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Von Hans-Dieter Schütt
20.08.2012

Nächster Tanz!

»Pussy Riot« und die Welt

Es muss im Falle der russischen Punkband »Pussy Riot« doch niemand darauf aufmerksam machen, wie sehr er über den Dingen steht. Also, da sei ein Geplärr in einer Kirche gewesen, das nur Geplärr in den Kirchen des Medialen nach sich gezogen hätte: Drei Punks hätten schrill an ungebührlichem Orte getönt, und nun töne im Westen schrill die Freiheitsglocke. Und überhaupt möge man vorsichtig sein mit Urteilen über Zustände woanders.

Nein, solch Reden gleicht dem klebrigen, schon immer geschmacklosen Kaubonbon altbekannter Ostblock-Rhetorik: eine kritische Meinung hinüber in ein politisch anders gepoltes Regime sei »Einmischung in innere Angelegenheiten«. Nein, dann als Kaubonbon wirklich lieber: »Maoam«. Man muss es manchmal laut sagen: Gut, dass der Westen bunt schmeckt.

Aus Russlands unermesslichen Weiten wird gern spöttisch der politische Schluss gezogen, das Land sei unregierbar - was dem Rigiden, dem Monarchistischen, dem erzieherisch Groben als einzigen Mitteln, sich von oben nach unten verständlich zu machen und Ordnung zu halten, scheinbar reichlich Berechtigung zuschaufelt. Nur scheinbar. Am Ende rieselt aus diesem Staat, wie just in diesen Tagen, das Bittersalz einer fatalen Wahrheit: Putin setzt die Sowjetunion fort, und zwar mit sowjetischen Mitteln. Und das ist Abschied vom 21. Jahrhundert. Der Schauprozess als staatlicher Bückling vor dem angeblichen Empfinden des Volkes. »Volk« nämlich, dies Wort, nahm bezeichnend einen Hauptrang in der letzten Rede der Moskauer Richterin ein - die Punkerinnen hätten mit ihrem Auftritt Gefühle verletzt, deren »religiöse Wurzeln im Herzen des Volkes« ruhen.

Der Punk repräsentiert die Ungehörigkeit als Alternative zur lahmen Liturgie etwa einer Gewerkschaftsversammlung. Es geht ihm um die Verbindung des politischen Protestes mit aufdringlicher, aufreizend sittenwidriger Lebensart. Es ist ihm um die Freiheit des wahrhaft Unverschämten zu tun, das noch in seinem antiautoritären Hass ein spaßbewusstes Grinsen nicht vermeiden will. Das lehren schon Shakespeares Narren. Und möge niemand die Kunsttraditionen von Dadaismus oder Performance und Installation beschwören, ohne zu akzeptieren, dass der Schmutz, die Obszönität, die freche Überschreitung zum Kern eines Eigensinns gehören, dessen erste Wirkungspflicht im Aussätzigen besteht, in der Verschmutzung, in der Beschädigung.

Das ist keine selbstverständliche Feststellung in einer Welt, in der sich einer wie der Schriftsteller Frédéric Beigbeder für die Kommunistische Partei Frankreichs nackt ins Fernsehen setzt (um Maskenlosigkeit zu symbolisieren) und schadlos bleibt, aber ein anderer, Ai Weiwei, für freie kritische Lebensart beinahe schon mal totgeschlagen wurde.

Immer trieb gerade der Punk mit seiner hemmungslosen Gesetzlosigkeit und Asozialität den behäbigen, braven, begütigenden Bürgersinn an Grenzen der Wahrnehmungskraft; er jagte staatliche Büttelgremien aus der Fassung - hin zur Kenntlichwerdung ihres Hauptgeschäfts: Willkür zu betreiben. Putin eifert, wie man nun erleben musste, ausdauernd ums Paradebeispiel. Daher gräbt sich der Fall der jungen Frauen ins solidarische Gedächtnis.

Bleibt zu hoffen, dass »Pussy Riots'« Spektakel nicht zum alleinigen Maßstab für künftige Kenntnisnahmen von Menschenrechtsverletzungen im Lande wird. Wahrheit kann nicht immer Clown und laut sein, und Punk bezweckt von seiner grellen Natur her Spaltung und Abstoßung. Das könnte der Sammlungskraft einer Oppositionsbewegung gegen den neuen Zaren auch schaden. Moskaus Gerichte bereiten neue Prozesse gegen Putin-Gegner vor, Politiker und Blogger, Autoren und Organisatoren von Protesten - das ist ein Geschehen auch auf weit leiserer Schiene. Hoffentlich trotzdem hörbar.

So, wie die Ödverhältnisse des »russischen Unrechtsstaates« (Sarah Kirsch) Assoziationen etwa zu China erlauben und auslösen, so lässt der Fall von »Pussy Riot« überhaupt den Raum des Bösen aufklaffen, und sichtbar wird plötzlich alles, was auch woanders knebelt und schikaniert und einsperrt, und sichtbar wird plötzlich jeder, der woanders geknebelt und schikaniert und eingesperrt wird. Das jetzt weltweite Bekenntnis »I am Pussy Riot« hat also, wenn es ehrlich gemeint ist, Konsequenzen im Denken und Fühlen - jetzt nämlich ballen sich alle Fälle zu einem einzigen Fall.

Und wenn das so ist, müsste jeder notwendige Satz zur Freiheit, hinübergerufen nach Russland, müsste jeder dringende Gedanke zur Würde, hinübergeschickt nach China, müsste jede überaus fällige Ermunterung zur Demokratie, ausgesandt nach Kuba, müsste alles, was Menschenrecht einklagt und Dissidenz preist, zum Beispiel mit der kategorischen Forderung an die USA verbunden werden: Freiheit für Bradley Manning!

Das muss neuzeitlich klingen wie früher: Freiheit für Nelson Mandela! Das muss Artikel und Reden abschließen, wie Cicero die seinen abschloss: Und im Übrigen bin ich dafür, dass Karthago zerstört werden muss! Jeder überall zu jeder Gelegenheit: »Und im Übrigen bin ich dafür, dass Bradley Manning frei kommen muss!« Denn Manning, der Kriegspläne offenlegte, ist Held des kommenden Politikverständnisses, wenn denn ein größerer Frieden her soll. Der Soldat als Feindesfreund. Der Uniformträger als Eigensinnigster. Der Mann im Tapferkeitsberuf ganz ohne Feigheit vor den Eigenen. Der Verrat von Daten als wahrer Verfassungspatriotismus.

»Pussy Riot«, ein Zünder. Er geht weiter, er lauert zwischen den großen, festen Säulen, vor den goldschweren Altaren: der respektlose Tanz in den Kirchen der gesellschaftlichen, weltpolitischen Orthodoxie.

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