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Claudia Krieg
26.10.2012

Gut gemischt ist halb verdrängt?

Interview mit Bettina Grell über Kotti & Co. und neue Mieterinitiativen

Die Initiative Kotti & Co. ist aus der aktuellen Berliner Stadtentwicklungsdebatte nicht mehr wegzudenken. Auch der Unterstützerkreis für die Mieter, die am Kottbusser Tor gegen ihre Verdrängung kämpfen, wächst stetig. Am 15. Oktober veröffentlichten Experten aus Wissenschaft und Praxis den Aufruf »Für eine soziale Mieten- und Wohnungspolitik - Für eine Unterstützung von Kotti & Co.« (»nd« berichtete). Die Initiatoren laden für heute Abend, 20 Uhr, zu einer Diskussion ins Kreuzberg-Museum. Claudia Krieg sprach für »nd« vorab mit Dr. Britta Grell, Sozialwissenschaftlerin und Mitglied von INURA (International Network for Urban Research and Action).

● Frau Grell, wodurch zeichnete sich die Wohnungs- und Mietenpolitik in Berlin in den vergangenen Jahren besonders aus?

Eine besonders beunruhigende Entwicklung ist, dass es immer schwieriger wird, bezahlbaren Wohnraum in den Innenstadtvierteln zu finden. Zum einen ist die Nachfrage enorm gewachsen, weil Berlin nicht zuletzt aufgrund der Krise in vielen anderen Ländern so attraktiv geworden ist für ganz unterschiedliche Gruppen von Mietern und Kaufinteressierten, zum anderen hat der Senat in den vergangenen Jahren etwa mit dem Ausstieg aus dem sozialen Wohnungsbau oder der Privatisierung des kommunalen Wohnungsbestands wichtige Steuerungsinstrumente aus der Hand gegeben.

● Welche Rolle spielt die Initiative Kotti & Co. und ihr Kampf gegen Verdrängung in diesem Prozess?

Es gibt zurzeit eine neue Generation von sehr aktiven Mieterinitiativen in Berlin, die sich in verschiedenen Formen vernetzen. Am Montag haben es ja einige geschafft, die Zwangsräumung einer Familie in Kreuzberg zu verhindern. Warum Kotti & Co. so viel Aufmerksamkeit erhält, hat vor allem mit der Zusammensetzung, der Beharrlichkeit und der Art des Widerstands zu tun. Er wird zu großen Teilen von Frauen mit Migrationsgeschichte angeführt. Viele erkennen darin eine positive integrative Kraft, die in ihren demokratischen Formen ein Vorbild für städtische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen sein könnte.

● Liegt man falsch, wenn man bei sozialer Mischung an sozialen Ausgleich denkt?

Das Leitbild »soziale Mischung« suggeriert ganz unterschiedliche Dinge. Für einige hat es etwas mit Ausgleich oder sozialer Gerechtigkeit zu tun nach dem Motto: »Die Stadt ist für alle da und nicht nur für die Reichen.« In der Stadtentwicklungsdebatte merkt man aber schnell, dass damit auch entgegengesetzte Interessen vertreten werden, wenn zum Beispiel behauptet wird, es bedürfe einer Aufwertung von armen Nachbarschaften durch den Zuzug von besser gestellten Schichten, damit es allen, auch den benachteiligten Bevölkerungsgruppen, besser geht. Damit legitimiert man unter Umständen die Verdrängung von Arbeitslosen oder Migranten.

● Was wären die notwendigen Schritte für einen sozialen Stadtwandel Berlins?

Es gibt zahlreiche »Baustellen«, die dringend bearbeitet werden müssten. In unserem Aufruf »Für eine soziale Mieten- und Wohnungspolitik« haben wir sie auch aufgelistet, darunter die enormen Mietsteigerungen bei Neuvermietungen, das Problem der Umwandlung von Miet- in Eigentums- oder Ferienwohnungen sowie der Umgang mit landeseigenen Liegenschaften. Ein Schritt in die richtige Richtung ist die von Kotti & Co. durchgesetzte Konferenz zum sozialen Wohnungsbau am 13. November. Hierbei wollen wir sie auch konkret unterstützen.

»Mieten. Mischung. Mehrwert: Warum Kotti & Co. uns alle angeht«, Kreuzberg-Museum in der Adalbertstr. 95a, heute um 18 Uhr.

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