Von Marcus Meier, Grevenbroich
16.08.2012

Klimakiller als Klimaretter

Zwei neue Blöcke im Braunkohlekraftwerk Neurath eröffnet

Trotz Energiewende - in Nordrhein-Westfalen steht mittlerweile das größte Braunkohlekraftwerk der Welt.
Protest am Kraftwerk
Protest am Kraftwerk

In Anwesenheit von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und RWE-Konzernchef Peter Terium wurden am Mittwoch zwei neue Blöcke des Kohlekraftwerks Neurath feierlich eröffnet. Zusammen mit den fünf in den 1970er Jahren in Betrieb genommenen Blöcken steht an dem Standort südlich von Grevenbroich nunmehr das größte Braunkohlekraftwerk der Welt.

Die Festredner feierten die neuen Blöcke »mit optimierter Anlagentechnik« als Beitrag zum Klimaschutz. Für sie werden einige besonders alte und ineffiziente Kraftwerke im Rheinischen Braunkohlerevier in Rente geschickt. Das neue Kraftwerk muss, damit sich die 2,7 Milliarden Euro Baukosten amortisieren, um die 40 Jahre laufen - und wird dabei das Klima mit 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich belasten. Alle drei Redner lobten den für ein Braunkohlekraftwerk hohen Wirkungsgrad von 43 Prozent und betonten die Kompatibilität mit der Energiewende nach Fukushima - von der RWE bei Planungsbeginn noch gar nichts ahnen konnte.

RWE-Boss Terium forderte von der Politik »mehr Rücksicht« auf die Industrie: »Schlachten Sie nicht das Huhn, das die Eier legt«, rief er der zahlreich erschienenen Politprominenz aus Region, Land und Bund zu. Aktuell ringt Terium um die Genehmigung für ein ähnliches Kraftwerk im benachbarten Bergheim-Niederaußem.

»Eine Energiewende schüttelt man nicht aus dem Ärmel«, dazu brauche es »sowohl Kohle als auch Erneuerbare«, erklärte Minister Altmaier. Er habe den Eindruck, das Feinbild Atomkraft sei ersetzt worden durch ein »Feindbild Kohle«. Auch Landesmutter Kraft sprach sich erneut für den Neubau von Kohlekraftwerken aus. Die RWE-Anlagen seien »ein wichtiger Schritt für den Industriestandort NRW«. Kraft forderte verlässliche Rahmenbedingungen für solche Investitionen, aber auch den Erhalt von Arbeitsplätzen bei RWE, was die Akzeptanz von Großprojekten wie Neurath gewiss erhöhen würde. Ein Seitenhieb Richtung Terium - der RWE-Chef hatte erst am Tag zuvor eine Verschärfung der Stellenabbaupläne angekündigt.

Die rund 70 Braunkohlegegner, die vor den Toren des Kraftwerkes eine Mahnwache abhielten, stimmten nicht in die Lobgesänge ein. »Zukunft statt Braunkohle« und »Klimaschutz statt Kohleschmutz« war auf ihren Transparenten zu lesen. »Das ist die feierliche Inbetriebnahme eines Klimakillerkraftwerks«, wetterte Dirk Jansen, Geschäftseiter des Umweltverbandes BUND in NRW. Der Bau sei rechtswidrig, die Genehmigung wenige Tage erfolgt, bevor sein Verband vor Gericht ein Klagerecht erkämpft habe. Von einer Entlastung des Klimas könne keine Rede sein, das sei schlicht »RWE-Propaganda«, so Jansen: Zwar würden alte Kraftwerke stillgelegt, doch künftig die gleiche Menge Kohle verstromt und genau so viel CO2 ausgestoßen wie bisher. »Wir brauchen ein Braunkohleausstiegsgesetz, das die Zerstörung des Klimas, der Natur und ganzer Ortschaften verhindert«, forderte Jansen.

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