Von Martin Koch
10.11.2012

Warum Stalin die Biologie ändern ließ

Vor 125 Jahren wurde der russisch-sowjetische Genetiker und Pflanzenforscher Nikolai I. Wawilow geboren

In Pawlowsk, unweit von St. Petersburg, befindet sich ein wahrer Schatz der Wissenschaft: die älteste und inzwischen drittgrößte Genbank der Welt. Sie umfasst über 330 000 Kulturpflanzensorten sowie deren Vorformen und wildwachsende Verwandte aus allen Regionen der Erde: Kartoffeln aus Chile, Bohnen aus Nordamerika, Getreide aus Äthiopien. Sowohl für die Züchtung neuer als auch für den Erhalt traditioneller Kulturpflanzen ist das in Pawlowsk gesammelte Saatgut von unschätzbarem Wert, wie folgendes Beispiel zeigt: Als Mitte der 1980er Jahre ein Fadenwurm über große Teile der US-amerikanischen Sojafelder herfiel, ließen sich nirgendwo Sojapflanzen auftreiben, die gegen den Parasiten resistent waren. Allein in Pawlowsk lagerte eine solche Sorte, die sowjetische Forscher ihren Kollegen aus den USA kostenlos zur Verfügung stellten - und das zur Hochzeit des Kalten Krieges!

Den Grundstein für die erste Genbank der UdSSR legte 1926 der Botaniker Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der vor 125 Jahren, am 13. (25.) November 1887, als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers geboren wurde. Nachdem er von 1906 bis 1910 am Landwirtschaftlichen Institut seiner Heimatstadt Moskau studiert hatte, reiste er mehrmals ins westliche Ausland, um seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Biologie zu vertiefen. In England traf er mit William Bateson zusammen, der 1906 für die moderne Vererbungswissenschaft den Begriff »Genetik« geprägt hatte, und untersuchte in dessen Labor die Immunität von Pflanzen. Nach Russland zurückgekehrt, wurde Wawilow im Herbst 1917 als Professor für Ackerbau und Genetik an die Universität in Saratow berufen. Doch bereits 1921 wechselte er mit seinen Mitarbeitern und Studenten ans Agrarwissenschaftliche Institut in Petrograd. In den Folgejahren bekleidete Wawilow auch wichtige administrative Ämter. So war er von 1929 bis 1935 Direktor der Lenin-Akademie für Landwirtschaftswissenschaften und leitete ab 1933 überdies das Institut für Genetik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR.

Einer Frage galt Wawilows besonderes Interesse: In welchen Regionen der Erde wurden aus Wildformen die heutigen Kulturpflanzen gezüchtet? Um das herauszufinden, unternahm er rund 180 Expeditionen in über 40 Länder. Tatsächlich gelang es ihm dort, zahlreiche der gesuchten Regionen zu finden, die er kurz »Genzentren« nannte. Für den Mais etwa befindet sich das Genzentrum in Südamerika, für den Kaffee in Äthiopien, für die Zitrone in Indien.

Obwohl er als Forscher maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass die sowjetische Genetik Weltgeltung erlangte, durfte Wawilow ab 1933 nicht mehr ins Ausland reisen. Der Grund: Er war bei Stalin denunziert worden, sich an »konterrevolutionären Aktionen« gegen die sozialistische Landwirtschaft zu beteiligen, die nach der zwangsweisen Kollektivierung bekanntlich in arge Nöte geraten war. Seitdem wusste Wawilow, dass er jederzeit verhaftet werden konnte. Zumal wenig später der rasante Aufstieg des ukrainischen Agronomen Trofim D. Lyssenko begann, der in den 1940er Jahren nicht nur die Landwirtschaftswissenschaften dominierte, sondern auch »die Genetik und die Genetiker bekämpfte und so der gesamten Gesellschaft in der UdSSR irreparablen Schaden zufügte«, wie Helmut Böhme, der ehemalige Direktor des DDR-Akademieinstituts für Kulturpflanzenforschung in Gatersleben, feststellt.

Mit ausdrücklicher Billigung Stalins durfte Lyssenko ab Ende der 1930er Jahre verkünden, dass die Genetik eine bürgerliche und reaktionäre Wissenschaft sei, die es mithin durch eine Art proletarische Biologie zu ersetzen gelte. Denn für diskrete Erbanlagen bzw. Gene gebe es keine Beweise. Vielmehr müsse die Vererbung als Leistung des gesamten Organismus angesehen werden. Außerdem erklärte Lyssenko, dass Eigenschaften, die ein Lebewesen in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt erwerbe, an die nächste Generation weitervererbt würden. Am Ende verstieg er sich sogar zu der Behauptung, dass es möglich sei, Kulturpflanzen wie Weizen und Roggen durch geeignete Umwelteinflüsse in die jeweils andere umzuwandeln.

Als einer der wenigen Sowjetbiologen wagte es Wawilow, Lyssenko öffentlich zu widersprechen. Damit rief er zwangsläufig das NKWD auf den Plan, dessen Chef Lawrenti Berija sich persönlich der Sache annahm. Am 6. August 1940 wurde Wawilow verhaftet und von der Geheimpolizei verhört. Doch trotz aller Repressalien weigerte er sich, Lyssenkos »neue Biologie« anzuerkennen. Das genügte letztlich, um Wawilow wegen konterrevolutionärer Schädlingstätigkeit anzuklagen. In einer geschlossenen Sitzung fällte das Militär-Kollegium des Obersten Gerichts der UdSSR am 9. Juli 1941 das bereits feststehende Urteil: Tod durch Erschießen. Es wurde allerdings nicht vollstreckt, sondern im Juni 1942 in 20 Jahre Arbeitslager umgewandelt.

In der Stadt, in der seine Karriere einst begonnen hatte, verbrachte Wawilow auch seine letzten Tage: in Saratow. Er starb hier am 26. Januar 1943 in einem Gefängnis an Unterernährung. Oder anders gesagt: Man ließ ihn verhungern. Zwar wurde er als Person später rehabilitiert, dafür ist heute sein Lebenswerk bedroht. Denn 2010 entschied ein russisches Gericht, dass auf dem Gelände in Pawlowsk, auf dem sich Wawilows Genbank befindet, private Wohnhäuser gebaut werden dürfen. Erst nach internationalen Protesten stoppte die Regierung in Moskau im April 2012 dieses Vorhaben. Ob nur fürs Erste oder dauerhaft, bleibt abzuwarten.

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