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Von Florian Schmid
17.10.2012

Worum ging es beim Plündern von Supermärkten?

Raul Zelik: »Der Eindringling«, ein Kreuzberger Generationenroman

Der Bezirk Kreuzberg ist heute das trendige Schaufenster Berlins und zieht ein junges internationales und kulturinteressiertes Publikum an. Dort siedelt Raul Zelik seinen Roman »Der Eindringling« an und kontrastiert den hippen Kiez mit seiner linksradikalen Hausbesetzergeschichte. In Form eines Generationenromans: Ein junger, unpolitischer Student, der versucht, sich in der Großstadt zurechtzufinden, trifft auf seinen in die Jahre gekommenen Vater aus dem linksradikalen autonomen Milieu.

An der Uni ist der 25-jährige Daniel nach seinem Umzug von Göttingen nach Berlin nur mit mäßigem Fleiß zugange. Unmotiviert verfolgt er sein Berufsziel, Journalist zu werden, verbringt in seiner WG viel Zeit mit Computerspielen und versucht die 800-Freunde-Marke seines Facebook-Accounts zu knacken. Sein Leben ändert sich schlagartig, als sein 50-jähriger Vater Fil schwer erkrankt und ins künstliche Koma versetzt wird. Bis zu seinem neunten Lebensjahr hatte Daniel zu ihm Kontakt gehabt. Danach haben sich die beiden bis kurz vor Fils Erkrankung nicht mehr gesehen. Während der Vater im Krankenhaus liegt, zieht Daniel in dessen Kreuzberger Wohnung und wird so zum Titel gebenden »Eindringling«. Er trifft den besten Freund des Vaters, lernt Fils ehemalige große Liebe kennen und versucht, seinen Erzeuger und dessen Geschichte zu verstehen - vor allem, warum er den Kontakt zu seinem Sohn abgebrochen hat.

Fils Biografie ist von politischen Kämpfen gekennzeichnet: er machte bei Hausbesetzungen Anfang der 80er Jahre mit, organisierte Supermarktplünderungen und half untergetauchten Genossen. Für den jungen Daniel sind die politischen Aktivitäten seines Vaters völlig unverständlich. Worum ging es eigentlich beim Plündern von Supermärkten? Wieso musste alles mit politischen Ideen und einem radikalen Aktivismus gekoppelt sein?

Raul Zelik lässt in der Person Daniels den Vertreter einer jungen postpolitischen Generation ebenso naiv wie kritisch nach der Sinnfälligkeit linksradikaler Protestkultur fragen. Dadurch kann Zelik diese Polit-Geschichte vergangener Jahrzehnte erzählen, ohne zu mythologisieren. Statt sich in einer Kreuzberger Nabelschau zu verlieren und die frühen 80er zu verklären, verknüpft Zelik die Geschichte von Sohn und Vater motivisch zu einem dichten und stimmigen sozialen Großstadtpanorama. Er geht gefühlvoll mit seinen Figuren um, die sich im Lauf der Handlung mitsamt ihren Konflikten entwickeln. Daniel reist schließlich sogar nach Rumänien, um Ela, die ehemalige große Liebe seines Vaters, zu treffen. Deren Vater hatte wiederum für die rumänische Securitate gearbeitet und dabei Mutter und Tochter überwacht. Überhaupt gehen die Väter in diesem Roman abseits von ihren Familien eigene, konfliktbeladene Wege - bis sie sich irgendwann ihren Kindern und ihrer Vergangenheit stellen müssen.

Raul Zelik wechselt immer wieder von der Gegenwart mit spannenden Rückblenden in die Vergangenheit und hält dabei ein hohes Tempo. Auf diese Weise werden Berlin und Kreuzberg ebenso aktuell wie historisch betrachtet - von den heutigen Touristenströmen bis zu den politischen Kämpfen vergangener Tage.

Am Ende lernt Daniel, sich, wie sein Vater, auf die Zufälle des Lebens einzulassen. Und er verliebt sich. Das hört sich an, als wäre es nicht sehr viel, aber der Weg dorthin ist für ihn komplex und ziemlich schwierig. Diesen Prozess fängt Raul Zelik in seinem Roman genial ein.

Raul Zelik: Der Eindringling. Roman. Suhrkamp. 220 S., brosch., 14 €. Morgen, 20 Uhr, stellt Raul Zelik sein Buch im Berliner Palais am Festungsgraben vor (Am Festungsgraben 1, 10117 Berlin).

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