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Schantall und die Scharia

Von Fabian Köhler
16.09.2012

Die spinnen, die Muslime! Oder?

Ein schlechter Youtube-Clip, schon verwüstet ein muslimischer Lynch-Mob die halbe Welt: Selten ist der islamfeindliche Konsens in Medien so groß, wie wenn Muslime gegen Islamfeindlichkeit demonstrieren.

Nicht mehr als ein schlecht gemachter, islamfeindlicher Youtube-Clip, sind sich fast alle Medien einig, soll der Grund dafür sein, dass Menschen in der gesamten islamischen Welt durchdrehen:
Vom „mörderischen Spiel der Fanatiker" liest man in der Süddeutschen. Deutschlandfunk erklärt, die Proteste seien nicht mehr als ein „unentschuldbarer Reflex". In der TAZ sind es „radikale Islamisten", die „auf jede solche Provokation so reflexhaft wie pawlowsche Hunde reagieren." Und auch „neues deutschland" weiß, es könne sich nur um einen „islamistischen Aufruhr" handeln.

Doch der „wütende Mob, der in linken wie bürgerlichen Medien durch die islamische Welt zieht (z.B. hier, hier, hier, oder hier), hat nur wenig mit der Realität der Demonstrationen zu tun.

Gelyncht hat der „Lynch-Mob" bisher niemanden

Als so gut wie sicher gilt mittlerweile, dass eine libysche Al-Qaida nahe Gruppe und nicht wütende Demonstranten für die Ermordung der amerikanischen Konsulatsangehörigen verantwortlich sind. Opfer bei den Demonstrationen sind hingegen fast ausschließlich Demonstranten:
Ca. 300 Menschen sollen bis Freitag in Ägypten verwundet worden sein. Fast alle sind Demonstranten. Von einer „Null-Toleranz-Politik" der Sicherheitskräfte sprach Al-Jazeera Korrespondentin Rawya Rageh.

Mindestens vier Menschen starben im Jemen, aber nicht durch einen fanatischen Lynchmob, sondern durch die Sicherheitskräfte einer vom Westen unterstützten Diktatur, die sich unter anderem mit deutschen Waffen seit einem Jahr erfolgreich gegen die Demokratisierungsbemühungen ihres Volkes zur Wehr setzt. Und auch die Toten in Tunesien und Libanon sind auf Seiten der Demonstranten zu finden.

Nicht überall gibt es Massenproteste

Die Proteste sind auch fünf Tage nach ihrem Beginn nur in einem Bruchteil der islamischen Welt angekommen. Tausende gingen in der 16-Millionen Metropole Kairo auf die Straße: Fast Nichts im Vergleich zu den Protesten vor eineinhalb Jahren. Ebenfalls einige Tausend waren es im Sudan und Bangladesh. Doch in den meisten muslimischen Ländern demonstrieren weit weniger Menschen:

Proteste „erboster Muslime" „in Tunesien, dem Gazastreifen und im Iran" meldete die Nachrichtenagentur DPA am Donnerstag. Dutzende Tageszeitung schrieben ab und kreierten das Bild eines Flächenbrandes. Zu diesem Zeitpunkt waren es in Tunis gerade einmal 200 Demonstranten, ohne dass es zu größeren Ausschreitungen kam. Im Iran protestieren 500 Studenten wie fast jede Woche ohne größere Vorkommnisse vor der schweizerischen Botschaft (die ersetzt die seit 1979 fehlende amerikanische Vertretung). Und auch der Umstand, dass es plötzlich eine Demonstration in Gaza in die Agenturmeldungen schaffte, ist weniger dem arabischen Volkszorn geschuldet, als dem medialen Inszenierungswunsch eines solchen: Einige Dutzend Palästinenser versammelten sich am Mittwoch dort – ungefähr genauso viele Menschen demonstrierten zeitgleich in Pfalzgrafenweiler für die Wiederaufforstung des Mischwaldes im Nordschwarzwald.

In islamischen Ländern gibt es nur den Mob

Selbst Blogger, die sonst kritisch über Islamopobie berichten, antizipierten das momentan gängige Bild: Über einen „mörderischen Mob" echauffiert sich Jörg Lau in seinem Blog auf Zeit Online. Und bei Politblogger liest man die verbreitete Floskel von den „gewaltgeilen Extremisten auf beiden Seiten", denen man das Handwerk legen müsse.

Dass Al-Qaida-Terroristen, die den Anschlag auf das amerikanische Konsulat in Bengasi begangen, zu jenen Extremisten zählen, steht außer Frage – auch für die Mehrheit der jetzt demonstrierenden Muslime. Dass Salafisten, die durch die Machtneuordnungen des Arabischen Frühlings neue politische Freiheiten gewannen, nun in Libyen und Ägypten auch auf der Straße auf Stimmenfang gehen, ist ebenfalls unübersehbar.

Doch, dass der überwiegende Teil der Demonstrationen friedlich verläuft, findet in westlichen Medien kaum statt. Vertreter der ägyptischen Muslimbruderschaft riefen nicht nur zu landesweiten (gewaltlosen!) Protesten auf, sondern verurteilten vorsorglich Angriffe auf Ausländer als „Angriff auf jeden von uns". Während in Afghanistan Taliban anlässlich des Filmes zu Anschlägen gegen US-Soldaten aufriefen (das tun sie freilich auch ohne Film) versammelten sich in Kandahar afghanische Mullahs, um die Demonstranten zur Mäßigung zu rufen. Und in Bengasi protestierten am Freitag einige hundert Menschen gegen die Ermodung des amerikanischen Botschafters Chris Stevens.

Medien, in denen ausschließlich ein Mob irrationaler Gewalttäter wütet, sprechen den Menschen in Libyen, Ägypten oder Jemen das Recht ab, ihre Meinung öffentlich kundzutun. Auch für Muslime gibt es ein Demonstrationsrecht - egal, ob ihre Meinung für uns nachvollziehbar ist oder nicht.

Proteste werden entpolitisiert

Dass Botschafter Chris Steven möglichweise durch jene Waffen starb, die die NATO libyschen Rebellen im Kampf gegen Gaddafi lieferte, macht seine Ermordung nicht besser. Es illustriert aber eine Dimension der Proteste, die kategorisch ausgeblendet wird: die politische. Anzunehmen, in der muslimischen Welt wäre ein 14-minütiger Youtube-Clip der alleinige Grund für anti-amerikanische Proteste, ist schlicht und einfach dämlich.

Für viele Ägypter ist die amerikanische Botschaft auch Symbol der jahrzehntelangen finanziellen wie militärischen Unterstützung eines Diktators, dessen man sich unter hunderten Opfern erst vor eineinhalb Jahren entledigte. Auch in Libyen lief am Dienstagabend nicht nur ein schlechter Mohammad-Film auf Youtube. Es trauerten auch hunderttausende Menschen um ihre von NATO-Bomben getöteten Angehörigen. Im Iran riefen die Demonstranten am Donnerstag auch kapitalismuskritische Slogans gegen die „wirtschaftliche Kolonialisierung der Welt". In Gaza standen auch die gewohnten Sprüche gegen die israelische Belagerung auf den Transparenten. Und in Ägypten verurteilten Demonstranten die anhaltende Macht des Militärregimes und forderten bessere Lebensbedingungen.

Man mag auch die politischen Motive der Menschen in Bengasi, Kairo und Sanaa hinterfragen. Doch sicher bleibt: Es gibt sie, auch zu Zeiten schlechter Islam-Filme. Indem Medien diese ausblenden, inszenieren sie täglich professionell, was Nakoula Basseley Nakoula (alias Sam Bacile) nur dilettantisch schaffte: Das Bild vom irrationalen gewalttätigen Muslim.

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