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Von Sarah Liebigt
13.02.2013

Großstadtkinder

"..wissen was ich mein'. Es muss was los sein. Oder wir gehen ein.*"

Ich wohne in Pankow. Außerhalb des Rings. Des S-Bahnrings. Diese Aussage führt in der Regel dazu, dass mein Gegenüber die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, „Achwehachweh“ ausruft und im schlimmsten Fall anfängt, Rainald Grebes „Brandenburg“ zu singen. Pack was zu essen ein, wir fahrn nach Pa-hankow. Anfangs führte derlei entsetztes, verbal meinen Kopf tätschelndes Gehabe zu rohrspatzähnlichem Gemotze meinerseits. Da ich in so einem Fall zum Berlinern neige, (in jeder anderen Lebenssituation spreche ich Hochdeutsch) wandelte sich das Entsetzen häufig in belustigtes Entzücken. Mittlerweile zucke ich nur noch mit den Schultern. Meistens. „You tiny state people have a really fucked up sense of scale“** zitiere ich dann gern mein Lieblingswebcomic.

Szenekiez: Halli-Galli rund um die Uhr

A:

Angesagte Shops, Cafés und Bars: Gentrifiziert

Ausreichend große, vollausgestattete Küche: Man kommt ohne Probleme zum Kühlschrank durch, zum Aufklappen der Geschirrspülmaschine reicht‘s nicht. Obwohl, wenn die Frau klein genug ist...

Alter Charme in neuem Glanz: Ja, Sie müssen nur die rauchgelben Türen abschleifen, tapezieren hier und da ein klitzekleines bisschen den Boden ausbessern, die Rohre übersehen, die quer durchs Zimmer führen und der teilweisevorhandene Stuck hält auch noch. Eine Küche oder Zentralheizung sind aber für 1500,00 Euro Miete und 3000 Courtage nun wirklich zu viel verlangt. Ach und Staffelmiete.

Da mein Freundes- und Bekanntenkreis nahezu ausnahmslos aus zugereisten Landeiern besteht, kommt diese Situation nicht gerade selten vor. „Öffentlicher Nahverkehr“ ist in ihrer Erfahrungswelt schließlich nichts weiter als der einmal pro Stunde am Marktplatz oder vor der Post abfahrende Bus. Nur wenige haben sich (nach jahrelangem, einem Bootcamp-würdigen Training) mittlerweile daran gewöhnt, dass 30 Minuten mit der U-Bahn fahren nicht als „weit“ zu bezeichnen ist. Alle anderen stolpern ausgehungert und erschöpft über meine Türschwelle, wenn sie, einer Grillabendeinladung folgend, die mörderisch weite Strecke von Friedrichshain/Kreuzberg/Neukölln bis zu mir mit dem Fahrrad bewältigt haben.

All diese Almdudler und Fischköppe sind jedenfalls dem glitzernden, verheißungsvollen und ein bisschen nach Abgasen stinkenden Lockruf der Großstadt gefolgt. Und nun hocken sie in ihrem Kiez wie früher in ihrem Dorf, haben eine Stammkneipe und einen Stammbäcker und sehen eigentlich nichts von Berlin. Ich habe in drei verschiedenen Bezirken (nicht Kiezen!) eine Stammkneipe – was nicht etwa auf ungesunden Alkoholkonsum hinweist. Also bitte, ja!? Sondern allein auf die Tatsache, dass ich der aussterbenden Gattung der gebürtigen Großstädter angehöre. Die weder S-Bahnchaos noch vierzig Minuten Weg vom Feierabendbierchen ins traute Heim aus der Ruhe bringt. Die ihre Homezone hat, aber in der ganzen Welt (also im gesamten Stadtgebiet) zu Hause ist.

Mein Lieblingsrestaurant, in dem man mich kennt, grüßt und ungefragt mein Lieblingsgetränk an den Tisch bringt, befindet sich schon im benachbarten Stadtteil. Ich weiß, wo es das beste Sushi gibt, den besten Kaffee, oder wo ich bei einem Croissant und Kakao auf der Bank sitzen, Ruhe mit Spreeblick genießen oder mich mit dem alten Mann unterhalten kann, der immer die Spatzen füttert. Tanzen gehe ich ausschließlich in Clubs weit außerhalb des Einzugsgebietes meines täglichen Arbeitsweges. Ich bin ja nicht blöd: Nachher läuft mir eine sich am nächsten Morgen als eher unangenehm entpuppt habende Bekanntschaft dauernd über den Weg. Mitunter gucke ich versonnen und ein bisschen mitleidig meinen Freunden beim Tanzen zu. Wie schlimm muss ihre Jugend gewesen sein, wenn selbst der Busfahrer an so einem Morgen danach wusste, dass man mit dem Jungen oder dem Mädchen aus dem Nachbardorf rumge...knutscht hat. Geschweige denn von der gesamten Klasse und dem Schul-Hausmeister und dem gesamten Sportverein.

Ich schweife ab. Aber, überhaupt, das Kulturangebot! 360°-Blick über die Dächer Berlins zum Cocktail, Straßenlärm zu internationalem Fastfood, 80er Jahre Punk zum Wodka, Schnuckedönschen zum erstklassigen Kabarett im Spiegelzelt, Artistik zwischen barocken Säulen, unfreundliche italienische Kellner zur großartigen Pizza oder orientalische Klänge zur Wasserpfeife. Wo die Touristen ziellos umher irren im Dschungel der Bars, Kneipen und Lounges, schlendert der Großstädter nonchalant durch die blaue Stunde zu seinem aktuellen Lieblings-Etablissement.

Und schließlich: Bleibt mir als blutsechter Städterin nur eines übrig zu sagen: Wer nun glaubt, Großstadtbewohner ertränken im Lärm, erstickten im Smog und würden von früh bis spät feiern – der hat überhaupt nichts begriffen. Und wer mir jetzt gar von der ländlichen Stille, der mitunter tröstlichen Einsamkeit auf weiten Wiesen und Feldern vorschwärmen möchte, der sei versichert: einsamer als ein gerade allein lebender Großstadtbewohner an einem Sonntagmittag kann man gar nicht sein. Wenn die letzte Fete gefeiert, der irre, allmorgendlich die Wettervorhersage in den Hof posaunende Nachbar eingeschlafen und selbst das Knacksen der Dielenböden verstummt ist, merkt auch der letzte Großstadt-Single, dass der eigene volle Kalender nicht mit einem auf dem Sofa den Sonntag verkuschelt. Und erst recht nicht abends mit einem Tatort guckt.

Wie auch immer. Wenn vor meinem Balkon Sommer ist, genieße ich den Abend auf selbigem bei sanftem Grillengezirpe und goldenem Sonnenuntergang zwischen den Baumwipfeln. Und nicht etwa bei Trubel, Lärm und Hinterhofgekeife. Oder ich verbringe die Wochenenden bei Bekannten am Stadtrand, inklusive Seebad und frischen Erdbeeren aus dem Garten. Verständlich natürlich, dass ein Landei den Genuss solcher schillernden Facetten nicht mal erahnt. Vom Kiez aus ist es zum Tegeler, Müggel- oder Wannsee ja soweit wie von Berlin bis Bielefeld! Mindestens

*Aus dem Lied „Fahrn“ von den Absoluten Beginnern.

**Übersetzt: Ihr Kleinstadtleute habt ein echt verdrehtes Verständnis von Größenverhältnissen., Comic: www.questionablecontent.net

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