Von Klaus Bellin
21.08.2012

Tatwortbesichtigung

Neuer Glanz in Weimar: das wiedereröffnete Goethe-und-Schiller-Archiv

Früher war dies der Kohlenkeller. Es fällt schwer, sich das vorzustellen. Die Generalsanierung hat das Haus innen (teilweise auch außen) gründlich verwandelt und technisch auf den neuesten Stand gebracht. Jetzt ist der Keller ein Komplex mit blauen Fußböden und vielen Reihen blauer Stahlregale, in denen, dicht an dicht, die Kästen mit den Kostbarkeiten des Hauses lagern, Manuskripten, Entwürfen, Plänen, Skizzen, Notenblättern, Zeichnungen, Notizen, manches zweihundertfünfzig oder wenigstens zweihundert Jahre alt.

Manfred Koltes, Abteilungsleiter für Editionen, strahlt vor Zufriedenheit, wenn er zeigt, wie sicher und leicht zugänglich die Schätze hier untergebracht sind. Ein Magazin hat es früher nie gegeben, der ganze Besitz des Archivs wurde in Schränken und Pultvitrinen deponiert. Aber nun, nach dem Ende der Bauarbeiten, gibt es dieses Tiefendepot mit mehreren Magazinräumen, übersichtlich und klimatisiert, jede Fläche sinnvoll genutzt, der ganze Trakt mit einer Brandschutzanlage ausgerüstet, die mit Hochdruck Gas in die Räume leiten und den Sauerstoffgehalt der Luft soweit reduzieren kann, dass das Feuer erstickt. Im Ernstfall haben die Mitarbeiter ausreichend Zeit, die Gefahrenzone zu verlassen.

Auf den Schildern der Kästen, die hier lagern, die berühmten Namen: Wieland, Goethe, Herder, Schiller, Mozart, Hebbel, Nietzsche. In einem Karton, den Koltes aus dem Regal holt, kommen persönliche Unterlagen Georg Büchners zum Vorschein. Auffällig das Deutschheft des Zwölfjährigen von 1825: kleine, schöne, gleichmäßige Schrift, die sich über die gesamte Seite zieht. Büchners Papiere passen in zwei Kästen. Goethes beanspruchen 480. Darin Entwürfe, Notizbücher, Zeichnungen, Einfälle, Zettel, manches mit Bleistift, oft verblasst und schwer lesbar. Insgesamt liegen im Goethe-und-Schiller-Archiv Weimar Archiv 130 Autorennachlässe mit fünf Millionen Blatt. Sie füllen etwa 2700 Regalmeter.

Mit Goethe hat alles angefangen. Als er im März 1832 gestorben war, schlossen sich auch die Türen seines Hauses am Frauenplan. Eine Weile bewohnte noch Schwiegertochter Ottilie mit den Söhnen die Zimmer unterm Dach, dann ging sie fort (um erst 1870 zurückzukehren), alles blieb, wie es beim Tode des Dichters gewesen war. Niemand wusste, was Goethe in den Fächern und Schränken seines Arbeitszimmers aufbewahrt hatte. Niemand durfte es sehen.

Nach und nach starben die Freunde und Mitarbeiter, dann, 1872, auch Ottilie. Die Enkel, scheu und sonderbar, wachten unterdessen streng über das Erbe, das ihnen anvertraut war, und verhinderten, dass mal dieses, mal jenes Stück als Geschenk für immer verschwand. Das ging so bis an ihr Ende. 1883 starb Wolfgang, der Jüngere, im April 1885 in Leipzig auch Walther. Er hatte nie vergessen, dass er seine glücklichsten Jahre an der Seite des Großvaters verbringen durfte.

Zwei Tage später war das Testament in Weimar. Die Eröffnung, mit unglaublicher Spannung erwartet, beendete alle Ungewissheit. Walther, der in seiner Verfügung nie von seinem, nur von Goethes Vermächtnis sprach, übergab Häuser und Gärten dem Staat Sachsen-Weimar und den literarischen Nachlass der Großherzogin Sophie, die bald darauf die Handschriften ins Schloss bringen ließ.

Sie war 61 Jahre alt und gewillt, die größte Aufgabe ihres Lebens in Angriff zu nehmen. Sie streifte sich Handschuhe über und sichtete, was da in Schränken, Kästen, Körben und einem schweren Koffer lag. Hin und wieder stutzte sie. Manche Verse, die sie las, etwa die »Venezianischen Epigramme«, fand sie so unschicklich, dass sie ihren Hofdamen befahl, die sexuell anstößigen Stellen unkenntlich zu machen. Von diesem Goethe sollten die Zeitgenossen nicht erfahren, aber die Welt sollte sein Werk endlich ganz kennenlernen.

Die Großherzogin dachte zunächst an eine neue große Werkedition (die, als sie 1919 fertig war, 143 Bände umfasste, genannt die Weimarer oder Sophien-Ausgabe). Sie heuerte, zur Eile entschlossen, einen Stab prominenter Germanisten an, die besten, die es gab. Sie bestimmte auch den Umfang der Bände, Ausstattung und Papier. In einer Ecke des Schlosses, beengt und erdrückt fast von den vielen Heften, Aktenbündeln und losen Papieren, begannen die Wissenschaftler mit ihrer Arbeit. Und sie arbeiteten schnell.

1887 erschienen bereits die ersten Bände. Da hatte sich längst herausgestellt, dass das Schloss nicht taugte, um Goethes Hinterlassenschaft ordnungsgemäß unterzubringen. Die Zeit drängte, denn 1889 kamen, nach einer Schenkung der Erben, schon Schillers Papiere dazu, ferner Teilnachlässe von Wieland und Herder. Eine andere Lösung musste her, ein würdiger Aufbewahrungsort, ein Bau so prachtvoll wie das Erbe, das er beherbergen sollte. Sophie hatte feste Vorstellungen vom Haus, wie eine Skizze von 1893, die im Archiv aufbewahrt wird, beweist. Sie erwarb das Land und bezahlte die 400 000 Reichsmark, die das Gebäude kostete, im Wesentlichen aus der eigenen Schatulle. Bei jedem Wetter ging sie hinüber zum anderen Ufer der Ilm, um sich vom Fortgang der Arbeiten zu überzeugen.

1893 hatte man auf einem Hügel über dem Fluss damit begonnen, das von Otto Minckert entworfene, einem Lustschloss im Park von Versailles nachgestaltete Archiv zu errichten. Im Juni 1896 war es, wuchtig und monumental, fertig. Das Gebäude sei ein vollständiger Massivbau, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, der alle Kriterien der Feuersicherheit erfülle. Die Großherzogin habe streng darauf geachtet, »daß die bewährtesten technischen Systeme zur Anwendung gebracht wurden«.

Im Lauf der Jahrzehnte wuchs der Nachlassbestand immer weiter. Das älteste deutsche Literaturarchiv platzte allmählich aus den Nähten. Ende der Sechzigerjahre zog man Zwischendecken ein, um Arbeitsräume zu gewinnen, später wurde noch ein neuer Besucherraum geschaffen und ein Saal zur Bibliothek umgebaut. Und nun, bewerkstelligt in zwei Jahren, die umfassende, denkmalgerechte Sanierung und Rekonstruktion, verbunden mit den spektakulärsten Veränderungen. Ungefähr zehneinhalb Millionen Euro wurden verbaut, sagt Bernhard Fischer, der Direktor des Archivs. Es wurde viel Fläche gewonnen, die vorher nicht da war, Raum für Bestände, Mitarbeiter und Nutzer.

Der Mittelsaal in der Beletage, wie das Treppenhaus in dezentem Weiß-Grau gehalten und penibel der ursprünglichen Farbgebung angepasst, hat auffällig an Weite gewonnen. Auf der einen Seite, durch Glastüren getrennt, die neue, helle Bibliothek mit besten Arbeitsmöglichkeiten, auf der anderen sieht man durchs Türglas in einen Raum für Seminare, Vorträge, Konferenzen. Es gibt, weil in den Gebäudesockel eine »Schublade« eingezogen wurde, helle, freundliche Büros mit den Fenstern zur Ilm und den Blick hinüber zur Stadt. Im Dachgeschoss sind die Werkstätten für Restaurierungs- und Digitalisierungsarbeiten untergebracht.

Glanzvoller Gedächtnisort und Forschungsstätte war dieses Archiv schon immer. Im Direktionszimmer kann man die Ergebnisse jahrzehntelanger Anstrengungen mit einem Blick erfassen. Da stehen sie alle im Regal, die großen wissenschaftlichen Sammlungen, manche wie die Säkularausgabe der Werke und Briefe Heines längst vollendet, andere, so die beiden historisch-kritischen Editionen der Tagebücher und Briefe Goethes, erst vor Jahren begonnen. Doch künftig soll dieses Haus, stärker als bisher, auch ein Magnet fürs Publikum werden.

In den ersten Wochen nach der Wiedereröffnung kamen über viertausend Besucher. Bestaunten das alte Haus, das innen seinen modernen Charakter offenbart, beugten sich im Mittelsaal über die Pultvitrinen mit den Schätzen, die noch bis zum 28. September ausgebreitet sind: Notenblätter von Liszt und Beethoven, der Entwurf einer Predigt Herders zum Erntedankfest, eine Handschrift von Wieland, Schillers Schreibkalender von 1796, ein von Nietzsche entworfenes Titelblatt seiner Schrift »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« oder ein Brief der Großherzogin an den Archivdirektor Bernhard Suphan.

Solche Ausstellungen, verspricht Bernhard Fischer, wird es in Zukunft öfter geben. Weimars neue Attraktion soll nicht nur einem exklusiven Kreis von Fachleuten gehören.