierung in Kraft getreten. Die Grausamkeiten gegen Arbeitslose und Geringverdiener, Kranke und Invaliden fangen jetzt erst richtig an, während es für die Superreichen Steuersenkungen gibt. Die von der Olympiade kurzfristig überdeckte Kluft zwischen Arm und Reich sowie die immer offensichtlichere Bevorzugung Letzterer durch Cameron und seine Rechtsregierung bleiben bestehen. Sir Norman Bettison, Chefpolizist im Gebiet von West Yorkshire rund um die Großstädte Leeds und Bradford, kritisierte am Mittwoch in der Zeitung »Yorkshire Post«: Weitere Mittelstreichungen um 20 Prozent, wie bis 2015 vorgesehen, und die geplante Privatisierung bestimmter Routineaktivitäten auf den Polizeiwachen würden die Bekämpfung ähnlicher Unruhen wie 2011 künftig unmöglich machen. Dabei will im Falle weiterer Krawalle keiner eine Wiederholung des Reinfalls mit der privaten Sicherheitsfirma G4S erleben, der während der Olympischen Spiele die Verpflichtung von 3500 britischen Soldaten als Beschützer der Sportstätten nötig machte. Nicht nur wegen des traditionell miesen britischen Sommerwetters gilt also der Spruch: Zieht euch für die Zukunft warm an.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken