26.08.2012

Ein Brandsatz

Kommentar von Tom Strohschneider

Selten hat ein Leitartikel in der Frankfurter Allgemeinen so viel Empörung hervorgerufen. Nun hat die Zeitung den Text in der Onlineversion entschärft. Doch das macht die Sache kaum besser: Anmerkungen zu einem publizistischen Ausfall.
In der Samstagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen" hat sich Jasper von Altenbockum, der verantwortliche Redakteur für die Innenpolitik, das Thema Lichtenhagen vorgenommen. Er lässt am brennenden Exempel den „Multikulturalismus" scheitern, watscht die linken Kritiker staatlichen Rassismus' ab und sperrt sie mit den Rechtspopulisten von heute in einen Gesinnungskäfig. Altenbockum nennt es in seinem Text „perfide", darauf hinzuweisen, dass sich Parteien und Staat 1992 vom Feuer des in Brand gesetzten Sonnenblumenhauses in Rostock die letzten Meter auf dem Weg zur de facto Abschaffung des Asylrechts beleuchten ließen. Und er spricht von einer „Übertreibung", wenn kritisiert wird, Politiker und Sicherheitsbehörden hätten im Kampf gegen Rechts versagt.

So viel, so schlecht. Dann erklärt Altenbockum, und hierin liegt der eigentliche Grund, von einem publizistischen Ausfall erheblichen Ausmaßes zu sprechen, wer seiner Meinung nach tatsächlich verblendet war in jenem August 1992: „Romantiker" und „Sozialalchimisten" (was für ein Wort in diesem Zusammenhang!) hätten nicht begriffen oder würden es mutwillig beschweigen, dass zuerst der Staat versagt hätte, in dem er überhaupt Asylbewerber ins Land ließ - etwas, das Altenbockum als „makabres politisches und soziales Experiment" bezeichnet. Dies ist nichts anderes als retrospektive „Das Boot ist voll"-Propaganda von Leuten, die beim Edelitaliener ihren deutschen Doktorenfreunden eitelstolz erklären, unter ihren Bekannten seien ja auch ein paar Migranten.

Hat der Staat in Lichtenhagen versagt? Natürlich, und das in doppeltem Ausmaße: erst, indem eine überforderte Stadtbürokratie nicht willens oder in der Lage war, für Menschen, die Schutz oder eine neue Heimat suchen, entsprechende Bedingungen zu schaffen. Vor allem aber, als der Mob explodierte - und sich lange austoben konnte, ohne dass der Staat etwas dagegen hätte getan. Das hat in den vergangenen 20 Jahren jedoch niemand in Abrede gestellt. Im Gegenteil, es gehört zur kritischen Aufarbeitungsgeschichte des Pogroms. Und was schreibt Altenbockum? „Politiker, die solche Fragen zu stellen wagen, werden bis heute als halbe Nazis dämonisiert. Es sind aber halbe Extremisten, die solche Fragen nicht zulassen." Und dann lässt er einen richtigen geistigen Brandsatz fliegen: „Erst ,Lichtenhagen' brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung."

Was sagt Altenbockum hier anderes, als dass seiner Meinung nach erst ein rassistisches Pogrom kommen musste, um Multikulti-Spinner und linke Ausländerfreunde zu bremsen? Was anderes ist da geschrieben als dass der von Anwohnern beklatschte mörderische Hass eine sozusagen gesellschaftspolitisch nützliche Pointe hatte? Wer noch Zweifel daran hatte, dass dies insinuiert war, der musste in der Online-Aufbereitung der Altenbockumschen Tirade eine Bestätigung finden. „Ein wütender Mob zündete vor 20 Jahren das Asylantenheim in Lichtenhagen an", hieß es dort im Vorspann und quod erat demonstrandum: „Der Terror brachte manchen Sozialromantiker zur Besinnung und machte den Weg für eine gesteuerte Einwanderungspolitik frei."

Ein Pogrom, das Besinnung ermöglichte, die nötig war, um das bis dato geltende Asylrecht abzuschaffen? Noch am Samstag hat die "Frankfurter Allgemeine" den Online-Vorspann zu Altenbockums Text entschärft. „Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus", heißt es nun dort. Einen Kommentar oder eine Erläuterung zur redaktionellen Änderung findet man nicht. Es wäre die Gelegenheit gewesen, einen geistigen Brandsatz auszutreten.
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