11.08.2012

Amtsmüde

OLLIS OLYMPIA

Nicht nur Diskusweltmeister Robert Harting schläft seinen Siegesrausch im Londoner Nahverkehr aus. Wer in diesen Tagen die U-Bahn nutzt, der hört ein seltsames Klanggemisch aus Haltestellenansagen, »Mind the gap!«-Warnungen und Schnarchen. Einmal bis zur Endstation und zurück bitte! Olympische Spiele sind recht ermüdend auf Dauer.

Und doch: Wer morgens um 8.30 Uhr in die Riverbank Arena kommt, um sich das Hockeyspiel der Frauen aus Belgien und den USA um Platz elf anzusehen, tut das mit 15 000 plötzlich wieder enthusiastischen Gleichgesinnten. Am Abend zuvor feierten genauso viele Menschen um kurz vor Mitternacht die besten Beachvolleyballer. Da kann man doch nur noch in der U-Bahn schlafen. Kein Wunder, dass die Soldaten an der Sicherheitskontrolle morgens nicht mehr mit einem fröhlichen »Good morning, mate!« grüßen, sondern einem nur noch ins Gesicht gegähnt wird. Mit Dank zurück.

Noch zwei Tage. Noch 47 Goldmedaillen sind zu verteilen. Dann ist aber wirklich Schluss. Es wird auch Zeit. Ich weiß längst nicht mehr, worüber ich in der ersten Woche berichtet habe, in welchem Stadion ich saß. Als mich ein Kollege kürzlich nach meinem schönsten Erlebnis fragte, zeigte ich auf das Beachvolleyballspiel vor uns. An viel mehr konnte ich mich nicht erinnern. So langsam schlägt die Amtsmüdigkeit zu.

Bitte nicht falsch verstehen: Diese Spiele waren begeisternd! Unglaubliche sportliche Leistungen - hier und da glaubt man leider wirklich nicht an die Sportlichkeit - sowie faire und vor allem stimmgewaltige laute Zuschauer. Das Versprechen, auf ein sportbegeistertes Volk zu treffen, wurde mehr als eingelöst.

Nur eines kann ich weiterhin nicht verstehen. Dass die beiden brasilianischen Beachvolleyballer weinten, weil sie nur Silber gewonnen haben. Oder dass ein Brite mit Silber um den Hals greint: »Ich habe mein Land im Stich gelassen.« Bei aller Müdigkeit sollten sie sich doch an Zeiten erinnern können, in denen sie von einer Olympiamedaille geträumt haben - egal welcher Farbe.

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