Von Dirk Sander, Istanbul
11.09.2012

Russinnen entreißen den Chinesinnen Gold

Bei der Schacholympiade in Istanbul verpassen bei Männern und Frauen jeweils die Favoritenteams den Sieg knapp

Nach zwei Wochen und elf spannenden Runden ist am Sonntag die 40. FIDE-Schacholympiade in Istanbul zu Ende gegangen. Bei den Männern setzte sich die armenische Mannschaft durch, die von dem in Berlin lebenden Großmeister Levon Aronjan angeführt wurde. Bei den Frauen siegte die russische Auswahl. Die als Favoriten gestarteten Teams aus Russland (Männer) und China (Frauen) kamen jeweils punktgleich mit den Siegern »nur« auf dem zweiten Rang ins Ziel.

Die Armenier hatten sich erst nach einem Schlussrundensieg gegen Ungarn den Titel sichern können. Die Männer aus dem Kaukasus wiederholten damit ihre Triumphe von Turin 2006 und Dresden 2008. Die favorisierten Russen besiegten in der letzten Runde zwar die deutsche Auswahl mit 3:1, konnten aber aufgrund des schlechteren »Torverhältnisses« (Alle von den Gegnern erzielten Punkte) nicht mehr an den Armeniern vorbeiziehen. Titelverteidiger Ukraine landete auf Platz drei.

Die Russinnen fertigten am Schlusstag Kasachstan mit 4:0 ab. Sie verwiesen damit die von Weltmeisterin Hou Jifan angeführten Chinesinnen, die sich nur knapp gegen Bulgarien durchsetzten, noch auf den Silberrang. Auch hier ging der dritte Platz an die Ukraine, die in der Schlussrunde Deutschland besiegen konnte.

Die deutschen Mannschaften kehren trotz der finalen Niederlagen mit einer positiven Bilanz aus Istanbul zurück. Dass beide Teams bis zum Ende noch um Medaillen mitkämpfen konnten, ist mehr als ein Achtungszeichen und bestätigt die Fortschritte, die man dem deutschen Schachsport in den letzten Jahren attestiert. Diese waren nicht zuletzt beim überraschenden EM-Titelgewinn der Männer 2011 zu erkennen.

Jenseits des Geschehens auf den Schachbrettern fällt die Istanbuler Bilanz gemischt aus. Die Türken erwiesen sich zwar als engagierte Organisatoren und liebenswerte Gastgeber. Das passt zu ihren Plänen, zur Schachgroßmacht werden zu wollen. So lobte die Sprecherin des Weltverbands FIDE, Anastasija Karlowitsch, denn auch die türkische Schachföderation als »derzeit aktivste und innovativste der Welt«. In der Tat findet man hier mit umfangreichen Schulschachinitiativen und hochkarätigem Sponsoring Bedingungen, von denen deutsche Schachspieler nur träumen können.

Bäume ausgerissen hat Istanbul dennoch nicht. Überhöhte Hotelpreise, durchschnittliche Verpflegung und die abgelegene Spielstätte sorgten für Unmut und blieben als negative Eindrücke bei den Aktiven zurück. Auch als Zuschauer kam man in Istanbul kaum auf seine Kosten: Wer die Reise zum Expo-Gelände antrat, den erwarteten abseits gelegene Zuschauerränge, fehlende Großleinwand-Übertragungen der Partien und eine eher dröge Hallenatmosphäre. Dabei hatten die türkischen Gastgeber im Vorfeld die Schacholympiade sogar zum Test für ihre Olympiabewerbung 2020 erklärt. Gestiegen sind die Chancen auf den Zuschlag wohl nicht.

Männer

1. Armenien 19:3 Punkte

2. Russland 19:3

3. Ukraine 18:4

12. Deutschland 15:7

Frauen

1. Russland 19:3

2. China 19:3

3. Ukraine 18:4

11. Deutschland 15:7

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