Von Alexander Bahar
18.08.2012

Was der Eispickel nicht schaffte ...

Die »zweite Ermordung« des Leo Trotzki - ausgerechnet bei Suhrkamp

Es ist ein Phänomen: Innerhalb von etwa fünf Jahren erschienen drei Biografien über Leo Trotzki, sämtlich von bekannten britischen Historikern verfasst: 2003 von Ian Thatcher (University of Leicester), drei Jahre darauf von Geoffrey Swain (University Glasgow) und Ende 2009 von Robert Service (St. Antony’s College, Oxford). Das Buch des Letztgenannten wurde in Großbritannien von Macmillan verlegt und in den USA von der renommierten Harvard University Press. Die deutsche Ausgabe ist soeben trotz der Proteste renommierter Wissenschaftler im Suhrkamp Verlag erschienen.

Gemeinsam ist allen drei Biografen, dass sie sich nicht lange mit der Darstellung der historischen Fakten und den politischen Ideen Trotzkis aufhalten, sondern im Wesentlichen stalinistische Verleumdungen aufgreifen und mit traditionellem Antikommunismus verschmelzen. Bezeichnenderweise greifen alle drei den unvergessenen Isaac Deutscher an; sie beschuldigen ihn, Stalins Erzfeind und prominentestes Opfer zu einer heroischen historischen Persönlichkeit gemacht zu haben, der dieser nicht sei.

Trotzki wurde neben Lenin als unbestechlicher Analytiker, Stratege und Theoretiker der russischen Revolution nicht nur von seinen Anhängern bewundert und anerkannt. Dagegen galt er Stalin und seinem Gefolge als Dämon, den sie mit unerbittlichem Hass bekämpften, verleumdeten und verfolgten. Die Diskreditierungskampagne in der Sowjetunion hielt auch Jahrzehnte nach Trotzkis heimtückischer Ermordung im mexikanischen Exil am 21. August 1940 an. Selbst als Chruschtschow 1956 die Verbrechen Stalins verurteilte, hob die KPdSU ihren Bann gegen Trotzki nicht auf.

Erst unter Gorbatschow brach die offizielle Darstellung Trotzkis als Erzfeind des Sozialismus zusammen. Der wesentliche Anteil, den Trotzki zum Sieg der Oktoberrevolution beigetragen hatte, wurde indes nur mit vielen Vorbehalten anerkannt. Im Gegensatz zu allen anderen bolschewistischen Führern, die in den Moskauer Prozessen zur Zeit des »Großen Terrors« in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Tode verurteilt worden waren, blieb die offizielle Rehabilitierung Trotzkis aus.

Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, kamen die Verleumdungen gegen Trotzki keineswegs zum Verstummen - obwohl oder gerade weil sich dessen Anklage gegen den stalinistischen Parteiapparat in nahezu jedem Punkt bestätigt hatte. Bis hin zu der von ihm bereits 1936 in »Verratenen Revolution« vorhergesagten Restauration des Kapitalismus in Russland durch die herrschende Bürokratie.

Eine raffinierte stilistische Technik der Trotzki-Verfälscher, die vor allem Thatcher immer wieder einsetzt, besteht darin, eine scheinbar objektive Darstellung der Geschichte aus voreingenommenen Aussagen von Trotzkis politischen Todfeinden zu konstruieren. Symptomatisch für alle drei genannten Biografien ist zudem die irreführende Verwendung von Zitaten, der Verweis auf vermeintliche Autoritäten und das Ignorieren von wesentlichen Fakten und Quellen. Bereits Thatcher redet in seiner Trotzki-Biografie, wenn er auf die Familie zu sprechen kommt, von den Bronsteins, obwohl Trotzki und seine Frau Natalia Sedowa diesen Namen nicht benutzten. Trotzki behielt seinen Partei- und Kampfnamen zeitlebens bei.

In dem nun auch ins Deutsche übersetzten Buch von Service wird das Herumreiten auf Trotzkis jüdischem Hintergrund geradezu zur Obsession. Fälschlich behauptet er, Trotzki habe seinen Vornamen Leiba im Alter von 18 Jahren gegen den entsprechenden russischen Vornamen Lew getauscht, um seine jüdischen Wurzeln zu kappen und zu verbergen - da er sich ihrer geschämt habe. Auf diese »Enthüllung« stützt Service dann seine zentrale These: Trotzkis Memoiren »Mein Leben« seien ein raffiniertes Meisterstück autobiografischen Betrugs, der darauf abziele, entscheidende Aspekte des eigenen Lebens zu verschleiern. Die »Entlarvung«, dass Trotzki sich seines jüdischen Hintergrunds angeblich geschämt habe, dient Service dann als Vorwand, bei jeder sich bietenden Gelegenheit an dessen jüdische Wurzeln zu erinnern.

Bekanntlich sprach die stalinistische Bürokratie ab Mitte der 1920er Jahre, mit dem Beginn des Kampfes gegen die Linke Opposition, immer häufiger von Trotzki als Bronstein, so wie sie später Sinowjew als Radomilski und Kamenew als Rosenfeld benannte. Es war Trotzki, der während der Moskauer Prozesse auf die antisemitischen Untertöne in den Anklagen gegen zahlreiche Juden aufmerksam machte. »Die Benutzung des Antisemitismus als politische Waffe gegen Trotzki ist so allgemein bekannt«, urteilt der US-Amerikaner David North, »dass man unmöglich annehmen kann, Services unaufhörliches Herumreiten auf Trotzkis jüdischer Herkunft geschehe ohne böse Absicht.«

Der Chefredakteur der World Socialist Website, profunder Kenner des politischen Werks von Trotzki, hat sich übrigens vor zwei Jahren in seinem auch auf Deutsch erschienenem Buch »In Defense on Leon Trosky« mit der politisch intendierten Diffamierung Trotzkis durch Thatcher, Swain und Service akribisch auseinandergesetzt.

Genussvoll stellt Service Trotzki nicht nur als »politisches Monster«, sondern auch als abgestumpften Schürzenjäger, als arrogant, eigennützig, eingebildet, engstirnig, herablassend und eitel dar. North urteilt denn auch berechtigt, Service habe seine »Forschungen« in böser Absicht betrieben. Ein Bericht der britischen Tageszeitung »Evening Standard« bekräftigt dies. Service soll bei der Präsentation des Buches erklärt haben: »Noch ist Leben in dem alten Kerl Trotzki - aber wenn der Eispickel nicht gereicht hat, ihn endgültig zu erledigen, habe ich das nun hoffentlich geschafft.«

Service ignoriert sämtliche Normen wissenschaftlichen Arbeitens und schert sich nicht einmal um offensichtliche Unsinnigkeiten und Widersprüche, die er zuhauf bietet. Von ihm angegebene Quellen stützen seine Aussagen nicht. Seine Attacken gipfeln in der Behauptung, »wenn Trotzki an Stalins Stelle der höchste Führer (der Sowjetunion, A.B.) gewesen wäre, hätte sich das Risiko eines Blutbads in Europa drastisch erhöht«. Einen Beweis bleibt Service auch für diese »bizarrste aller Annahmen« (North) schuldig.

Wie Thatcher und Swain geht es auch Service primär darum, Trotzki als Revolutionär zu diskreditieren. North nennt deren Biografien denn auch treffend »infame Beiträge« zu einer »geschichtsfeindlichen intellektuellen Konterrevolution«. In einer Zeit von »Präventivkriegen« seien diese Bücher eine Art »Präventivschlag«, um zu verhindern, dass die Ideen Trotzkis erneut Einfluss gewinnen könnten.

Der seriöse Suhrkamp Verlag scheint sich nicht an den gravierenden Mängeln im Buch von Service gestoßen zu haben, als er die Rechte an der deutschen Ausgabe erwarb. Erst als sich im August 2011 vierzehn namhafte Geschichts- und Politikwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einem Brief an die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz gegen die Veröffentlichung des Buches wandten und sich der Kritik an diesem durch North anschlossen, sah sich das Editionshaus genötigt, die Veröffentlichung des bereits übersetzten und gestalteten Buches zu stoppen. Man holte ein weiteres externes Gutachten ein und verschob den Erscheinungstermin, hob diesen jedoch nicht auf.

Zu den Autoren und Erstunterzeichnern des Protestbriefes, den der Verlag bis heute nicht beantwortet hat, gehören die international geachteten deutschen Geschichtsprofessoren Hermann Weber (Mannheim) und Helmut Dahmer (Darmstadt). Weber: »Nicht weil das Buch gegen Trotzkis politische Taten und Ansichten polemisiert, das steht ja jedem Autor frei - aber hier wird mit Lügen, Geschichtsfälschungen, unseriösen Quellenangaben und sogar antisemitischen Vorurteilen hantiert. Solche Pamphlete sollten in einem wissenschaftlichen Verlag mit liberalen Traditionen und einer Geschichte wie Suhrkamp keinen Platz haben.«

Begründet hat der Verlag sein Festhalten am Machwerk von Service nicht; es bewirbt die »Schmähschrift« als »unparteiisch und unverfälscht«. Ein schlechter Witz, denn abgesehen von einigen wenigen kosmetischen Änderungen entspricht die deutsche Ausgabe weitestgehend dem englischen Original. »Tatsächlich sind nur 15 Berichtigungen bzw. Berichtigungsversuche festzustellen. Diese sind mit einer solchen Schlampigkeit durchgeführt worden, dass die ursprünglichen Fehler teilweise nur unvollständig oder inkonsistent behoben, oder sogar verschlimmert worden sind«, kritisiert Wolfgang Weber, der die deutsche Ausgabe von North‘ Verteidigungsschrift im Essener Mehring Verlag edierte. Und weiter: »Falsche, von Suhrkamp nicht korrigierte Datumsangaben, Namensverwechslungen, Falschdarstellungen geschichtlicher Ereignisse zählt man in der deutschen Ausgabe nicht weniger als 22«, rechnet Weber vor.

Völlig unverändert in die deutsche Ausgabe übernommen wurden die zahlreichen Passagen, in denen Service unverblümt mit antisemitischen Vorurteilen operiert; sogar auf die antisemitische Karikatur von Trotzki hat Suhrkamp - im Gegensatz zur zweiten englischen und zur französischen Ausgabe - nicht verzichtet, sondern sie ohne Quellenangabe und ausreichende Kommentierung im Anhang des Buches abgedruckt. Die bösartige Karikatur stammt aus einer Nazi-Hetzschrift mit dem Titel »Die Totengräber Russlands«.

Robert Service: Trotzki. Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 730 S., geb., 34,95 €.