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Von Anouk Meyer
21.09.2012

Mief im Quartett

Vielschichtig: »Die Saison der Krabben« im Ballhaus Naunynstraße

Als »türkische Musterfrau aus Mariendorf« wird die hübsche Asiye angepriesen, und ihre Familie - ihr Mann, dessen Schwester und deren Gatte - lächeln dazu begeistert. Nur Asiye selbst wirkt seltsam steif und unbeteiligt: Sie blüht erst auf, wenn sie Jasmin sein darf, eine Fantasiefigur, mittels der sie sich aus ihrem kleinbürgerlich-langweiligen Leben herausträumt. Um Anpassungsdruck bis zum Verlust der eigenen Identität geht es im Singspiel »Die Saison der Krabben« im Ballhaus Naunynstraße.

Regisseur Hakan Savas Mican (»Die Schwäne vom Schlachthof«) beherrscht das doppelbödige Spiel mit mehreren Ebenen. Die Grenzen von Theater, behaupteter Wirklichkeit und der Traumwelt der Hauptdarstellerin verschmelzen miteinander und mit den sehnsuchtsvollen anatolischen Volksliedern, die immer wieder in die Handlung einfließen. Die Komponistin Sinem Altan spielt diese live am Klavier, begleitet vom Baglama-Virtuosen Özgür Ersoy, mixt die orientalischen Weisen aber leichthändig mit deutscher Romantik, geschmeidigem amerikanischem Dinner-Jazz oder temperamentvollen kubanischen Rhythmen: ein wunderbarer Klangteppich für ein Stück, das die Erwartungen und Klischees der unterschiedlichen Kulturen zum Thema macht.

Als Sinnbild der Inszenierung dient die kubanische Halloween-Krabbe, die jedes Jahr im April aus dem heimischen Wald ans Meer wandert, um Eier abzulegen. Eine lebensgefährliche Angelegenheit, da die Schalentiere dafür eine Autostraße überqueren müssen - wobei viele überfahren werden. Auch die beiden Paare aus dem Stück entwickeln Lebensstrategien, um nicht unter die Räder zu kommen. Außer Asiye haben sich alle arrangiert. Die dominante Schwägerin Füsun putzt, wäscht, kocht neben ihrer Arbeit als Altenpflegerin - was sie den anderen auch gern und ausdauernd unter die Nase reibt. Ihr unterwürfiger Mann Kubilay hat seinen Traum, Jazzmusiker zu werden, längst begraben und spielt stattdessen auf Beschneidungsfeiern, und Asiyes Gatte Ilyas repariert Rohrbrüche. Mehrfach pro Woche geht man gemeinsam einkaufen, isst zusammen, schaut Seifenopern auf dem großen Flachbildfernseher.

Ein ganz normales Leben also - für Asiye aber, die eigentlich Schauspielerin werden wollte, ist dieser kleinkarierte Mief im Quartett längst so unerträglich geworden, dass sie sich mit der glamourösen Seriendarstellerin Jasmin eine Ersatzfigur geschaffen hat. Dann schreitet sie auf der als Laufsteg eingerichteten Bühne, die das Publikum in zwei einander gegenüber sitzende Lager teilt, elegant aus, schüttelt die Haare und preist Hautcreme »mit dem Duft des Thymians, dem Duft der anatolischen Heimat« an. Wirklichkeit und Fantasiewelt verschwimmen, Asiye landet in der Psychiatrie - und findet in ihrem behandelnden Arzt einen Verbündeten, der lange verschüttete Traumata und Ängste ausgräbt. Sesede Terziyan, spätestens seit ihrer Hauptrolle im Erfolgsstück »Verrücktes Blut« ein bekannter Name, spielt diese verstörte und gleichzeitig starke Frau mit großer Glaubwürdigkeit und trägt so einen Gutteil des Stücks.

In mal ironisch gebrochenen, mal schlichtweg komischen, mal tragischen Szenen entfaltet sich die Tragödie einer Persönlichkeit, die nie sie selbst sein durfte. Das traurige Schlüsselbekenntnis »wenn ich wüsste, wie es ist, ich selbst zu sein, würde ich gerne ich selbst sein«, steht stellvertretend für den enormen Anpassungsdruck, unter dem Frauen im allgemeinen und Einwanderinnen im besonderen stehen und der von Kindheit an schizophrene Verhaltensweisen begünstigt.

Den Gegenpart zur ätherischen Schönheit Asiye, in die alle Männer um sie herum verknallt sind, gibt mit viel komödiantischem Talent Melek Erenay als Füsun, deren aufgesetzte Hilfsbereitschaft einer fast schon wahnhaften Kontrollsucht entspringt. Gegen soviel Temperament wirken die männlichen Darsteller etwas blass. Doch das tut diesem vielschichtigen Stück, mit dem die neuen Intendanten Tuncay Kulaoglu und Wagner Carvalho die erste Spielzeit ohne Shermin Langhoff einleiten, keinen Abbruch.

Wieder am 22.9., 20 Uhr, weiter im Dezember; Ballhaus Naunynstraße, Naunynstr. 27, Kreuzberg, Karten unter (030) 75 45 37 25

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