Von Rudolf Stumberger
03.09.2012

Höhenrausch bis zum Zusammenbruch

Aus Tschechien schwappt die Modedroge Crystal Meth nach Süddeutschland

Als fernes Phänomen seit langem bekannt, erobert die Droge Crystal Meth derzeit in atemberaubendem Tempo Süddeutschland. Und die Kunden erleben nach leistungssteigerndem Rausch ihr blaues Wunder.

Es ist ein kristallines, weißes Pulver, das, von Franken ausgehend, derzeit Bayern und Süddeutschland erobert. Crystal Meth ist der Name der Droge, die unter anderem in tschechischen Hinterhof-Labors hergestellt und seit einiger Zeit offen über Märkte an der Grenze vertrieben wird. Das Methamphetamin ist das derzeit stärkste Aufputschmittel am »Markt«, es versetzt die Konsumenten in euphorische Zustände, zum hohen Preis der schnellen Abhängigkeit und des körperlichen Verfalls. »Das ist eines der gefährlichsten Rauschgifte«, sagt Roland Pfuhl vom Sachgebiet Synthetische Drogen des bayerischen Landeskriminalamtes (LKA). Und warnt: »Wir stehen bei der Verbreitung erst am Anfang.«

Mehr Funde, Konsumenten, Kuriere

In der Tat scheint die Droge in Bayern auf dem schnellen Vormarsch zu sein, die Fallzahlen sind in den vergangenen drei Jahren jedenfalls rapide gestiegen. Danach wurden im Jahr 2009 noch lediglich 683, 2010 aber 1138 Fälle registriert. 2011 waren es dann bereits 1832. »Damit hat sich die Zahl der Crystal-Meth-Fälle fast verdreifacht«, so Fahnder Pfuhl. Auch bei den Konsumenten gingen die Zahlen nach oben: 2009 wurden 24 Fälle registriert, 2010 waren es 85 und 2011 schließlich 238. Dabei handelt es sich nur um die Personen, die zum ersten Male Kontakt mit der Droge hatten. Und die erwischt wurden. Denn das Dunkelfeld ist deutlich größer, so der LKA-Beamte.

Es gibt weitere Indizien für die steigende Verbreitung der synthetischen Droge: Die durch Polizeikontrollen sichergestellte Menge an Crystal Meth stieg von 5,6 Kilogramm 2010 auf 11,7 Kilogramm 2011. Allein von den Oberpfälzer Fahndern, die einen dreißig Kilometer langen Abschnitt an der Grenze nach Tschechien kontrollieren, erhöhte sich die Zahl der innerhalb eines Jahres gefassten Kuriere um mehr als zwei Drittel, die Menge des dabei sichergestellten Methamphetamins hat sich mehr als verdoppelt.

»Panzerschokolade« für Soldaten

Erst vor wenigen Wochen stoppten Fahnder der Bundespolizei ein Fahrzeug auf einer Autobahn in Richtung München und verhafteten einen 42-Jährigen, der unter dem Beifahrersitz zwei Dosen mit einem Kilogramm Crystal Meth verstaut hatte. Der Straßenverkaufswert betrug 100 000 Euro.

Crystal Meth hat eine Geschichte: Das Aufputschmittel Methamphetamin fand bereits im Zweiten Weltkrieg millionenfache Verwendung, Soldaten und Piloten hielten sich mit der »Panzerschokolade« wach, sie unterdrückte das Hungergefühl, wirkte schmerzdämpfend und euphorisierend. In den Handel kam es in Deutschland unter dem Namen Pervitin und wurde auch nach dem Krieg gerne zur Leistungssteigerung genutzt.

Seit den 1970er Jahren war Crystal Meth als eine selbst hergestellte Droge bekannt, die vor allem von der verarmten weißen Mittelschicht in den USA konsumiert wurde. Inzwischen breitet sie sich allerdings auch in Münchens Schickimicki-Szene aus. Anders als bei Metropolen-Drogen wie Kokain, verbreitete sich der Stoff aber zunächst eher in den ländlichen Regionen Amerikas. Dort wurde und wird in selbstgebastelten Labors, ebenso wie jetzt in Tschechien, die Droge aus relativ mühelos zu erwerbenden Zutaten hergestellt: Aus Hustensäften oder Schnupfenmitteln, die die Substanzen Ephedrin und Hyperephedrin enthalten. Sie werden mit Jodwasserstoff in einer chemischen Reaktion reduziert beziehungsweise umkristallisiert, zurück bleibt das weiße Pulver. Typische Crystal-Labore benötigen mehrere Tage, um eine ordentliche Menge des Stoffes zu produzieren. Verwendet werden auf offener Flamme kochende Töpfe, Kanister voller entflammbarer Flüssigkeiten und hunderte Tabletten des Grundstoffes. Mittlerweile berichten amerikanische Medien über eine neue Herstellungsformel, wonach nur eine Zwei-Liter-Wasserflasche, ein paar Erkältungstabletten und einige haushaltsübliche Chemikalien benötigt würden. Das Schütteln der Flasche löst eine chemische Reaktion aus und führt zur Gewinnung des kristallinen Pulvers. Damit lasse sich die Droge auf jedem Autorücksitz ohne offene Flamme herstellen.

Bayreuth ist die Kristallstadt

Heute ist in Europa Tschechien das Hauptherstellungsland von Crystal Meth. Auf rund 370 illegale Labore schätzt Jürgen Thiel, Sachgebietsleiter Rauschgift im Zollfahndungsamt München, die Zahl der dortigen Produktionsstätten. Auch er berichtet von »alarmierenden Fallzahlen«. Die Ursache sieht der Zollfahnder in neuen Vertriebswegen. Es war bekannt, dass seit den 1990er Jahren die Droge über die Grenze geschmuggelt und nach Deutschland gebracht wurde. Seit 2006 aber, so Thiel, wird Crystal Meth auch mehr oder weniger offen auf den Asien-Märkten an der deutsch-tschechischen Grenze vertrieben. Die dortigen Buden-Betreiber hätten sich nach dem Rückgang des Zigaretten-Schmuggels quasi neue »Geschäftsfelder« erschlossen. Über den »Ameisenschmuggel« gelangte die Droge so vor allem in den grenznahen Bereich. Seitdem gilt Franken als die Hochburg des Crystal-Meth-Konsums, Bayreuth als die »Kristallstadt«.

Am dortigen Bezirksklinikum hat man sich vor sechs Jahren auf die Behandlung von Crystal-Meth-Patienten zu spezialisieren begonnen. Die Therapie unterscheidet sich deutlich von der Behandlung anderer Drogenabhängiger, so Oberärztin Hella Schulte-Wefers von der Abteilung Klinische Suchtmedizin. Denn anders als etwa bei Abhängigkeit von Opiaten sind Methamphetamin-Konsumenten extrem aufgeputscht und benötigen als ersten Therapie-Schritt eine Ruhephase. Danach geht es etwa um kognitives Training, um die Gedächtnisstörungen zu beheben und um die Behandlung von psychotischen Symptomen; die Patienten leiden zum Beispiel unter Verfolgungswahn. Bei der Therapie geht es auch um die Aufklärung über Nebenwirkungen der Droge, die viele nicht erkennen wollen. Die Heilungschancen, so die Ärztin, seien gut, die Rückfallgefahr allerdings sehr hoch.

Die Gründe dafür kennt auch Uwe Steinbrenner, Leiter der Drogenberatung Condrobs in München. »Die Hippi-Zeit ist vorbei«, sagt der 56-Jährige, »und diese Droge passt genau in unsere Zeit«. Denn Crystal Meth ist eine Substanz der Leistungssteigerung, »man wächst über sich hinaus«, so der Drogenberater, »sie steigert das Selbstwertgefühl«. Man bleibt bis zu 30 Stunden wach, ist euphorisiert, nimmt leichter Kontakt auf, die Sexualität wird anders empfunden, Hunger- und Durstgefühle sind gedämpft. Verlockende Wirkungen - wären da nicht die negativen Seiten.

Irgendwann kippt die Sache

»Irgendwann merken die Leute, dass es so nicht mehr weitergeht, irgendwann kippt die ganze Sache«, sagt Steinbrenner. Die permanente Selbstüberschätzung stößt dann an Grenzen, gefolgt von Depressionen, Schlafstörungen Halluzinationen und Psychosen. Drastische Gewichtsreduzierungen und Kollaps des Herz-Kreislauf-Systems sind mögliche Auswirkungen. Auch bei der Münchner Drogenberatung häufen sich inzwischen die Crystal-Meth-Fälle. »Das Gefährliche daran ist«, so Steinbrenner, »dass die Droge so en vogue ist, das Pulver so harmlos erscheint«.