Von Kira Taszman
13.02.2013
Berlinale

Angesagter Außenseiter

James Franco ist die prägende Figur im diesjährigen Panorama

Er hat James Dean gespielt, den Beatnik-Dichter Allen Ginsberg, aber auch den besten Freund von »Spider-Man«, einen rücksichtslosen Affenforscher oder einen Extremsportler. Kein Kostverächter, könnte man angesichts dieses Rollenspektrums über den 34-jährigen US-Schauspieler James Franco urteilen. Doch wer Francos Filmographie genauer studiert, stellt fest, dass der Frauen- (und Schwulen-)Schwarm einfach keine Berührungsängste hat. Weder mit sperrigeren Independent-Filmen, noch mit Hollywood-Mainstream.

Auch muss man dem Kalifornier zwei Dinge lassen: ein enormes Arbeitspensum und eine gewisse Affinität zu Außenseitern. Kein Wunder also, dass er dieses Jahr in gleich drei Filmen auf der Berlinale zu sehen ist und dass sie allesamt im Panorama laufen.

James, einen psychisch kranken jungen Mann, spielt Franco in »Maladies« (Regie: Carter). James war einmal Serienschauspieler. Nun lebt er zurückgezogen mit seiner ebenfalls psychisch kranken Schwester und einer Freundin in deren Haus am Atlantik. Mit einem riesigen um den Hals baumelnden Fotoapparat - der Film spielt in den 70er Jahren - schießt James poetische Bilder und schreibt im Haus an einem assoziativen Roman. Selbstbewusst und orientierungssicher gibt Franco seine Figur in vertrauter Umgebung. Doch wenn er bei einem verunglückten Abstecher in eine Apotheke total panisch reagiert oder zu Hause während eines Wutanfalls die Zimmereinrichtung zerlegt, macht Franco die Hilflosigkeit und Verzweiflung des jungen Mannes transparent. Wie ein großes Kind wirkt James, nicht von dieser Welt. Mitleid strebt Franco in seiner Performance bewusst nicht an.

Ein Sympathieträger ist er jedoch allemal. Ein Allround-Talent auch, egal, ob er sich als Autor von Kurzgeschichten oder, wie vor einigen Jahren in Berlin, als ausstellender Künstler betätigt. Allerdings zählt sein Auftritt als Moderator der Oscars, den er vor zwei Jahren dauergrinsend im Smoking hinlegte, nicht zu den Glanzpunkten seiner Karriere.

Mehr Enthusiasmus zeigt Franco für Projekte, die ihm wirklich am Herzen liegen. So wie in seinem zweiten Berlinale-Beitrag »Interior. Leather Bar«. Mit seinem Kollegen Travis Mathews hat sich Franco eines Klassikers des schwulen Films - William Friedkins umstrittenen »Cruising« - angenommen. Der wurde zu seinem Start 1980 zensiert: Sexszenen in einer Lederbar wurden herausgeschnitten, das Material gilt seitdem als verschollen. Franco und Mathews haben die Szenen nach ihrer eigenen Vorstellung jetzt in einer Art Pseudodoku nachgedreht. Sie zeigt auch das Casting, bei dem die zumeist schwulen Darsteller spekulieren, ob denn der heiße Hetero Franco auch in dem Film zu sehen sein werde, womöglich sogar nackt? Doch der betätigt sich hier nur als Regisseur, dreht mit der Digitalkamera sogar selbst. Zwar überzeugt dieser merkwürdige Hybridfilm, bei dem man nie weiß, was echt ist und was gestellt, nur bedingt. Doch wenn sich Franco in einer Drehpause sagt, dass er lieber - den im Mainstream verpönten - schwulen Sex im US-Film sehen würde als die allseits akzeptierten Gewaltorgien, wirkt er leidenschaftlich und aufrichtig.

Echten Kino-Schund hat sich dieser nachdenkliche Mime kaum zu Schulden kommen lassen. Statt dessen hat er mit Gus van Sant (»Milk«) gearbeitet oder Robert de Niro als dessen drogenabhängiger Sohn in »City by the Sea« (2002) Paroli geboten.

Dass der Tausendsassa bei seinem unverschämt guten Aussehen auch Verführer spielt, leuchtet ein. Selbst wenn es schmierige Charmeure sind, wie in seinem dritten diesjährigen Berlinale-Film, Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans »Lovelace«. Dort spannt er als »Playboy«-Gründer Hugh Hefner dem Filmbösewicht auf einer Premierenfeier zunächst die Frau aus und stellt diese, die Pornodarstellerin Linda Lovelace aus dem Pornoklassiker »Deep Throat«, dann charmant auf der Bühne vor. Erst später erfährt man, dass er seine Macht auf einer Empore des Zuschauerraums schamlos an ihr ausgenutzt hat. Fieslinge kann James Franco also auch spielen und das ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern Beweis seiner erfrischenden Vielseitigkeit.

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