Von Andreas Fritsche
12.01.2013
Brandenburg

Denn er denkt sozial

Betriebsrat Ronny Kretschmer möchte Bürgermeister von Neuruppin werden

Die Stimme von Jana Kretschmer hat er schon einmal sicher - der Kandidat der Linkspartei für die Bürgermeisterwahl an diesem Sonntag in Neuruppin. Kunststück: sie ist schließlich die Frau von Ronny Kretschmer. Aber das allein reicht ihr zur Begründung nicht aus. In einem Wahlwerbespot schildert Jana Kretschmar ihren Ehemann als einen guten Familienvater, auf den sie sich immer verlassen könne und der sich sehr um die beiden Kinder kümmere. Ernesto und Tamara heißen die Kleinen, und weil Kretschmer ein erklärter Kuba-Fan ist, denkt man dabei unwillkürlich an den Revolutionär Ernesto Che Guevara und seine Gefährtin Tamara Bunke.

Doch auch andere erzählen in dem 46 Sekunden dauernden Spot, warum sie Kretschmer wählen wollen. Weil er den jungen Menschen in der Region eine Perspektive gibt, sagt Azubi David Hölker. Weil er sich für die Belange der Händler in der Innenstadt einsetzt, erklärt Geschäftsfrau Doreen Stahlbaum. Weil er als Sportler weiß, was Teamarbeit heißt, meint Drachenbootweltmeister Frank Steiner. Weil er sozial denkt, betont Rentnerin Barbara Hinz.

Widersacher von Kretschmer sind Bürgermeister Jens-Peter Golde von der Wählervereinigung »Pro Ruppin« und die SPD-Kommunalpolitikerin Christiane Doll, eine Frau von der Deutschen Post, die mal ein paar Jahre Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt war. Die 55-Jährige stammt aus dem Westen. Bald nach der Wiedervereinigung ist sie in den Osten gezogen, nach Neuruppin kam sie dann um die Jahrtausendwende.

Kretschmer dagegen ist in Neuruppin geboren, was bei Lokalpatrioten schon mal Punkte bringt, und er ist im nahe gelegenen Wildberg aufgewachsen. Sein Vater war dort Lehrer, seine Mutter Gemeindeschwester. Ronny Kretschmer ließ sich in den Ruppiner Kliniken zum Krankenpfleger ausbilden. Inzwischen ist er Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats in dem mehr als 2200 Beschäftigte zählenden Krankenhauskonzern. Früher mischte Kretschmer mit bei dem über Neuruppin hinaus bekannten linksalternativen Jugendwohnprojekt »Mittendrin«. Einige Jahre war er dort auch Vereinschef. Außerdem ist Kretschmer zehn Jahre lang Stadtvorsitzender der Linkspartei gewesen. Seit 2009 ist er Kreisvorsitzender. Es gibt noch einen vierten Bewerber um das Bürgermeisteramt, den parteilosen Einzelbewerber Kay Noeske-Heisinger, der für die Grünen im Stadtparlament sitzt.

Kretschmer hält aber den Bürgermeister Golde für seinen Hauptkonkurrenten. Der 37-Jährige hat sich vorgenommen, den 20 Jahre älteren Rathauschef erst einmal in die Stichwahl zu zwingen. »Dann geht es um den Sieg« sagt er. In einer Stichwahl ist schließlich alles möglich. Das zeigte sich bereits 2005. Damals schien es schon ausgemachte Sache zu sein, dass der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Bahr neuer Bürgermeister von Neuruppin wird. 49,8 Prozent hatte er in der ersten Wahlrunde erzielt. Beinahe hätte er also gleich auf Anhieb eine absolute Mehrheit geschafft und gar nicht in eine Stichwahl gemusst. Doch dann gelang es Jens-Peter Golde, den Bundestagsabgeordneten noch auf der Zielgeraden abzufangen.

Vermutlich liefen damals die Anhänger der Sozialisten komplett zu Golde über, nachdem die PDS-Kandidatin mit bloß 12,8 Prozent in der ersten Runde ausgeschieden war - ein übrigens peinliches Ergebnis, denn zuvor hatte zehn Jahre lang Otto Theel, ein PDS-Mann, Neuruppin als Bürgermeister regiert. Dass die sanierte Stadt heute so schön anzusehen und ein beliebter Wohnort ist, das darf sich Otto Theel als Verdienst anrechnen. An seinem ausgezeichneten Ruf kratzte aber 2008 die Verurteilung in einem Korruptionsprozess. Otto Theel hatte einem seiner Söhne aus der Patsche geholfen, indem er ihm ein Darlehen von einem Hotelinvestor vermittelte. Dafür musste er mit einer Bewährungsstrafe und der Zahlung einer Geldstrafe von 3000 Euro büßen.

Doch das alles ist Schnee von gestern. Am Sonntag zählt, ob der Stadtverordnete Ronny Kretschmer die Wahlberechtigten unter den mehr als 30 000 Einwohnern der Kreisstadt von sich überzeugen kann. Wie gesagt, Ehefrau Janas Stimme ist bereits gebongt.

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