Von Lucía Tirado
16.11.2012

Geschichten kommen im Fluge

»Zwischenfälle« frei nach Daniil Charms in der Schaubude

Alle angeschnallt? Wir starten. In der Schaubude hebt eine Boeing 747 für die Inszenierung »Zwischenfälle« ab. Zwei Stewardessen kümmern sich um die Passagiere. Der Flug ist lang nach Brasilien. Der Chefpilot wird sich auch gleich melden und erklären, was es auf der langen Tour nach Rio de Janeiro »nach gemütlichen acht Stunden« schon mal zu sehen gibt oder auch nicht.

Zwischen Himmel und Erde bewegt sich das Stück frei nach Daniil Charms, einem Meister des Absurden und des schwarzen Humors. Die Frau des russischen Dichters soll einmal über ihn gesagt haben, es sei verständlich, dass Leute glaubten, er trüge eine Narrenmaske. Er trug eine. Eine Reise durch die Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins ist also versprochen in der Inszenierung »Zwischenfälle«. Typisch sei für Charms, heißt es, dass seine Episoden gar keine Pointe hätten. So etwa: »Da ging einmal ein Mann ins Büro und traf unterwegs einen anderen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigentlich alles.« Diese Art absurden Charmes von Charms' bringen in dem Stück vor allem die zwei alten Zausel Kolja und Petja mit. Man sieht anfangs und immer mal wieder nur ihre Köpfe. Über sie fliegt die Boeing hinweg, während sie irgendwo im Russischen von Brasilien träumen und miteinander zanken, weil sie immer miteinander zanken. Die Gruppe Triebwerk Berlin zeigt die Produktion für Menschen, Puppen und Objekte in der Schaubude. Ulrike Langenbein schuf die Puppen und spielt zusammen mit Veronika Thieme. Um die Musik kümmert sich Giovanni Reber. Die in die Gegenwart gebrachte Textfassung, in der wie bei Charms die Episoden im Fluge ab und an abgestoppt werden, schufen die Künstler zusammen. Regie führt Pierre Schäfer.

Gute Stücke gab es bereits von und mit ihm als Puppenspieler. Mit der Regie für dieses Stück versuchte er Neues und bewältigte einen großen künstlerischen Sprung. Gelungen ist diese Inszenierung, in der Ulrike Langenbein und Veronika Thieme exzellent spielen. Sie sind die Stewardessen, die bis auf eine Ausnahme diszipliniert ihrer Arbeit nachgehen. Die notwendigen technischen Rituale dieser in der Farbe der Flugzeugausstattung blau gekleideten Flugbegleiterinnen sind so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich einmal nach dem Abzählen von Gegenständen fragen, welche Zahl wohl der letzten folgt, die sie immer aufsagen müssen, um sich an die Regeln zu halten. Kleine Geschichten werden erzählt, die den beiden hoch oben in der Luft begegnen. Dann wird eine von ihnen zum Passagier, manchmal verwandeln sich beide. Vieler Utensilien braucht es dafür nicht. Zumeist reicht eine Perücke aus. Bisweilen mutieren die Puppenspielerinnen auch zu Gestalten aus der Fantasie der Passagiere. Traumhaft komische Szenen sind die Folge. Etwa, wenn eine junge Frau einen Frosch küsst und küsst und küsst, dann aber über das Verwandlungsergebnis nicht erfreut ist.

Paradiesische Zustände stellen sich ein mit Adam, Eva, einem Apfel und dem Gelehrten Leonardo, der sich unbedingt einmischen will. Auch eine alte Parabel um eine Erbschaft wird erzählt, die sicher fast jeder kennt und oder mal kannte und wiedererkennt. Alle diese Geschichten bekommen zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod und in einer Höhe, wo Menschen von Natur aus eigentlich nichts zu suchen haben, etwas Bizarres. Die Leichtigkeit, in der in »Zwischenfälle« davon erzählt wird, ist das Besondere an diesem Stück, in dem das Flugzeug natürlich sicher in der brasilianischen Metropole landet. Die beiden Zausel drangen unterdessen in Ansätze philosophischen Denkens samt Feldversuchen vor. Das führt sie zwar weder im Wissen noch auf dem Wege irgendwohin voran. Macht aber nix. Hauptsache, sie fühlen sich schwer beschäftigt.

18.11., 20 Uhr, Schaubude, Greifswalder Str. 81, Prenzlauer Berg, Tel.: 423 43 14, www.schaubude-berlin.de

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