13.08.2012
Tel Aviv

Alleingang vor US-Wahl?

Neue Spekulationen über Angriff Israel gegen Iran

Israel erwägt nach Medienberichten einen militärischen Alleingang gegen Irans Atomprogramm noch vor der US-Präsidentenwahl im November.

Tel Aviv (dpa/nd). Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak hätten einen solchen Entschluss schon »fast endgültig« gefasst, berichtete die Zeitung »Times of Israel« am Wochenende. Netanjahu misstraue der Zusicherung von US-Präsident Barack Obama, die USA würden eine iranische Atombombe notfalls militärisch verhindern.

Nach kritischen Presseberichten über eine mangelnde Vorbereitung der israelischen Zivilverteidigung auf einen Krieg mit Iran sagte Netanjahu am Sonntag in der Kabinettssitzung: »Jede Bedrohung der Heimatfront wird bei Weitem von einer anderen Bedrohung übertroffen. Es darf Iran nicht erlaubt werden, Nuklearwaffen zu besitzen.«

Aus Sicht von Obama wäre ein israelischer Angriff kurz vor der Wahl aber ein »Albtraum«. Die Regierung in Washington unternehme deshalb alles, das zu verhindern und Sanktionen mehr Zeit zu lassen, schrieb die Zeitung »Jediot Achronot«. So gehe eine angebliche Warnung Saudi-Arabiens, es werde überfliegende israelische Kampfjets auf dem Weg nach Iran abschießen, nach Meinung israelischer Sicherheitskreise auf eine US-Initiative zurück.

In dieselbe Richtung ziele eine Äußerung des Sprechers des Weißen Hauses, Jay Carney, die USA hätten Echtzeitinformationen über Irans Atomprogramm. Damit reagierte er offenbar auf Berichte, Iran habe »überraschende« Fortschritte gemacht. Es sei immer noch Zeit für Sanktionen, wurde Carney wiedergegeben.

Unklar bleibt, ob Israel tatsächlich einen Angriff plant oder nur Druck macht, damit Iran nachgibt. »Entweder es handelt sich um einen genialen Trick Netanjahus und Baraks, um die USA zum Handeln zu drängen, oder wir haben eine Führung, die total durchgedreht ist«, kommentierte »Jediot Achronot« am Sonntag. Generell werde die Debatte über das Für und Wider eines Angriffs zu öffentlich geführt.

Der Ernstfall wird jedoch nicht ausgeschlossen. Die israelische Zivilverteidigung kündigte einen Test für eine landesweite Alarmierung der Bürger im Falle anfliegender Raketen durch SMS an. Frankreich plant im Konfliktfall die Evakuierung über See von etwa 200 000 Franzosen aus Israel. Ähnliche Pläne haben auch andere Länder in der Schublade.

Laut Umfrage der Zeitung »Maariv« würden 40 Prozent der Israelis einen Alleingang gegen Iran gutheißen, 35 Prozent indes lieber den USA den Vortritt lassen. Dieses Ergebnis bedeute »grünes Licht« für Netanjahu, kommentierte die Zeitung. Angesichts seiner im Vergleich zu den USA geringeren Schlagkraft bleibe Israel nur noch wenig Zeit, das iranische Atomprogramm wirkungsvoll zu treffen, heißt es weiter.